Es gibt unterschiedliche Angaben darüber, wann genau in diesen letzten Apriltagen Adolf Hitler klar wurde, dass es vorbei ist. Mit allem – auch mit seinem Leben. Unbestritten ist aber, dass seine Gemütslage sich massiv verschlechterte, als er am 28. April aus dem Radio erfuhr, dass SS-Reichsführer Heinrich Himmler heimlich von Lübeck aus versucht hatte, mit den Westalliierten zu verhandeln.
Nun sei Hitler auch vom ›treuen Heinrich‹ hintergangen worden, »den er für einen Fels an Treue hielt inmitten des Meeres von Schwachheit und Verrat«, so zitiert der Historiker Volker Heise Hitlers Sekretärin Traudl Junge in seinem Buch »1945«. Darin rekonstruiert er das Schicksalsjahr aus Tagebüchern, Protokollen und anderen Originalquellen und erzählt es aus der Perspektive verschiedener Menschen neu.
Im Frühjahr 1945 tobten in Europa die letzten Wochen des Zweiten Weltkriegs. Von Westen rückten die Streitkräfte der USA, Frankreichs, Großbritanniens, Belgiens und anderer Verbündeter vor, von Osten die sowjetische Rote Armee. In dieser Serie blenden wir zurück in die Zeit vor 80 Jahren, vermitteln mit Texten, Fotos, Videos und Zeitzeugenberichten einen Eindruck davon, was damals geschah und wie unterschiedlich Menschen diese Zeit erlebten.
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Hitler bekam einen Tobsuchtsanfall, schloss Himmler aus der NSDAP und von allen Ämtern aus und erließ einen Haftbefehl. Dem Reichsjugendführer Artur Axmann sagte er, dass es nur zwei Wesen gebe, die ihm treu geblieben seien, Eva Braun und seine Hündin Blondi.
Axmann gehörte wie auch die Familie von Propagandaminister Joseph Goebbels zu dem harten Kern der verbliebenen Nazi-Funktionsträger, die mit Hitler im sogenannten Führerbunker ausharrten. Die Anlage befand sich im Garten der Reichskanzlei, im Hof des Gebäudeensembles zwischen Wilhelm- und Voßstraße. Hitler hatte sie Anfang 1943 bei Albert Speer in Auftrag gegeben. Gebaut hatte das Konstrukt mit 3,5 Meter dicker Betondecke die Hochtief AG, später kam noch ein Meter Verstärkung durch eine sogenannte Zerschellschicht dazu.
Eingang zum Führerbunker im Garten der Reichskanzleien: Eva Hitler hatte »noch einmal die Sonne sehen« wollen
Foto: akg-images / picture allianceIn der Nacht zum 29. April diktierte Hitler der Sekretärin Traudl Junge seine Testamente, ein politisches und ein privates. Im politischen Teil schob der Mann, der für das Sterben von Abermillionen Menschen verantwortlich ist, der sechs Millionen Juden hat ermorden lassen, die Schuld am Krieg »internationalen Staatsmännern« zu, »die entweder jüdischer Herkunft waren oder für jüdische Interessen arbeiteten«. Er selbst habe den Krieg nicht gewollt. Sein Nachfolger als Reichspräsident und Oberbefehlshaber der Wehrmacht solle Großadmiral Karl Dönitz werden, der bisherige Oberbefehlshaber der Reichsmarine. Goebbels ernannte er zum Reichskanzler.
In seinem privaten Testament kündigte er seinen und den Selbstmord seiner langjährigen Geliebten Eva Braun an, »um der Schande des Absetzens oder der Kapitulation zu entgehen«. Seine und die Leiche Eva Brauns sollten sofort verbrannt werden.
Nach dem Diktat heiratete Hitler Eva Braun, sie in einem Kleid aus schwarzer Seide, er in Uniform; es gab Champagner.
