Als die Rote Armee am 16. Februar 1945 die Oder erreichte, waren Adolf Hitlers Angriffskrieg auf die Sowjetunion und sein Traum vom »Lebensraum im Osten« auf ganzer Linie gescheitert.
Schon 1940 hatte Hitler trotz eines Nichtangiffspakts mit der Sowjetunion den Überfall auf den Bündnispartner geplant. Das »Unternehmen Barbarossa« hatte am 22. Juni 1941 mit dem Einfall der Wehrmacht an der 1600 Kilometer langen Grenze begonnen, die von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer reichte - im Folgejahr dehnten sich die Kampfhandlungen auch auf Finnland und den Kaukasus aus.
Im Frühjahr 1945 tobten in Europa die letzten Wochen des Zweiten Weltkriegs. Von Westen rückten die Streitkräfte der USA, Frankreichs, Großbritanniens, Belgiens und anderer Verbündeter vor, von Osten die sowjetische Rote Armee. In dieser Serie blenden wir zurück in die Zeit vor 80 Jahren, vermitteln mit Texten, Fotos, Videos und Zeitzeugenberichten einen Eindruck davon, was damals geschah und wie unterschiedlich Menschen diese Zeit erlebten.
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Den deutschen Truppen war es zwar innerhalb eines halben Jahres gelungen, bis nach Moskau vorzurücken. Doch der früh einsetzende russische Winter hielt den Vormarsch der Wehrmacht auf und führte zu enormen Versorgungsproblemen. Bei der Schlacht um Stalingrad starben im Winter 1942/43 rund 150.000 deutsche Soldaten, mindestens 91.000 gerieten in Kriegsgefangenschaft. Die letzte deutsche Großoffensive endete im Sommer 1943 bei Kursk im Fiasko. Nachdem die Rote Armee im Sommer 1944 in Weißrussland auch noch die »Heeresgruppe Mitte« aufgerieben hatte, standen die sowjetischen Truppen Ende 1944 an der Reichsgrenze.
Die Verluste für die Wehrmacht waren so erheblich, dass Hitler Soldaten von anderen Fronten abzog und an die sich ständig tiefer ins Deutsche Reich verschiebende Ostfront schickte.
Todbringende Front: Im Chaos des Rückzugs wurden manche schwerverwundete Wehrmachtssoldaten zur Seite geschafft und zurückgelassen (Foto aus Ostpreußen, Frühjahr 1945)
Foto: akg-imagesAuch der deutsche Soldat Werner Mork fand sich Anfang 1945 an der Oder wieder, »in einem zusammengewürfelten Haufen, in dem die Mehrheit kaum noch richtig einsatzfähig war«, berichtete er nach dem Krieg der Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland .
Mork wurde nahe Glogau (heute Głogów) eingesetzt, das von der Roten Armee ab Mitte Februar belagert wurde. Dort sollte er mit seiner Einheit einen Gegenangriff starten. Seiner Truppe wurde ein Tagesbefehl von Wehrmachtsgeneral Ferdinand Schörner vorgelesen , der weiterhin auf erbitterte Kämpfe und Gnadenlosigkeit bestand. »Bei den uns gegenüberliegenden russischen und nun auch polnischen Einheiten sei es so, dass tote Russen und tote Polen die besseren Menschen seien[...].«
Die Soldaten bekamen Gewehrmunition und zahlreiche Granaten ausgehändigt, die sich Mork und seine Kameraden in die Taschen ihrer Uniform stopften und an ihren Koppeln befestigten. »Wir waren so richtig schön vollgepackt mit Explosivkörpern, um damit Tod und Verderben in die feindlichen Linien zu bringen [...]. Nur fühlten sich nicht alle wohl bei diesem »Behängtsein« mit solchen gefährlichen Dingern am Körper.«
Beim Angriff auf die sowjetische Linie verlor Mork den Anschluss an seine Truppe. »Ich stand mit einem Mal vor dem Eingang einer Stellung, die im Waldboden eingegraben war und aus der völlig unvermittelt ein russischer Soldat auftauchte. Ein Soldat mit einer Maschinenpistole im Anschlag«, so Mork in seinen Erinnerungen .
