Die ersten Bomben fielen am Abend des 13. Februar 1945 um 22.13 Uhr. In der Nacht warfen 796 britische Lancaster-Bomber ihre tödliche Fracht in zwei Angriffen fächerförmig über der Stadt ab. Am folgenden Tag erfolgte die Flächenbombardierung durch 311 amerikanische B-17-Bomber.
In der britischen Wochenschau wurden die Angriffe als »größte Luftoffensive des Kriegs« gefeiert, wie der Sprecher eines Filmclips erläuterte.
»Mit schrecklicher Präzision gehen Massen von Sprengstoff auf die Stadt nieder«, hieß es weiter. Welches Leid die Bomben am Boden erzeugten, zeigten die Luftaufnahmen freilich nicht.
Sehen Sie hier Original-Bilder aus der britischen Wochenschau:
»Niemals habe ich es für möglich gehalten, dass Tote in so vielen Gestalten den Gräbern übergeben werden könnten«, schilderte Hanns Voigt, Leiter der Abteilung »Tote« in der Dresdner Vermisstenzentrale, seine Eindrücke:
»Verbrannte, Verkohlte, Zerstückelte, Teile von ihnen, als unkenntliche Masse, scheinbar friedlich schlafend, schmerzverzerrt, völlig verkrampft, gekleidet, nackt, in Lumpen gehüllt oder als ein kümmerliches Häufchen Asche, darunter Reste verkohlter Knochen. Und über allem der beizende Rauch und der unerträgliche Verwesungsgestank.«
Im Frühjahr 1945 tobten in Europa die letzten Wochen des Zweiten Weltkriegs. Von Westen rückten die Streitkräfte der USA, Frankreichs, Großbritanniens, Belgiens und anderer Verbündeter vor, von Osten die sowjetische Rote Armee. In dieser Serie blenden wir zurück in die Zeit vor 80 Jahren, vermitteln mit Texten, Fotos, Videos und Zeitzeugenberichten einen Eindruck davon, was damals geschah und wie unterschiedlich Menschen diese Zeit erlebten.
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Zumindest die Neugeborenen aus der Dresdner Frauenklinik konnten gerettet werden. Hebamme Martha Marquart erinnerte sich:
»Über Trümmer und Glashaufen trugen wir sie ins Freie. Überall brannte es, lagen Tote, flüchteten schreiende Menschen. Ärzte hatten schon einen Lastwagen angehalten, legten die Babys auf den Hänger. (…) Im Morgengrauen lief ich zurück in die Klinikruine. Dort fand ich einen unversehrt gebliebenen Kühlschrank, in dem ich einen Rest Milch fand. Damit benetzten wir den Babys die Lippen.«
Eine Historikerkommission wies 2010 nach, dass bei den Bombardements bis zu 25.000 Menschen starben.
Verbrennung von Toten auf dem Altmarkt in Dresden (1945): »Über allem der beizende Rauch und der unerträgliche Verwesungsgestank«
Foto:AKG / ullstein bild
Dennoch kursieren bis heute vor allem im rechten Milieu deutlich höhere Todeszahlen: Von »100.000 Opfern« sprach etwa AfD-Parteichef Tino Chrupalla 2020 im SPIEGEL. Auch die Legende alliierter Tiefflieger, die in Dresden gezielt Hatz auf Zivilisten gemacht hätten, hält sich hartnäckig.
Die Kommission stellte jedoch fest: Für das »lange Zeit populäre Erzählbild eines ›Blutbads‹«, das alliierte Luftflieger unter den aus der Stadt flüchtenden Menschen angerichtet hätten, »existiert nicht der geringste Beleg«.
Chronik: Was in dieser Woche vor 80 Jahren passierte
Mit der Befreiung von Colmar endet die seit November andauernde Offensive der Alliierten, um das Elsass zu erobern.
Von der untergetauchten Jüdin über den US-Soldaten bis zum NS-Propagandaminister: Begleiten Sie mit uns sieben Menschen bis zum Kriegsende – in jeder Folge kommen vier von ihnen zu Wort.
Während in Budapest die letzten deutschen und ungarischen Truppen vor der Roten Armee kapitulierten, fragte sich NS-Propagandaminister Joseph Goebbels nervös, was die Alliierten bei ihrem Treffen auf der Krim (bei dem sie die Nachkriegsordnung planten) wohl genau besprachen. »Von der Dreierkonferenz ist nichts Neues zu erfahren«, notierte er am 10. Februar 1945 in seinem Tagebuch.
Man sei sich darüber einig, »dass Deutschland nur Hass und Vernichtung gebührt«, so Goebbels. »Roosevelt will eine Besetzung des Reichsgebiets bis zum Jahr 2000 vorschlagen; Stalin will Berlin bis zum letzten Stein zerstören.«
Was die Stimmung in der Bevölkerung anbelangt, gab sich Goebbels keinerlei Illusionen mehr hin: Aus den Briefen, die er bekomme, sei »fast nur Hoffnungslosigkeit« zu entnehmen: »Das Volk sieht im Augenblick keine Chance mehr gegeben«, schrieb Goebbels.
Auch der Zustand Hitlers bereitete ihm Sorgen: Der »Führer« sei stark erholungsbedürftig, notierte der NS-Politiker am 13. Februar 1945. Doch der hörte nicht auf Goebbels; »Aber er lacht nur, als ich ihm das am Rande bemerke. Wie soll der Führer jetzt Urlaub machen!«
Seit 1923 führte Joseph Goebbels (1897–1945) regelmäßig Tagebuch, die Aufzeichnungen des NS-Propagandaministers wurden in mehreren Bänden posthum veröffentlicht.
