Als US-Panzerverbände sich am 11. April 1945 dem SS-Standort Buchenwald näherten, harrten noch rund 21.000 Häftlinge im Konzentrationslager aus. Unter ihnen: der sozialdemokratische Journalist und spätere Politiker Ernst Thape (1892–1985).
Im Frühjahr 1945 tobten in Europa die letzten Wochen des Zweiten Weltkriegs. Von Westen rückten die Streitkräfte der USA, Frankreichs, Großbritanniens, Belgiens und anderer Verbündeter vor, von Osten die sowjetische Rote Armee. In dieser Serie blenden wir zurück in die Zeit vor 80 Jahren, vermitteln mit Texten, Fotos, Videos und Zeitzeugenberichten einen Eindruck davon, was damals geschah und wie unterschiedlich Menschen diese Zeit erlebten.
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Dank seines Tagebuchs und anderer Quellen lassen sich die dramatischen Stunden der Befreiung des Lagers sowie der Machtübernahme der KZ-Häftlinge rekonstruieren.
Am Morgen des 11. April schrieb Thape: »Es geht die Sage, wir sollen alle mit der Bahn transportiert werden. (…) Niemand – auch nicht die Lagerleitung – hat mehr einen Überblick. (…) Es ist 9.00 Uhr. Ich liege wieder auf dem Bett, habe Wache und kann nicht hinaus.«
Um kurz vor zehn Uhr kündigte Lagerkommandant Hermann Pister den Abzug der SS an; der Lagerälteste Hans Eiden und Franz Eichhorn wurden ans Lagertor befohlen. Um zehn Uhr ertönte die Sirene »Feindalarm«. Über Lautsprecher kam der Befehl: »Sämtliche SS-Angehörige sofort aus dem Lager!«
In den Tagen nach der Befreiung entstand diese US-Filmaufnahme des Lagertors von Buchenwald
Daraufhin gab das internationale Lagerkomitee illegal beschaffte Waffen aus. Gegen Mittag flohen die Angehörigen der SS-Kommandantur, um 13 Uhr näherten sich die ersten zwei US-Panzer dem Kalksteinbruch in unmittelbarer Nähe des Lagers. Bald darauf begannen schwere Gefechte zwischen US-Truppen und der SS westlich des Lagers.
Thape notierte: »14 Uhr. Ganz nahe wird gekämpft. Man hört Maschinengewehr-Feuer. (…) Tatsache ist, dass jetzt im Großen Lager keine SS mehr ist. Aber Tatsache ist auch, dass die Türme noch besetzt sind und der Draht geladen.«
Um 14.45 sammelten sich die bewaffneten Widerstandsgruppen unterhalb des Appellplatzes und entwaffneten die noch verbliebenen SS-Männer; die Häftlinge begaben sich zum Haupttor mit dem Wachturm.
Der Lagerälteste Eiden hisste auf dem Turm die weiße Fahne. Um 15.15 Uhr wandte er sich per Lautsprecheranlage an die Häftlinge: »Kameraden, wir sind frei! Die SS ist geflohen! Haltet Ruhe im Lager, wir geben euch weitere Informationen.«
Nach der Befreiung filmten US-Kameramänner die Zustände im Konzentrationslager Buchenwald
Die Widerstandsgruppen übernahmen die Kontrolle über das Lager, insgesamt nahmen sie 76 versprengte SS-Angehörige gefangen.