Später an jenem Tag berichtete Wilhelm Mohnke, Befehlshaber über die Truppen des Regierungsviertels, dass die Rote Armee sich aus allen Himmelsrichtungen angenähert habe, »der Russe« stehe im Westen schon »300 bis 400 Meter vor der Reichskanzlei«. Hitler fragte, wie lange er noch halten könne. Mohnke sagte: »Höchstens 20 bis 24 Stunden.«
Der 30. April brach an. Um ein Uhr nachts erreichte ein Funkspruch des Oberkommandos der Wehrmacht den Führerbunker. Die Botschaft konnte eindeutiger nicht sein: »Gesamtlage: aussichtlos.«
Am frühen Morgen hockte Hitler in seinem Schlafzimmer auf dem Stuhl neben seinem Bett, berichtete später Mohnke, der Diktator trug noch Pantoffeln und Schlafanzug, darüber einen schwarzseidenen Morgenmantel. »Der Mann«, so Mohnke, »wirkte auf mich sehr gesammelt und gut ausgeschlafen.«
US-Soldat in Hitlers Räumen im Führerbunker: Hockte der Tote in der Sofaecke oder auf dem Armsessel? Wo war das Einschussloch, in der Schläfe?
Foto: dpa / picture allianceSpäter wurden die Hitlers ein letztes Mal lebend draußen gesehen; sie erschienen am Bunkerausgang. Eva Hitler hatte »noch einmal die Sonne sehen« wollen. Mittags sagte Adolf Hitler dann angeblich im Gespräch mit Hans Krebs, dem Generalstabschef des Heeres: »Unterliegt das deutsche Volk, dann soll es krepieren und dem biologisch Stärkeren Platz machen.«
Gegen 14 Uhr versammelten sich Hitler und seine Sekretärinnen plus Diätköchin, um eine kleine Mahlzeit zu sich zu nehmen; auf eine Assistentin wirkte die Tischgesellschaft wie »ein Bankett des Todes«. Der Diktator soll die Zusammenkunft mit den Worten beendet haben: »Nun ist es so weit, es ist zu Ende!«
Kurz nach 15 Uhr sagten die Hitlers ihrem Hofstaat Adieu. Als das Paar sich in seine Privatkammern im Bunker zurückzog, trug Eva Hitler laut Traudl Junge »des Führers Lieblingskleid«, ein schwarzes mit Rosen im Ausschnitt«, ihr Haar sei »gewaschen und schön frisiert« gewesen. Kurz darauf, gegen 15.30 Uhr, schmierte Junge den Goebbels-Kindern Butterbrote. »Plötzlich kracht ein Schuss, so laut, so nah, dass wir alle verstummen.«
»Herr Reichsleiter, es ist passiert!«, lautete wohl die Meldung, die der Kammerdiener Hitlers an dessen Vertrauten Martin Bormann absetzte. Die Szenerie in Hitlers Privaträumen wurde später von unterschiedlichen Zeugen geschildert und bleibt bis heute unklar. Hockte der Tote in der Sofaecke oder auf dem Armsessel? Wo war das Einschussloch, in der rechten Schläfe? Oder schoss er sich in den Mund? Ließ er sich erschießen?
»Hitler saß auf einem Armsessel«, berichtete etwa sein Adjutant, Otto Günsche. »Der Kopf hing über die rechte Schulter, die ebenfalls über die Lehne hing, die Hand schlaff herunterhängend. An der rechten Seite eine Einschussstelle.« Reichsjugendführer Axmann wiederum behauptete: »Die Pistole lag auf dem Teppich. Hitler hatte sich in den Mund geschossen.«
Aus der Reichskanzlei ging ein Funkspruch raus an Großadmiral Dönitz: Hitler habe ihn zu seinem »Nachfolger« bestimmt, er sei nun Oberbefehlshaber der Wehrmacht und Reichspräsident. Dass der Diktator längst tot war, erfuhr Dönitz erst am nächsten Tag.
Gegen 16 Uhr schleppten SS-Leute und Martin Bormann die toten Hitlers durch den Notausgang des Bunkers in den Garten der Reichskanzlei. Dort erwies es sich nicht nur wegen des andauernden Granatenbeschusses als unerwartet schwierig, dem letzten Befehl des »Führers« nachzukommen: ihn zu verbrennen.
