Zweiter Weltkrieg – Kriegsende: Die Konferenz von Jalta im Februar 1945 - DER SPIEGEL
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Besonders für US-Präsident Roosevelt bedeutete die gut 11.000 Kilometer lange Reise nach Jalta per Schiff und Flugzeug eine enorme Strapaze: Der an Polio erkrankte Politiker war durch eine Infektion zusätzlich geschwächt, saß im Rollstuhl und musste in Jalta die meiste Zeit das Bett hüten.

Auch der britische Premier hatte wenig Lust, auf die Krim zu reisen. »Churchill meint, dass wir keinen schlimmeren Ort auf der Welt hätten finden können als Jalta, selbst wenn wir zehn Jahre danach geforscht hätten«, so ein Vertrauter Roosevelts. »Er glaubt aber, überleben zu können, wenn er einen angemessenen Whiskyvorrat mitnimmt.«

Dies ist Teil 2 unserer Serie zu den letzten Wochen des Zweiten Weltkriegs. Teil 1 über die Befreiung von Auschwitz lesen Sie hier.

Außer einem gepflegten Besäufnis würde die Konferenz wohl ohnehin nichts bewirken, unkte der britische Chefdiplomat Sir Alexander Cadogan: »Es wird nichts Greifbares herauskommen«, notierte der in Jalta anwesende Churchill-Berater in sein Tagebuch.

»Sie werden dinieren und Wein trinken, was ja völlig in Ordnung ist, aber niemand weiß nachher (am wenigsten sie selbst), was beschlossen worden ist, wenn überhaupt etwas beschlossen worden ist.«

Collage: Lea Rossa / DER SPIEGEL; dpa

Im Frühjahr 1945 tobten in Europa die letzten Wochen des Zweiten Weltkriegs. Von Westen rückten die Streitkräfte der USA, Frankreichs, Großbritanniens, Belgiens und anderer Verbündeter vor, von Osten die sowjetische Rote Armee. In dieser Serie blenden wir zurück in die Zeit vor 80 Jahren, vermitteln mit Texten, Fotos, Videos und Zeitzeugenberichten einen Eindruck davon, was damals geschah und wie unterschiedlich Menschen diese Zeit erlebten.
Jeden Sonntag eine neue Folge bei SPIEGEL.de

Cadogan sollte sich täuschen: Auf der Konferenz beschlossen die drei Partner der Anti-Hitler-Koalition die gemeinsame Verwaltung Deutschlands durch die Siegermächte sowie die Aufteilung in drei Besatzungszonen; auf britisches Drängen hin erhielt Frankreich eine eigene Besatzungszone im Südwesten Deutschlands.

Zudem verabschiedeten sie ein Paket verschiedener Maßnahmen mit dem Ziel, den deutschen Militarismus und Nationalsozialismus zu zerstören. Um die Höhe der Reparationen festzulegen, wurde die Einrichtung einer Schadensersatzkommission beschlossen.

Sowjetischer Parteichef Stalin, Großbritanniens Premierminister Winston Churchill (1945 in Jalta): »Sie werden dinieren und Wein trinken«

Sowjetischer Parteichef Stalin, Großbritanniens Premierminister Winston Churchill (1945 in Jalta): »Sie werden dinieren und Wein trinken«

Foto: AP

Auch über die Zukunft Polens berieten die drei Alliierten. Der Westen erklärte sich bereit, die Ostgrenze des Landes zugunsten der Sowjetunion auf die »Curzon-Linie« – von Dünaburg (Daugavpils im Süden des heutigen Lettland) über Brest (im heutigen Belarus an der Grenze zu Polen) nach Przemyśl (im äußersten Südosten des heutigen Polen) – festzusetzen.

Roosevelt wiederum setzte seinen Wunsch durch, dass die Sowjetunion den (noch zu gründenden) Vereinten Nationen beitreten solle. Zudem verpflichtete sich Stalin darauf, Japan innerhalb von 90 Tagen nach dem Sieg über Deutschland den Krieg zu erklären und so die USA an dieser Front zu unterstützen.

Churchill und Roosevelt mit ihren Beratern und Sekretären in Jalta (1945): Nach der Konferenz hocherfreut

Churchill und Roosevelt mit ihren Beratern und Sekretären in Jalta (1945): Nach der Konferenz hocherfreut

Foto: AP

Die US-Delegation war nach Abschluss der Konferenz hocherfreut: »Wir glaubten im Herzen wirklich, ein neuer Tag sei angebrochen«, so Harry Hopkins, ein enger Berater Roosevelts.