Thape notierte: »15.45 Uhr. Alles ist vorüber. Jetzt beginnt das Chaos. Wildes Stimmengewirr. (…) Viele Franzosen stehen mit Gepäck, den Mantel auf dem Arm da, als käme jetzt gleich der Omnibus, sie abzuholen.«
Gegen 17 Uhr traf als einer der ersten Alliierten US-Sergeant Paul Bodot am Lagertor ein. Bodot schrieb später über seine Ankunft im KZ: »Dann kam es zu einer überwältigenden und unvergesslichen Szene: Hunderte von Deportierten kamen wie eine Flutwelle auf uns zu, schrien vor Freude und rissen die von der SS installierten Stacheldrahtreihen ein.«
Der vierjährige Joseph Schleifstein aus Polen gehörte zu den rund 900 Kindern, die zum Zeitpunkt der Befreiung im KZ Buchenwald lebten (US-Aufnahme von den Tagen nach der Befreiung)
Kurz darauf betrat der Amerikaner in Buchenwald eine Baracke mit Kranken: »Im Halbdunkel sah ich Deportierte wie Zombies in einem Gang schwanken, andere saßen auf dem Boden, die meisten lagen zu viert oder fünft auf Pritschen, die für einen Häftling vorgesehen waren. In ihren Blicken konnte man das ganze Elend der Welt lesen.«
Im befreiten Konzentrationslager übernahm der Lagerälteste Eiden die Funktion des Lagerkommandanten. Ein Lagerrat und verschiedene Kommissionen wurden eingesetzt, um das Überleben der Menschen zu sichern. Dennoch starben in den ersten Tagen nach der Befreiung noch Hunderte an Erschöpfung, Hunger, Krankheiten.
Ernst Thape benötigte einige Zeit, um zu realisieren, dass das Grauen nun ein Ende gefunden hatte. Am 13. April schrieb er: »Mir ist immer noch wie dem Reiter über dem Bodensee. Ich kann noch fast nicht begreifen, dass ich durch diese unglaubliche Fülle von Tod und Elend, die mich jahrelang umgab (…) so selbstverständlich gegangen bin.«
Fassungslos reagierten die KZ-Häftlinge von Buchenwald auf die Ankunft der Amerikaner (US-Aufnahme von den Tagen nach der Befreiung)
Während in DDR-Zeiten der Mythos gepflegt wurde, dass die kommunistischen Buchenwald-Häftlinge sich selbst vom Joch der Nazis befreit hätten, weiß man heute, dass das Lagerkomitee viel zu wenige Waffen besaß, um die SS zu überwältigen. Sie war bereits geflohen, als die Amerikaner am Nachmittag des 11. April das Lager befreiten.
Die deutsche Zivilbevölkerung bekam wenige Tage nach der Befreiung von Buchenwald einen ersten Einblick in die Grauen eines KZ: Am 16. April 1945 zwangen US-Soldaten tausend Bürger von Weimar, das Lager zu besichtigen. Die Bilder der Fotografin Margaret Bourke-White zeigen Abscheu in den Gesichtern, auch Scham, manche drehen ihre Köpfe weg.
Was in dieser Woche vor 80 Jahren passierte
Häftlinge werden zu Todesmärschen aus dem Konzentrationslager Buchenwald und dessen Außenlagern in Richtung KZs Dachau, Flossenbürg, Theresienstadt gezwungen
Von der untergetauchten Jüdin über den US-Soldaten bis zum NS-Propagandaminister: Begleiten Sie mit uns sieben Menschen bis zum Kriegsende – in jeder Folge kommen vier von ihnen zu Wort.
In seinem Tagebucheintrag vom 8. April 1945 beschrieb der Berliner Flakhelfer Dieter Borkowski, wie sein Kamerad Udo angesichts der Todesnachricht von Mutter und kleiner Schwester einen Nervenzusammenbruch erlitt.
»Lange stierte er vor sich hin, keiner konnte mit ihm ins Gespräch kommen. Dann sprang er plötzlich auf einen Hocker, riss das große Führerbild von der Wand, schmiss es hin, spuckte drauf und trat mit den Schuhen auf Hitlers Kopf herum. Er war wie toll und schrie: ›Das danken wir alles unserem geliebten Führer!‹«
Niemand habe den jungen Mann beruhigen können. Schließlich sei der Unteroffizier gekommen, habe Udo abgeführt und eingesperrt. Borkowski: »Man munkelt, dass er vor ein Kriegsgericht kommen kann.«
Zudem notierte der 16-Jährige, wie es um seine Mutter bestellt war. »Unsere Mutter musste nach der Verschüttung ins Krankenhaus und wurde operiert.« Da sein Bruder Guntram nun ganz allein sei, entschied sich Borkowski, einen Urlaubsantrag zu stellen, um sich um ihn zu kümmern. »Denn Guntram ist erst 14 Jahre alt.«
Dieter Borkowski war im August 1944 als Luftwaffenhelfer zur Wehrmacht einberufen worden, der 16-Jährige erlebte das Kriegsende in Berlin. Sein Tagebuch rekonstruierte er nach dem Krieg aus dem Gedächtnis.