US-Soldat am vermeintlichen Verbrennungsort der toten Hitlers: Bis in den Abend hinein dauerte es, nur peu à peu verkohlten die Leichen
Foto: ullstein bildBis in den Abend hinein dauerte es, Benzin musste nachgekippt werden, nur peu à peu verkohlten die Leichen. Als einer der Männer versuchte, die Skelettreste mit dem Fuß tiefer in die Erde zu treten, fielen diese zu einem Aschehaufen zusammen, kurz darauf »flogen schon die einzelnen Flocken im Wind«.
Das sei »schlecht gemacht worden«, beschwerte sich ein anderer Totengräber: »Ganz primitiv in einen Bombentrichter rein, mit Benzin übergießen … das verbrennt doch nicht. Benzin brennt doch nach oben weg.« Mit einem Holzstapel, so sein Resümee, wäre es leichter gewesen. Gegen 23 Uhr packten die Männer Adolfs und Evas Reste auf eine Zeltplane, senkten diese in einen Granattrichter ab und häuften Erde darüber, so schilderte es Adjutant Günsche.
Dem Mann, der die Ermordung von vielen Millionen Menschen zu verantworten hatte, war es nicht gelungen, die Entsorgung seiner eigenen Leiche vernünftig zu planen.
Auch der Plan eines spurlosen Verschwindens – falls das die Idee war – ging nicht auf. Die Russen konnten trotz der stundenlangen Verkokelung bei späteren Nachforschungen die Überreste anhand der Zähne und entsprechender Unterlagen des Zahnarztes identifizieren.
Seit 22.40 Uhr flatterte auf dem Dach des Reichstags das rote Banner der Sowjetunion; ein Rotarmist namens Michail Minin hatte die Flagge gehisst. Das ikonische Bild, das jenen Triumph zeigen soll, wurde indes am 2. Mai erst mit anderen Soldaten nachgestellt.
Flagge auf dem Reichstag: Nachgestellte Ikone des Sowjet-Siegs über Hitlerdeutschland
Foto: Jewgeni Chaldej / Tass / dpaSiegerbilder: Seit 22.40 Uhr flatterte auf dem Dach des Reichstags das rote Banner der Sowjetunion
Der verbliebene Trupp Hitler-Getreuer im Bunker beschloss, dass Hans Krebs, Generalstabschef des Heeres, mit dem russischen Oberkommando über einen Waffenstillstand verhandeln sollte. Noch in derselben Nacht erreichte Krebs das Hauptquartier der Roten Armee am Schulenburgring. Er berichtete von Hitlers Selbstmord. In Moskau wurde Josef Stalin geweckt. »Jetzt hat er ausgespielt, dieser elende Schurke«, soll der Sowjetführer gesagt haben. Und: »Schade, dass es nicht gelungen ist, ihn lebend zu fassen.«
Hans Krebs, zurück im Führerbunker, überbrachte die Botschaft: Die Russen verlangten eine Kapitulation. Joseph Goebbels lehnte ab. Erst, als er und seine Frau später an jenem 1. Mai ihre sechs Kinder ermordet und dann sich selbst getötet hatten, war der Weg frei.
Am frühen Morgen des 2. Mai ließ sich der Kampfkommandant von Berlin, Helmuth Weidling, nach Verhandlungen mit den Sowjets darauf ein, über Lautsprecherwagen einen Aufruf zu verbreiten: »Am 30. April 1945 hat der Führer Selbstmord begangen und damit alle, die ihm Treue geschworen hatten, im Stich gelassen«, formulierte der General. Und: »Ich ordne die sofortige Einstellung jeglichen Widerstandes an.«
Um 7.50 Uhr unterzeichnete Weidling den Befehl zur Kapitulation von Berlin. Jetzt, endlich, war der Weg frei. Jetzt konnte Stille einkehren und das große Sterben ein Ende finden.
Erstürmung der Reichskanzlei: »Jetzt hat er ausgespielt, dieser elende Schurke«
Chronik: Was in dieser Woche vor 80 Jahren passierte
In Wien unterzeichnen Vertreter der SPÖ, ÖVP und KPÖ die »Proklamation über die Selbständigkeit Österreichs« und erklären damit den »Anschluss« ans »Deutsche Reich« für nichtig.