»Wir waren absolut überzeugt, den ersten großen Friedenssieg gewonnen zu haben – und wenn ich sage ›wir‹, dann meine ich uns alle, die ganze zivilisierte Menschheit. Die Russen hatten bewiesen, dass sie vernünftig und weitblickend sein konnten, und weder der Präsident noch irgendeiner von uns zweifelte im Geringsten daran, dass wir mit ihnen leben und friedlich auskommen könnten bis in unabsehbare Zukunft.«


Chronik: Was in dieser Woche vor 80 Jahren passierte

937 US-Bomber mit mehr als 2000 Tonnen Sprengbomben und rund 250 Tonnen Brandsätzen laden ihre tödliche Fracht über Berlin ab. Mindestens 2500 Menschen kommen dabei ums Leben, darunter NS-Richter Roland Freisler.

Die Sprengung der Brücke in Remagen durch die Wehrmacht scheitert: Die Amerikaner können den Rhein überqueren.

Aus dem deutschen KZ Mauthausen in Oberösterreich fliehen 500 sowjetische Kriegsgefangene. Bei ihrer Verfolgung (»Mühlviertler Hasenjagd«) werden nahezu alle von ihnen ermordet oder erfrieren beziehungsweise verhungern.

Von der untergetauchten Jüdin über den US-Soldaten bis zum NS-Propagandaminister: Begleiten Sie mit uns sieben Menschen bis zum Kriegsende – in jeder Folge kommen vier von ihnen zu Wort.

Während die Alliierten auf der Krim über die Zukunft Europas und die Aufteilung Deutschlands nach Kriegsende debattierten, lebte die jüdische Schneiderin und Hutmacherin Alice Löwenthal in Berlin in permanenter Sorge um Mann und Kinder.

Nachdem Ehemann Adolf im Februar 1943 verhaftet und deportiert worden war, gelang es Löwenthal, mit ihren beiden Töchtern Ruth (Jahrgang 1937) und Gittel (Jahrgang 1939) unterzutauchen. Sie versteckte sich zunächst bei Luise Nickel in Strausberg (bei Berlin).

Als es dort zu brenzlig wurde, fuhr sie mit den Mädchen nach Weimar. Dort gab Löwenthal die Mädchen in die Obhut einer Unbekannten und kehrte zurück in den Norden, um dort illegal zu arbeiten und Lebensmittelkarten für die Mädchen zu erwirtschaften. Im Sommer 1944 riss der Kontakt zu den Töchtern ab.

»Mein Liebster«, schrieb die 35-Jährige am 7. Februar in einem Brief an ihren Mann, »fast zwei Jahre bist Du nun schon weg und ich auf der ›Walze‹! Und was alles hat sich gerade in dem letzten Jahr ereignet.« Löwenthal war nach Strausberg zurückgekehrt und hatte sich notgedrungen mit ihrer Situation abgefunden. »So schwer es oft da draußen ist, ich habe mich eingewöhnt und es ist erträglich… «

Anders als in vielen anderen Wochen war Löwenthal Anfang Februar in der Lage, Geld zu verdienen: »Ich hatte auch bezahlte Arbeit hier in Berlin, mal als Ausbesserin, mal als Schneiderin. So hatte ich wenigstens mein Essen und verdiene etwas.«

Ihr Leben im Versteck sowie die quälende Ungewissheit brachten Löwenthal an die Grenzen ihrer Belastbarkeit: »Ach Schatzel, diese Angst, dieses Gehetztsein! Wofür bloß? Sein Leben lang hat man als anständiger Mensch gelebt und jetzt muss man sich wie ein Verbrecher, wie ein Mörder verstecken!«

Löwenthal schickte ihre Briefe nie ab – wohin auch? Schließlich hatte sie keine Ahnung, wo sich ihr Mann aufhielt. Oder ob er noch am Leben war. Doch das Schreiben gab ihr die Kraft, diese entsetzliche Zeit durchzuhalten.

Alice Löwenthal (1909–1987) war eine jüdische Modistin aus Berlin. Nachdem ihr Ehemann im Februar 1943 festgenommen und deportiert worden war, tauchte sie mit ihren beiden Kindern unter. Die Töchter aus erster Ehe, Ruth und Brigitte Süssmann, kamen zunächst in Weimar bei der Cousine eines einstigen Polizisten unter.

Quelle: Löwenthals bislang unveröffentlichten Briefe sind teilweise abgedruckt bei: Volker Heise: 1945. Rowohlt 2024. Dass wir ihre ganzen Briefe einsehen durften, verdanken wir ihrer Tochter Eva.


Zur gleichen Zeit flanierte Oberleutnant Melvin Jonah Lasky, 25, durch die Straßen der französischen Kleinstadt Lunéville (bei Nancy). Der Sohn polnischer Juden aus New York diente als Militärhistoriker und folgte den Truppen der 7. US-Armee bei ihrem Vormarsch auf Deutschland.