Quelle: Dieter Borkowski: »Wer weiß, ob wir uns wiedersehen: Erinnerungen an eine Berliner Jugend«, Fischer Verlag 1980.
Um jeglichen Widerstand innerhalb der Bevölkerung zu brechen, ordnete Joseph Goebbels ein drakonisches Vorgehen an: Weil etwa 200 Menschen am 6. April in Berlin-Rahnsdorf gegen die völlig unzureichende Brotzuteilung protestiert hatten, wurden die Rädelsführer hingerichtet.
Eine Frau habe er begnadigt, die »beiden anderen zum Tode Verurteilten lasse ich noch in der Nacht enthaupten«, so Goebbels in seinem Tagebucheintrag vom 8. April: »So muss man vorgehen, wenn man in einer Millionenstadt Ordnung halten will.«
Mitleid hatte Goebbels weder mit den Angehörigen noch den Not leidenden Berlinern, sondern – mit Adolf Hitler. »Der Führer muss eine Nervenkraft ohnegleichen aufwenden, um in dieser überkritischen Situation die Haltung zu bewahren. Aber ich habe doch die Hoffnung, dass er diese Situation meistern wird«, so Goebbels am 8. April.
Insgesamt zeigte sich der NS-Politiker wenig zuversichtlich: »Ich erlebe ein Wochenende voll von Sorgen, seelischen und materiellen Belastungen und wohl auch von Zweifeln«, notierte er. In dieser Situation bekam er Besuch von seiner Ehefrau. »Magda ist von Schwanenwerder aus nach Berlin zu Besuch gekommen«, schrieb er am 8. April. »Ein etwas melancholischer Abend, an dem eine böse Nachricht nach der anderen ins Haus hineinstürzt.«
Am Tag darauf berichtete Goebbels davon, dass US-Truppen in Thüringen auf das Versteck des Reichsbank-Goldschatzes gestoßen seien: »Dort sind in den Salzbergwerken unsere gesamten Goldreserven in Höhe von hundert Tonnen und dazu noch ungeheure Kunstschätze, u. a. die Nofretete, in die Hände der Amerikaner gefallen.«
Der NS-Politiker war erschüttert: »Man könnte sich sämtliche Haare ausraufen, wenn man sich vorstellt, dass die Reichsbank Ostern macht und unterdes unser gesamter Goldvorrat vom Feind erbeutet wird.« Was er nicht erwähnte: In den Schachtanlagen lagerte auch von der SS in den Konzentrationslagern erbeutetes Raubgut, darunter Kunstwerke und Zahngold.
Am 7. April 1945 stießen US-Soldaten in den Salzstock bei Merkers vor – dort entdeckten sie tonnenweise Gold, Devisen, Kunstwerke und Raubgut aus Konzentrationslagern (zeitgenössische Filmaufnahme)
Seit 1923 führte Joseph Goebbels (1897–1945) regelmäßig Tagebuch, die Aufzeichnungen des NS-Propagandaministers wurden in mehreren Bänden posthum veröffentlicht.
Quelle: Joseph Goebbels: Tagebücher in fünf Bänden 1924–1945, Band 5: 1943–1945, Piper Verlag 2008.
US-Oberleutnant Melvin J. Lasky, der als Militärhistoriker den Truppen der 7. Armee bei ihrem Vormarsch folgte, befand sich mittlerweile in Rheinland-Pfalz. Am Abend des 6. April besuchte der 25-Jährige mit einem Jeep die Stadt Landstuhl und erhaschte einen Blick auf die Burg Nanstein.