Von der untergetauchten Jüdin über den US-Soldaten bis zum NS-Propagandaminister: Begleiten Sie mit uns sieben Menschen bis zum Kriegsende – in jeder Folge kommen vier von ihnen zu Wort.
Der US-Soldat Melvin J. Lasky, der als Militärhistoriker die Truppen der 7. US-Armee bei ihrem Vormarsch begleitete, freute sich über das Sortiment einer Bücherei in Darmstadt. »Ich war überrascht, wie willkürlich die Nazifizierung dieser Schulbücherei wirkte«, schrieb er am 27. April.
Selbstverständlich stehe dort »hitlertreue Literatur aller Arten«. Aber offenbar »ließ sich die alte liberale Kultur Deutschlands nicht ganz ausrotten«, so der 25-jährige Oberleutnant. »Auf jedem Brett standen einige Werke, die als stummer Protest gegen die totalitäre Geisteshaltung ihren Platz behaupteten.«
Ansonsten war Lasky beeindruckt, wie gut die hessische Verwaltung mit den Amerikanern kooperierte. Selbstkritisch erwähnte er, dass die US-Soldaten Plünderungen in den Schlössern und Museen begingen: »Der Verlust vieler wertvoller Stücke wurde gemeldet – durchmarschierende Truppen hatten sie mitgehen lassen«, notierte der US-Soldat am 28. April. »GIs haben sich unbezahlbare Schätze aus dem Kölner Museum und der Universität Straßburg, die in dieser Gegend in geheimen Depots lagerten, als persönliche Trophäen mitgenommen.«
Das Ausmaß der Zerstörung in den deutschen Städten entsetzte den Soldaten. Besonders bedrückte ihn der Anblick der Ruinen von Heilbronn: »Heilbronn in seiner Verwüstung war fast abstoßend«, schrieb er am 30. April in sein Tagebuch.
Umso mehr bezauberte Lasky das Idyll der Landschaften. »Auf den Wegen durch Täler und Berge« sah er »wunderbare Hänge mit üppigem Grün bewachsen« und »geheimnisvolle Festungen, die aus friedlichen Ebenen steil und majestätisch aufragten«.
Melvin J. Lasky (1920–2004) wurde 1943 in die U.S. Army einberufen. Als »Combat Historian« begleitete der Sohn polnischer Juden aus New York die Truppen der 7. US-Armee bei ihrem Vormarsch auf Deutschland.
Quelle: Melvin Lasky: »Alles war still: Deutsches Tagebuch 1945«, aus dem Englischen von Christa Krüger und Henning Thies. Rowohlt 2014.
Die Berliner Sekretärin Brigitte Eicke hielt sich mittlerweile fast ausschließlich im Keller ihres Hauses in der Immanuelkirchstraße auf. Mit den anderen Hausbewohnern spielte sie Karten und erzählte sich Geschichten.
Die Furcht vor dem, was kommt, begleitete sie ständig. »Die Russen rücken immer näher, und wir haben alle Angst«, so Eicke am 27. April. Am Tag darauf kam eine Tante aus dem Norden Berlins zu den Eickes am Prenzlauer Berg.
»Tante Walli ist heute angekommen. Sie hat Furchtbares durchgemacht«, schrieb Eicke. »Die Russen sind in Reinickendorf schon eingezogen, und Tante Walli ist auch vergewaltigt worden, es ist schrecklich.« Die Frau habe ihr Leben riskiert, um den Soldaten zu entrinnen: »Sie ist über die Barrikaden geklettert, durch den Beschuss durch, nur um zu uns zu kommen, die gute treue Seele«, schrieb Eicke.
Die junge Frau rechnete jeden Moment damit, verschleppt zu werden oder fliehen zu müssen: »Ich habe mir jetzt alles doppelt angezogen, Wäsche und Kleider«, so Eicke.
Am 30. April, dem Tag von Hitlers Selbstmord, stellte sich Eicke unter Lebensgefahr für Lebensmittel an, die Kämpfe wüteten unmittelbar in ihrem Viertel. »Die Frauen stehen immer schon in der halben Nacht auf, um Brot zu holen. Wir sind heute auch gegangen«, notierte sie.