Sturmreif schießen: Mit Raketenwerfern, genannt »Katjuschas«, schoss sich die Rote Armee im Straßenkampf Meter für Meter nach vorn (Foto ca. März 1945)
Foto: picture allianc / eakg-imagesMork war genauso erschrocken wie sein Gegenüber. »Beide hatten wir das gleich ungute Gefühl, dass es gleich knallen wird und einer von uns dann wohl draufgehen würde. Es fragte sich nur, wer der Erste sein wird der anfängt zu schießen.« Schließlich senkte Mork den Lauf seines Karabiners. »Das Gesicht des Russen, das vor Angst genau so verzerrt war wie meines, entspannte sich, es kam ein leichtes Lächeln zum Vorschein«. Der sowjetische Soldat legte seine Maschinenpistole auf den Boden und verschwand.
Dass er sich seinen Befehlen zum Töten widersetzte, rettete Mork in diesen letzten Kriegstagen womöglich das Leben. 800.000 Deutsche starben allein in den letzten vier Kriegsmonaten an der Ostfront, während des gesamten Feldzugs im Osten fielen 3,8 Millionen deutsche Soldaten. Auf sowjetischer Seite waren es beinahe dreimal so viel: Die Rote Armee verlor vom Überfall der Wehrmacht 1941 bis zur Eroberung von Berlin 1945 mehr als 9,7 Millionen Soldaten. Die »Ostfront« war einer der tödlichsten Kriegsschauplätze des Zweiten Weltkriegs.
Was in dieser Woche vor 80 Jahren passierte
Die Rote Armee hat Breslau, Posen und Königsberg eingeschlossen und steht kurz vor der Neiße.
Von der untergetauchten Jüdin über den US-Soldaten bis zum NS-Propagandaminister: Begleiten Sie mit uns sieben Menschen bis zum Kriegsende – in jeder Folge kommen vier von ihnen zu Wort.
Flakhelfer Dieter Borkowski litt besonders unter Hunger und der zunehmenden Ausweglosigkeit der militärischen Situation Deutschlands: Am 18. Februar notierte der 16-Jährige: »Liegnitz, Glogau, Graudenz, Schneidemühl, Posen sind verloren. Die Lebensmittelrationen sind stark gekürzt worden, man wird nicht mehr satt.«
Zudem störte sich der Teenager an dem schlechten Benehmen seiner Vorgesetzten: »Heute stand ich drei Stunden lang Wache im Leitturm vor den Funkmessgeräten (…). Durch die verschlossene Tür des Zimmers von Leutnant Brandel klang laute Tanzmusik. Drinnen hörte man es kichern, schließlich kam der Leutnant mit einer Stabshelferin heraus, beide betrunken. Ich finde das für einen Offizier unwürdig.«
Bei allem Verständnis fürchtet Borkowski um den Ruf der Deutschen. »Jeder von uns will sich auch mal entspannen, doch muss das immer mit Alkohol sein, so dass die Flüchtlinge schon anfangen, uns Soldaten und die Offiziere zu verachten?«
Dieter Borkowski war im August 1944 als Luftwaffenhelfer zur Wehrmacht einberufen worden, der 16-Jährige erlebte das Kriegsende in Berlin. Sein Tagebuch rekonstruierte er nach dem Krieg aus dem Gedächtnis.
Quelle: Dieter Borkowski: »Wer weiß, ob wir uns wiedersehen: Erinnerungen an eine Berliner Jugend«, Fischer Verlag 1980.
Nicht nur die deutschen, sondern auch die alliierten Militärs lenkten sich mit Alkohol und Sex vom Grauen des Krieges ab, berichtete US-Soldat Melvin J. Lasky. Am 18. Februar vergnügte sich der 25-Jährige in Straßburg in einem Bordell für amerikanische Kampftruppen.
Befremdet notierte er: »Du wirfst einen Blick auf die halb ausgezogene Frau neben dir. Unten wird getanzt und gelacht, man hört die Musik. Seltsam, immer seltsam. In diesem Augenblick werden Menschen ermordet, Soldaten sterben. Das muss man lernen: Immer sterben Menschen …«
Beim Gang durch die Straßen der Stadt traf er einen kleinen Jungen, der um Schokolade bettelte. Lasky gab ihm einen Riegel – zum Dank schenkte der Bub dem US-Soldaten seine HJ-Urkunde.
Von Straßburg aus fuhr Lasky per Jeep weiter Richtung Westen. »Vor einem Bauernhaus winkten lachende Kinder unserem vorbeifahrenden Auto; manchmal warf uns jemand finstere Blicke zu, und heute Morgen warf einer mit Steinen.«
Melvin J. Lasky (1920–2004) wurde 1943 in die U.S. Army einberufen. Als »Combat Historian« begleitete der Sohn polnischer Juden aus New York die Truppen der 7. US-Armee bei ihrem Vormarsch auf Deutschland.