»Diese Gegend hat anscheinend weniger Kriegsschäden abbekommen als die Frontregionen«, schrieb Lasky am 7. April. Tag für Tag gebe es »kleinere Schießereien. Auch wird weiterhin geplündert. Doch im Großen und Ganzen herrscht Frieden«, so der 25-Jährige.
Die Wirtschaft liege indes völlig am Boden: »Die wichtigsten Fabriken sind allesamt zerstört; Bergwerke sind ohne Strom, und es wird ein halbes Jahr dauern, ehe der Betrieb wieder aufgenommen werden kann.«
Die Deutschen, so Lasky, bemühten sich, Straßen und Gebäude wieder zu reparieren. Auch die Toten würden wieder ordentlich begraben: »Jetzt bedeckt wieder richtige Erde die Toten, und mit einem Grabstein beginnt Europas schöne neue Welt.«
Am 8. April wurde das Hauptquartier der 7. Armee nach Darmstadt verlegt – Lasky äußerte sich entsetzt über den Anblick der zerstörten Stadt: »Unfassbar, wie Darmstadt zugerichtet ist«, schrieb er.
»Alle Gebäude zerbombt, ganze Häuserblocks dem Erdboden gleichgemacht. Wir sind viele Kilometer gefahren und trauten unseren Augen nicht. Eine ganze Stadt war verschwunden.«
Melvin J. Lasky (1920–2004) wurde 1943 in die U.S. Army einberufen. Als »Combat Historian« begleitete der Sohn polnischer Juden aus New York die Truppen der 7. US-Armee bei ihrem Vormarsch auf Deutschland.
Quelle: Melvin Lasky: »Alles war still: Deutsches Tagebuch 1945«, aus dem Englischen von Christa Krüger und Henning Thies. Rowohlt 2014.
Die angehende Ärztin Wolfhilde von König litt vor allem unter der Ungewissheit, was die Zukunft bringen würde. Auch die Arbeit lenkte sie nicht ab. »12 Stunden Krankenhausdienst liegen wieder hinter mir, natürlich wieder mit vier Stunden Kelleralarm. Aber wen erschüttert das noch«, notierte die 19-Jährige am 7. April.
Die junge Frau sehnte sich danach, konkrete Pläne zu schmieden. »Aber dieses Abwarten und Erwägen ist so zermürbend. Viel besser wäre eine Arbeit, die einem nicht zum Nachdenken Zeit lässt. Kommt Zeit, kommt Rat«, schrieb sie.
Am 9. April berichtete von König über einen »schweren Terrorangriff« auf München, der vor allem die Randgebiete der Stadt zerstört habe: »Man werde sich »an die vielen Kleinalarme und Vollalarme gewöhnen müssen.«
Von ihrer nationalsozialistischen Überzeugung rückte von König nach wie vor nicht ab. Den vorwärtsdrängenden Alliierten begegne »überall der Widerstandswille einer Bevölkerung, die sich nicht unterkriegen lässt«, notierte sie am 11. April.
Auch dem Märchen der ungebrochenen Kampfkraft schenkte sie noch Glauben: »Die Seele des Freiheitskampfes ist der ›Werwolf‹. Hitlerjunge und Volkssturmmann gehören ihm an«, so von König. Ihr Ziel sei es, »den Nachschub des Feindes im Rücken der Fronten zu sprengen und ihm so schwere Verluste beizufügen.«
Wolfhilde von König (1925–1993), überzeugte Nationalsozialistin und angehende Ärztin aus München, arbeitete bei Kriegsende als Freiwillige in einem Krankenhaus.
Quelle: »Kriegstagebuch einer jungen Nationalsozialistin: Die Aufzeichnungen Wolfhilde von Königs«, herausgegeben von Sven Keller (»Schriftenreihe der Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte«, Band 11), De Gruyter 2015.
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