»Da müssen wir immer eine Kanne Wasser mitbringen und uns anstellen, immer die Treppen hoch, weit oben ist es natürlich sehr gefährlich, und viele haben da schon was abgekriegt. Fleisch und Wasser haben wir dann heute auch geholt«, so die 18-Jährige. »Das Wasserholen ist auch ein Todesunternehmen.«
Am 2. Mai erfuhr Brigitte Eicke vom Suizid Hitlers. »Um 3 Uhr kam Frau Schöbs in den Keller und sagte: Der Führer ist tot, der Krieg ist aus. Ich konnte nur einen Schrei ausstoßen«, schrieb sie. »Wir sind auf die Straße gegangen, da zogen alle Soldaten zurück, es ist so traurig.«
Zusammen mit ihrer Tante und anderen Bewohnern aus ihrer Straße machte sich Eicke daran, das nahe gelegene Kreishaus der NSDAP in der Goebbelssiedlung zu plündern: »Wir mussten auf dem Berg über Leichen steigen. Eine alte Frau lag da, die hat gebrannt«, schrieb die junge Frau.
Im Kreishaus hatte die NSDAP verschiedene Güter gehortet: »Die Männer haben eine Tür nach der anderen aufgebrochen und es war alles da, Zigaretten, Wein, Schnaps, Krem, Kartenspiele, Sachen, Stiefel.«
Eicke griff sich in der Eile nur Pflegeprodukte: »Ich habe in der Hast ein paar Kremdosen greifen können, anstatt vielleicht Stiefel zu nehmen. Dann sind wir raus, es war zu unheimlich da drin.«
Brigitte Eicke (1927–2016) begann 1942 als 15-Jährige mit ihren Stenografieaufzeichnungen. Die Sekretärin lebte gemeinsam mit Mutter und Hund in Berlin. 1945 arbeitete sie im Berliner Warenhaus der Bekleidungsgesellschaft, das vormals den Namen N. Israel trug, dann aber zwangsarisiert wurde.
Quelle: Brigitte: Backfisch im Bombenkrieg. Notizen in Steno, hrsg. von Barbara Felsmann, Annett Gröschner und Grischa Meyer, Matthes & Seitz 2013.
Derweil überstürzten sich im Konzentrationslager Dachau die Ereignisse: Der niederländische KZ-Häftling Nico Rost verfasste jetzt in immer kürzeren Abständen Einträge in seinem Tagebuch.
Am 27. April notierte Rost: »8 Uhr: In München soll Ritter von Epp, Hitlers Gauleiter, die Unabhängigkeit Bayerns proklamiert haben. Bedeutet das Bayerns Kapitulation? Dann wären wir gerettet.
11 Uhr: Es ist nur noch sehr wenig SS im Lager, die meisten scheinen tatsächlich heute Nacht abgezogen zu sein.
12 Uhr: Der Geschützdonner, der gestern verstummt war, ist wieder deutlich hörbar, wird immer heftiger, kommt immer näher!
Nachmittags 3.30 Uhr: Komme gerade vom Appellplatz. Wieder ein neuer Transport eingetroffen. Evakuierte aus anderen Lagern. Sie liegen zu Hunderten auf dem Boden, völlig erschöpft, ausgehungert – sterbend. … Ein Deutscher von der Lagerpolizei schrie: ›Wer noch lebt, soll sich melden!‹. Nur ein paar Arme hoben sich. … Niemals war der Anblick des grässlichen Appellplatzes entsetzlicher.«
Am 29. April 1945 wurde das KZ Dachau durch Einheiten der US-Armee befreit. Rost notierte an diesem Tag morgens um 6.30 Uhr: »Die SS hat eine weiße Fahne gehisst! Am Eingang ihres Lagers. Die Aufregung ist unbeschreiblich. Jeder, der nur irgendwie kann, läuft zum Appellplatz, von wo aus man die Fahne sehen kann.«
Befreiung des KZ Dachau
Foto: dpa / picture allianceEs dauerte bis zum Nachmittag, bis die Amerikaner sich näherten. Rost: »Ganz langsam und vorsichtig kamen sie heran, ihre Maschinenpistolen im Anschlag … Es war genau 5.28 – nach der Uhr der Kommandantur –, als sich das große Tor öffnete.«
Vorsichtig hätten die US-Soldaten das Lager betreten. »Nun gab es kein Halten mehr«, schrieb Rost. »In einem einzigen, brüllenden, jubelnden, lang anhaltenden Schrei entlud sich die aufgespeicherte Spannung der letzten Stunden, und Tausende stürzten auf die Amerikaner zu: lachend, weinend, rufend…«
Bereits 1933 von den Nationalsozialisten ins KZ Oranienburg verschleppt, war der niederländische Kommunist und Schriftsteller Nicolaas Rost nach seiner erneuten Verhaftung erst im KZ Herzogenbusch und dann in Dachau interniert. Rost war im Lager als Pförtner und Läufer tätig, unter enormen Risiken führte er heimlich Tagebuch.
