Propagandafilme: "Vernichtet diese Monster!"
Propaganda im Ersten Weltkrieg Der Kaiser, die Bestie von Berlin
Der Krieg war gerade ein paar Stunden alt, da fielen bei Nürnberg schon die ersten Bomben. Wenig später schnitten indische Sikhs im Dienste Großbritanniens schlafenden deutschen Soldaten die Kehle durch und tranken deren Blut. Und die Deutschen? Sie hackten Kindern die Hände ab und waren auch sonst eine brutal-effiziente Mordmaschine: Selbst aus den Körpern ihrer Gefallenen gewannen sie in einer speziellen Leichenfabrik noch Glyzerin für die Herstellung von Munition.
Keine dieser Zeitungsmeldungen war wahr. Geglaubt wurden sie vermutlich trotzdem millionenfach, nicht nur weil die Medien massiv wie nie zuvor Stimmung für den Krieg machten. "Geliebte Lügen" nennt der Historiker Klaus-Jürgen Bremm die Propaganda im Ersten Weltkrieg, weil die Menschen das glauben wollten, was ihre bestehenden Überzeugungen verstärkte.
Das Massensterben hatte schnell dazu geführt, dem Gegner jede Bestialität zuzutrauen. Und so schrieb schon nach wenigen Kriegswochen eine Londoner Zeitung, die Deutschen seien keine Menschen mehr, sondern Monster: Es helfe nur noch, sie zu töten.
Schnell entwickelte sich der Erste Weltkrieg zu einem gewaltigen Feldversuch auf dem Gebiet der Massenbeeinflussung. Dem noch jungen Medium Film wurde dabei eine "überragende Macht" zugeschrieben, wie es etwa im Gründungsdokument der Ufa hieß. Bis 1916 besuchten allein im Kaiserreich 34 Millionen Zuschauer in den Kinos die Wochenschauen der Messter-Film GmbH. Ununterbrochen flimmerten kriegsverherrlichende Streifen wie "Wie Max sich das Eiserne Kreuz erwarb", "Fräulein Feldwebel" oder "Durch Pulverfass und Kugelregen" über die Leinwände. Großbritannien zeigte den Kassenschlager "Britain Prepared" im Frühjahr 1916 sogar 44-mal an der fernen Ostfront, auch wenn der martialische Leinwand-Aufmarsch mitunter von der Artillerie der real kämpfenden Österreicher gestört wurde.
Der Kampf um Worte und Bilder erschien den Regierungen derart wichtig, dass sie Millionen investierten und zahlreiche, oft heillos miteinander konkurrierende Propagandaämter gründeten. Sie sollten desillusionierte Frontsoldaten zum Weiterkämpfen motivieren, Niederlagen in Siege umdeuten und den Durchhaltewillen des eigenen Volkes stärken, es gar von Unruhen abhalten. Es galt, die womöglich kriegsentscheidende Unterstützung neutraler Staaten zu gewinnen.
Am besten vorbereitet schienen anfangs die Deutschen. Schon nach wenigen Wochen hatten sie Millionen Flugblätter und Broschüren etwa mit positiven Berichten über die deutsche Flotte vor allem in neutralen Staaten wie Italien und den USA verteilt. Nervös forderte der spätere Premier David Lloyd George, die Flut der "deutschen Falschmeldungen und Haarspaltereien" müsse besser bekämpft werden.
Kaiser Wilhelm II. war von der patriotischen Berichterstattung in der heimischen Presse derart begeistert, dass er Journalisten auf einem Empfang entzückt zurief: "Sie schreiben ja famos!" Beängstigend für London waren auch die Versuche des Orientexperten Max von Oppenheim, die Muslime in den britischen und französischen Einflussgebieten zum Dschihad gegen ihre Besatzer aufzuhetzen und damit einen Flächenbrand vom Nahen Osten bis nach Afghanistan zu entfachen.
Und dennoch geriet Berlin bald propagandistisch in die Defensive. Die offizielle Lesart vom reinen Verteidigungskrieg war nach dem völkerrechtswidrigen Überfall auf Belgien wenig glaubhaft. Als deutsche Soldaten dort Tausende Zivilisten erschossen und die weltberühmte Bibliothek von Leuven in Brand steckten, war dies eine Steilvorlage für die britische und französische Presse: Karikaturen zeigten sie plündernd inmitten ermordeter Zivilisten, dazu der zynische Ausruf: "Es muss Platz gemacht werden für unsere Kultur!"
Es war der Beginn eines langlebigen Klischees, das die Soldaten aus dem Land der Dichter und Denker fortan als mordlüsterne "Hunnen" und Barbaren porträtierte. Deutsche Offiziere erschienen nun wahlweise als Menschenfresser mit Pickelhaube, Sensenmann (der mit einem Kelch Blut einen Toast auf die Kultur ausspricht) oder Gorilla, der in der Pranke einen Knüppel mit der Aufschrift 'Kultur' schwingt.