Quelle: Melvin Lasky: »Alles war still: Deutsches Tagebuch 1945«, aus dem Englischen von Christa Krüger und Henning Thies. Rowohlt 2014.
Während Lasky durch das Elsass rollte, begleitete der niederländische KZ-Häftling Nico Rost in Dachau Tag für Tag Menschen in den Tod. »Die Franzosen sterben hier tatsächlich wie die Fliegen«, schrieb der Niederländer am Abend des 16. Februar. Einer der Männer, ein Pädagoge namens Georges Lapierre, erlag dem Flecktyphus, wie die meisten Menschen in Dachau.
Kurz darauf lernt Rost zwei dänische Ärzte kennen: eine Begegnung, die ihm wieder neue Kraft verlieh. Die beiden Brüder seien erst vor kurzem verhaftet worden »und sehen daher aus – wie wir einmalvor langer, langer Zeit ausgesehen haben.« Sie seien auch »noch nicht hart und zynisch« geworden und noch »viel empfänglicher für all das menschliche Elend um uns herum«, so Rost.
Er war der Meinung: »Es wird gut sein, häufig mit ihnen zu sprechen, um festzustellen, wie wir selbst früher – bevor wir hier landeten – auf all das reagiert haben und wie wichtig und notwendig es ist, sich dieses reine Gefühl trotz allem zu erhalten.«
Bereits 1933 von den Nationalsozialisten ins KZ Oranienburg verschleppt, war der niederländische Kommunist und Schriftsteller Nicolaas Rost nach seiner erneuten Verhaftung erst im KZ Herzogenbusch und dann in Dachau interniert. Rost war im Lager als Pförtner und Läufer tätig, unter enormen Risiken führte er heimlich Tagebuch.
Quelle: Nico Rost: Goethe in Dachau: Ein Tagebuch. Ullstein 2000.
Sekretärin Brigitte Eicke harrte weiter in Berlin aus; schockiert notierte sie, dass eine Dame infolge von Krieg und Bombardement eine psychische Störung entwickelt habe. »Sie ist irre geworden und sieht furchtbar aus«, schrieb sie am 19. Februar in ihr Tagebuch.
Die 18-Jährige hatte Mitleid mit den Söhnen der Frau, die ins Krankenhaus eingeliefert worden war: »Ihre beiden Jungs tun mir furchtbar leid, sie stehen nun am Bett und sehen, wie ihre Mutter sie nicht mehr erkennt. Es sind zwei bildhübsche Jungs.« Der Ehemann und Vater kämpfte laut Eicke als Soldat im Krieg.
Am 20. Februar notierte Eicke: »Strümpfe gestopft, dann gings Licht aus und es kam Fliegeralarm von 8 - 1/2 9 Uhr abends.« Erst nach erneutem Fliegeralarm konnte die Familie zu Abend essen. »Ich habe mir die Haare eingerollt und ins Bett.«
Brigitte Eicke (1927–2016) begann 1942 als 15-Jährige mit ihren Stenografieaufzeichnungen. Die Sekretärin lebte gemeinsam mit Mutter und Hund in Berlin. 1945 arbeitete sie im Berliner Warenhaus der Bekleidungsgesellschaft, das vormals den Namen N. Israel trug, dann aber zwangsarisiert wurde.
Quelle: Brigitte: Backfisch im Bombenkrieg. Notizen in Steno, hrsg. von Barbara Felsmann, Annett Gröschner und Grischa Meyer, Matthes & Seitz 2013.
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Susanne BeyerPreisabfragezeitpunkt
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Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version hieß es, Würzburg sei am 16. Februar 1945 zerstört worden. Tatsächlich war es der 16. März. Wir haben die Passage korrigiert.
Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Textes hieß es, der Angriff habe an einer 1600 Kilometer langen Grenze begonnen, die von Finnland bis zum Kaukasus reichte. Tatsächlich war die Front beim Einfall der Wehrmacht gut 1600 Kilometer lang, erstreckte sich jedoch zunächst von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer. Als sich die Kampfhandlungen 1942 auch Finnland einschlossen, wurde die Front noch länger. Wir haben die entsprechende Stelle präzisiert.