Quelle: Nico Rost: Goethe in Dachau: Ein Tagebuch. Ullstein 2000.
Derweil riskierte Flakhelfer Dieter Borkowski sein Leben, um sich durch die umkämpften Straßen Berlins zum Flakturm in Friedrichshain durchzuschlagen. Unweit des Schlosses wurde er von der SS für einen Deserteur gehalten und verhaftet.
Dem 16-Jährigen gelang zwar die Flucht, jedoch lief er danach sowjetischen Soldaten in die Arme – sie ließen den Jungen am Leben. Die Kämpfe um ihn herum waren für Borkowski schwer erträglich.
»Überall sieht man Gefallene und Verwundete liegen. Es ist furchtbar, dass ich keinem helfen kann, ich habe nicht einmal Verbandszeug bei mir«, notierte er am 27. April. Als er weiterhastete, traf ihn ein Granatsplitter über dem rechten Auge, ein zweiter streifte sein Knie.
»Ich achtete nicht darauf, bis mir flau wurde«, schrieb Borkowski. Dann wurde er von Matrosen verbunden und schleppte sich weiter. Als er seinen Dienstort erreichte, bot sich ihm ein Bild des Grauens: »In den fünf Stockwerken des Flakturmes liegen überall Tote und Verwundete, ein widerwärtiger süßlicher Geruch durchzieht den Turm.« Die Flakhelfer erhielten den Befehl, die neue Hauptkampflinie in der Höchste Straße zu beziehen.
Am 30. April notierte er: »Es kommt keine Ablösung mehr, wir sind hundemüde und haben nur noch einen Wunsch, endlich mal auszuschlafen, uns waschen zu können und satt essen zu dürfen.«
Als der Teenager am 2. Mai erfuhr, dass Hitler sich umgebracht hatte, verlor er die Fassung: »Mir wird bei diesen Worten schlecht, als ob ich mich übergeben müsse. Ich glaube, dass mein Leben keinen Sinn mehr hat. Wofür also diese Schlacht, wofür der Tod so vieler Menschen?«
Dieter Borkowski war im August 1944 als Luftwaffenhelfer zur Wehrmacht einberufen worden, der 16-Jährige erlebte das Kriegsende in Berlin. Sein Tagebuch rekonstruierte er nach dem Krieg aus dem Gedächtnis.
Quelle: Dieter Borkowski: »Wer weiß, ob wir uns wiedersehen: Erinnerungen an eine Berliner Jugend«, Fischer Verlag 1980.
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Die letzten Wochen des Zweiten Weltkriegs – Folge 1: »Skelette von Menschen kamen mir entgegen«12 Min
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Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version war, bezogen auf den 30. April 1945, von Eva Braun die Rede, die zu diesem Zeitpunkt aber bereits Eva Hitler hieß. Wir haben die Textstelle angepasst. Außerdem haben wir das dazugehörige Foto ausgetauscht. An dem zuvor gezeigten Bild gab es Zweifel, ob es wirklich Eva Braun zeigt – oder die ihr sehr ähnliche Schwester Gretl. Wir haben es ersetzt mit einem Foto, das mit einer höheren Wahrscheinlichkeit Eva zeigt.