Quelle: Joseph Goebbels: Tagebücher in fünf Bänden 1924–1945, Band 5: 1943–1945, Piper Verlag 2008.
Goebbels grämte sich über Hitlers Gesundheit – der niederländische KZ-Häftling Nicolaas Rost indes fragte sich, ob er ein schlechtes Gewissen haben müsse, weil er sich im Dachauer Lager am Anblick weiblicher Beinen erfreute.
»Ich habe mich schon zweimal dabei ertappt«, notierte er am 4. Februar 1945, »dass ich recht interessiert nach ihren Beinen sah und kaum ein Auge hatte für die vielen Leichen auf den Blockstraßen.« Rost fragte sich: »Verrat an den Toten? Ich habe lange darüber nachgedacht.«
Er beschloss dann: »Es ist kein Verrat. Ich muss mich an das Leben halten, nicht an den Tod, sonst gehe ich selber zugrunde.«
Noch größere Kraft allerdings schöpfte der Schriftsteller und Journalist aus den Büchern, die er sich in der Häftlingsbibliothek besorgte. »Konstatiere stets aufs Neue, wie gut es ist, so viel wie möglich zu lesen und zu schreiben«, schrieb er am 11. Februar 1945. »Vitamin L (Literatur) und Z (Zukunft) scheinen mir die beste Zusatzverpflegung.«
Bereits 1933 von den Nationalsozialisten ins KZ Oranienburg verschleppt, war der niederländische Kommunist und Schriftsteller Nicolaas Rost nach seiner erneuten Verhaftung erst im KZ Herzogenbusch und dann in Dachau interniert. Rost war im Lager als Pförtner und Läufer tätig, unter enormen Risiken führte er heimlich Tagebuch.
Quelle: Nico Rost: Goethe in Dachau: Ein Tagebuch. Ullstein 2000.
Auch die Berliner Sekretärin Brigitte Eicke lenkte sich mit der Lektüre von Büchern ab – im Februar verschlang sie die »Baltische Tragödie« des Autors Siegfried von Vegesack. Zudem ging sie oft ins Kino. Der Alltag der 18-Jährigen war immer stärker vom Fliegeralarm überschattet; normale Arbeit war oft nicht mehr möglich.
Am 12. Februar 1945 notierte Eicke: »Es mussten heute alle Angestellten antreten und Barrikaden schippen. Ich durfte im Büro bleiben, hat Herr Dr. erlaubt. Nachher haben wir die Registratur ausgeräumt, mit den Lehrlingen zusammen, wir haben dabei gesungen und Mappen geschleppt bis 3 Uhr.«
Die 18-Jährige lebte in großer Sorge um ihren Partner Kurt, der als Soldat im Krieg kämpfte. »Wie wird es nur noch werden?« notierte die junge Frau bange. Dennoch hatte sie sich nicht verloben wollen, als Soldat Kurt über Weihnachten auf Sonderurlaub in Berlin gewesen war.
Brigitte Eicke (1927–2016) begann 1942 als 15-Jährige mit ihren Stenografieaufzeichnungen. Die Sekretärin lebte gemeinsam mit Mutter und Hund in Berlin. 1945 arbeitete sie im Berliner Warenhaus der Bekleidungsgesellschaft, das vormals den Namen N. Israel trug, dann aber zwangsarisiert wurde.
Quelle: Brigitte: Backfisch im Bombenkrieg. Notizen in Steno, hrsg. von Barbara Felsmann, Annett Gröschner und Grischa Meyer, Matthes & Seitz 2013.
Wie Eicke harrte auch die Jüdin Alice Löwenthal in Berlin aus. Allerdings musste sich die Schneiderin und Hutmacherin verstecken, um nicht verhaftet und abtransportiert zu werden. Sie vermisste ihren Mann Adolf, von dem sie seit zwei Jahren nichts gehört hatte, aber auch die kleinen Töchter Ruth (7) und Gittel (5), die sie in Weimar bei einer Helferin der Familie wähnte.
»Wann, wann endlich ist Schluss?«, fragte Löwenthal in einem Brief an ihren Ehemann vom 9. Februar. »Hier sitze ich in der Schwedterstraße in unmittelbarer Nähe unserer Wohnung und wenn ich die Christinenstraße runtersehe, wird mir bange und ich sehne die Tage zurück, in denen ich dort gelebt habe.«
Sie war es leid, immer auf die Hilfe anderer angewiesen zu sein. »Ach Schatzel, nur wieder in unserer Wohnung sein können, allein, ohne ›Danke‹ sagen zu müssen!« Trotz allen Schmerzes verlor Löwenthal ihren Optimismus nicht: »Na, so lange wie es gedauert hat, dauert es nun nicht mehr!«, schrieb sie. »Und noch steht unser Haus unbeschädigt!«
Was Löwenthal nicht wusste: Die Kinder waren von einer Nachbarin verraten und nach Auschwitz deportiert worden. Dort wurden sie von den Nationalsozialisten ebenso ermordet wie Löwenthals Ehemann Adolf.
Alice Löwenthal (1909–1987) war eine jüdische Modistin aus Berlin. Nachdem ihr Ehemann im Februar 1943 festgenommen und deportiert worden war, tauchte sie mit ihren beiden Kindern unter. Die Töchter aus erster Ehe, Ruth und Brigitte Süssmann, kamen zunächst in Weimar bei der Cousine eines einstigen Polizisten unter.
Quelle: Löwenthals bislang unveröffentlichten Briefe sind teilweise abgedruckt bei: Volker Heise: 1945. Rowohlt 2024. Dass wir ihre ganzen Briefe einsehen durften, verdanken wir ihrer Tochter Eva.
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