Subtiler PR-Angriff auf das neutrale Ausland
Viele Journalisten verstanden sich als Soldaten mit der Feder und mussten gar nicht auf Kurs gebracht werden. Die "Financial News" etwa behauptete dreist, der Kaiser habe Prämien für die Versenkung von Schiffen mit Frauen an Bord ausgelobt. Aber auch die Deutschen scheuten sich nicht, Falschmeldungen wie die über die angebliche Bombardierung bei Nürnberg zu lancieren.
Und doch fürchtete das britische Außenministerium, die heimischen Zeitungen könnten es womöglich mit plumper Hassrhetorik und durchschaubaren Fantasiemeldungen übertreiben - und damit die Glaubwürdigkeit Großbritanniens gefährden. Daher traf sich Premier Herbert Asquith Anfang September 1914 mit dem Journalisten und Kabinettsmitglied Charles Masterman diskret zu einer Runde Golf. Aus der Partie ging der wohl subtilste Versuch hervor, die Öffentlichkeit im neutralen Ausland zu beeinflussen.
Masterman sollte an der Spitze eines neuen Amtes eine versteckte Propaganda betreiben: feinsinnig und scheinbar ausgeglichen im Ton, literarisch auf hohem Niveau. Sie sollte die Eliten im neutralen Ausland als Meinungsmacher überzeugen. Das Credo seiner Behörde: "Es ist besser, diejenigen zu beeinflussen, die selbst andere beeinflussen können, als unmittelbar die Masse der Bevölkerung anzusprechen."
2,5 Millionen Propagandaschriften - in 17 Sprachen
Schon bald waren renommierte Autoren wie Thomas Hardy oder Herbert G. Wells ("Der Krieg der Welten") angeworben. Alle engagierten Autoren warben angeblich als Privatleute für die britische Sache und veröffentlichten weiter in ihren Verlagen - obwohl sie nun vom Staat bezahlt wurden. So entstanden Kriegsromane, in denen sich die Haltung der Regierung wiederfand, der bekannte Schriftsteller John Buchan etwa verfasste ab 1915 in einem monatlichen Magazin eine parteiische "Geschichte des Krieges". Mitunter flog die sorgsam kaschierte Verbindung zur Regierung auf: "Peter Pan"-Erfolgsautor James M. Barrie wurde in den USA als Propagandist enttarnt, und Buchan ging zur Armee.
Trotzdem dürfte die Arbeit Mastermans ein Erfolg gewesen sein. Schon Mitte 1915 hatten seine Mitarbeiter 2,5 Millionen Bücher und Info-Hefte verbreitet, übersetzt in 17 Sprachen. In den USA sammelte der Schriftsteller Gilbert Parker für die Behörde Adressen von insgesamt 260.000 wichtigen Persönlichkeiten und schickte ihnen höflich scheinbar neutrales Hintergrundmaterial zu.
Doch je länger der Krieg dauerte, desto unruhiger wurde die britische Regierung unter ihrem neuen Premier David Lloyd George. Der wertete Mastermans Behörde ab und vertraute lieber dem mächtigen Verleger Alfred Harmsworth: Der König des Boulevards setzte in der Auslandspropaganda nun wieder auf scheinbar Bewährtes - die marktschreierische Ansprache der Massen.
Hollywoods Krieg gegen das Kaiserreich
Nicht nur in Großbritannien spürten die PR-Experten nach und nach die Grenzen der anfangs als Wundermittel gefeierten Propaganda. Der überpathetische, optimistische Tonfall der zensierten Meldungen musste für die kriegsmüden Menschen zunehmend zynisch klingen. Im Kaiserreich empfanden selbst hohe Militärs inzwischen die stets gleichen, harmlosen Bilder der "Wochenschauen" als langweilig, und Kriegsfilme wollte kaum jemand mehr sehen. Resigniert prangerte Anfang 1918 ein Bericht über die deutsche Kinopropaganda in Bulgarien den "primitiven Geschmack" des Publikums an, das lediglich nach "Unterhaltung und Erregung der Lachlust" giere.
Zu diesem Zeitpunkt konnten nur noch in den USA Kriegsfilme wie "Der Kaiser - die Bestie von Berlin" ein Millionenpublikum begeistern; die Regie führte Carl Laemmle, ein nach Hollywood ausgewanderter jüdischer Schwabe. Längst hatte der Krieg auch die Traumfabrik erfasst, Kinostars wie Douglas Fairbanks oder Charlie Chaplin warben für Kriegsanleihen gegen Deutschland.
Als Laemmle sah, wie man beim Publikum mit Filmen gegen die Krauts ankam, legte er sogar noch nach dem gewonnen Krieg nach: Der Film "Herz der Menschlichkeit" von 1919 zeigt einen fiesen "Hunnen", der eine Rotkreuzschwester vergewaltigen will und erst mal ein Kind aus dem Fenster wirft, das ihn dabei stört.
Dieser Text stammt aus SPIEGEL Geschichte. Das Magazin finden Sie hier.