Die US-Soldaten kampierten in einer französischen Kaserne, in der einst die Militärverwaltung der NS-Besatzer untergebracht war. »Deren Handschrift ist noch überall zu sehen«, schrieb Lasky am 8. Februar 1945 in sein Tagebuch.

Auf den weiß gekalkten Wänden standen in »säuberlichen deutschen Buchstaben« Durchhaltesprüche wie »Mit dem Führer zum Sieg«, »Wer leben will, muss kämpfen« und »Dem Mutigen gehört die Welt«.

»Und dann noch ein Spruch, der mich wirklich rührte: ›Wo der deutsche Soldat steht, kommt kein anderer hin‹, und da stand ich und schrieb mir den Spruch in ein Notizbuch!«

Melvin J. Lasky (1920–2004) wurde 1943 in die U.S. Army einberufen. Als »Combat Historian« begleitete der Sohn polnischer Juden aus New York die Truppen der 7. US-Armee bei ihrem Vormarsch auf Deutschland.

Quelle: Melvin Lasky: »Alles war still: Deutsches Tagebuch 1945«, aus dem Englischen von Christa Krüger und Henning Thies. Rowohlt 2014.


Für Oberleutnant Lasky war der Sieg der Alliierten über NS-Deutschland eine Frage von Wochen – ganz anders sah das die 19-jährige Wolfhilde von König . Die glühende Nationalsozialistin und Hitler-Verehrerin war seit 1943 Mitglied der NSDAP und wollte Ärztin werden.

Während die Rote Armee sowie die Amerikaner auf Deutschland vorrückten, arbeitete von König in München im Freiwilligendienst im Krankenhaus. Ihren medizinischen Einsatz am Krankenbett stellte sie dem Soldatentum an der Front gleich. Begeistert schrieb von König am 3. Februar 1945:

»Mir kann diese Arbeit nie langweilig werden und meine Gänge in die Apotheke, in die Bücherei, Direktion usw. lassen mich Einblicke in den Betrieb dieses großen Krankenhauses tun. Hier ist jeder ein Rad, das in das Werk eingreift, damit alles reibungslos verläuft.«

Die junge Frau nahm die für NS-Deutschland schlechten Nachrichten zur Kenntnis, rückte jedoch nicht von ihrem Glauben an die nationalsozialistische Sache ab. Am 8. Februar 1945 notierte sie:

»Die Gefahr vom Osten ist groß, aber wir müssen sie bannen, um den Bestand des Volkes zu sichern. Wir sind auf uns allein gestellt, aber wir werden es schaffen, koste es was es wolle.«

Wolfhilde von König (1925–1993), überzeugte Nationalsozialistin und angehende Ärztin aus München, arbeitete bei Kriegsende als Freiwillige in einem Krankenhaus.

Quelle: »Kriegstagebuch einer jungen Nationalsozialistin: Die Aufzeichnungen Wolfhilde von Königs«, herausgegeben von Sven Keller (»Schriftenreihe der Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte«, Band 11), De Gruyter 2015.


Von König übte sich in Zweckoptimismus – Dieter Borkowski, der als Flakhelfer eine Flugabwehrkanone bediente, wurde Zeuge des verheerenden Großangriffs auf die Hauptstadt am 3. Februar 1945 mit seinen mehr als 2000 Toten. In seinem Tagebuch schilderte der 16-Jährige die Verwüstungen in Berlin:

»In der Innenstadt wüten überall Brände, Sprengbomben haben ganze Straßenzüge lahmgelegt. Vom Moritzplatz über die Prinzenstraße bis zum Halleschen Tor findet man Haufen verbrannter Menschenleiber, die in der Glut zusammengeschrumpft sind auf die Größe von Kinderkörpern.

Diese Restmenschen werden mit Petroleum übergossen und verbrannt, weil sie Seuchengefahr verbreiten. Ein schrecklicher süßlicher Geruch des verbrannten Fleisches liegt über den Ruinenvierteln.«

Seine Mutter war mehr als acht Stunden lang verschüttet; Borkowski erhielt bei seiner Flak-Einheit zwei Tage Urlaub, »weil das Geschütz nicht einsatzfähig« war.

Dieter Borkowski war im August 1944 als Luftwaffenhelfer zur Wehrmacht einberufen worden, der 16-Jährige erlebte das Kriegsende in Berlin. Sein Tagebuch rekonstruierte er nach dem Krieg aus dem Gedächtnis.

Quelle: Dieter Borkowski: »Wer weiß, ob wir uns wiedersehen: Erinnerungen an eine Berliner Jugend«, Fischer Verlag 1980.


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Volker Heise
Verlag: Rowohlt
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