Mönchspfeffer und Co. gegen PMS: Können Nahrungsergänzungsmittel die Hormone regulieren? - DER SPIEGEL
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Supplements für Frauen Können Mönchspfeffer, Ginseng und Yamswurzel wirklich Hormone regulieren?

Kapseln gegen das Hormonchaos: Mit Vitaminen und Heilpflanzen sollen Frauen ihre Periode und die Wechseljahre gut überstehen. Sie kosten oft viel, aber was bringen sie?
Von Hanna Zobel •

Akne, Migräne, Schlafprobleme, Krämpfe, Stimmungstiefs: Viele Frauen leiden im Laufe ihres Lebens unter schwankenden Hormonen, manche mehr, andere weniger. Die Zielgruppe ist groß, der Leidensdruck oft ebenso, dementsprechend groß ist auch der Markt an Nahrungsergänzungsmitteln, die für mitunter recht viel Geld Linderung versprechen. Auf Instagram halten Influencerinnen Schraubgläser mit Kapseln in die Kamera, auch in Drogerien können Frauen Tabletten kaufen, die etwa mit Frauenmantel, Safran und B-Vitaminen »das Wohlbefinden in jeder Zyklusphase steigern« wollen.

Doch können sogenannte Supplements das leisten? Hilft Mönchspfeffer wirklich gegen das prämenstruelle Syndrom (PMS) und können Mikronährstoffe die Wechseljahre erträglicher machen? Frauenärztin Anneliese Schwenkhagen sagt: »Da wird die Unsicherheit vieler Frauen ausgenutzt, um eine Menge Geld zu verdienen.« Gemeinsam mit einer Kollegin leitet sie eine Praxis für gynäkologische Endokrinologie in Hamburg, sie behandeln dort Patientinnen mit hormonellen Störungen. Hier beantwortet sie zentrale Fragen rund um Nahrungsergänzungsmittel.

Können Supplements Frauen bei hormonell bedingten Beschwerden helfen?

Mönchspfeffer, Vitamin B6 und B12, Frauenmantel, Zink, Yamswurzel, Ashwagandha, Ginseng, Safran, dazu etliche Mineralstoffe und Aminosäuren: Die Inhaltsstoffe vieler Produkte lesen sich für Laien beeindruckend, die Erklärungen zur Wirkung klingen überzeugend. »Das Problem ist, dass es bei fast keinem dieser Inhaltsstoffe Belege zur Wirksamkeit gibt«, sagt Schwenkhagen.

Bei manchen wisse man sogar mit Sicherheit, dass sie für den Körper unbrauchbar sind. Etwa die Yamswurzel, die oft als Ersatz für eine Therapie mit Progesteron gepriesen wird: »Aus einem in der Yamswurzel enthaltenen Stoff lassen sich Steroidhormone herstellen. Dieser Schritt war entscheidend für die Entwicklung der Pille«, sagt Schwenkhagen. Dafür seien allerdings pharmazeutische Prozesse nötig. »Der Körper selbst kann mit der Yamswurzel nichts anfangen und erst recht nicht diese Stoffe daraus herstellen.« Mit ihr zu werben, sei demnach unseriös, sagt Schwenkhagen.

Auch bei vielen anderen Inhaltsstoffen haben Studien bislang keine Wirkung belegt. »Natürlich kann es sein, dass ein leichter Effekt eintritt, wenn Frauen diese Mittel nehmen«, sagt Schwenkhagen. »Aber auch Placebos haben einen Effekt.« Bevor Hersteller also Versprechen machen, müssten Untersuchungen zeigen, dass ein Inhaltsstoff eine höhere Wirkung hat als der Placeboeffekt bei der Kontrollgruppe. »Genau diese Erkenntnisse liegen aber meist nicht vor.«

Dabei mangle es keinesfalls an entsprechenden Studien: »Zur Menopause gibt es mittlerweile enorm viel Forschung«, sagt Schwenkhagen. »Ebenso zum prämenstruellen Syndrom und der Steigerung dessen: der prämenstruellen dysphorischen Störung (PMDS), die die Lebensqualität der Frauen erheblich einschränkt.«

Immerhin: Zu Mönchspfeffer gebe es Studien, die bei PMS-Symptomen eine Wirkung über den Placeboeffekt hinaus andeuten, sagt Schwenkhagen. »Die Studien sind jedoch sehr heterogen und schlecht vergleichbar.« Wenn Frauen gern eine pflanzliche Behandlung ausprobieren möchten, wäre Mönchspfeffer laut der Ärztin eine Option. Wichtig ist ihr allerdings: »Wenn sich innerhalb von wenigen Monaten dadurch keine deutliche Besserung der Beschwerden zeigt, sollte der Therapieversuch abgebrochen werden und nach wirksamen Behandlungsmöglichkeiten gesucht werden.«

Aber es schadet doch auch nicht, ein paar Nahrungsergänzungsmittel zu nehmen – oder doch?

Eine zu hohe Dosierung von Nährstoffen kann durchaus schädlich sein. »Wenn ich ein Auto reparieren will, muss ich wissen, wie es funktioniert. Es reicht nicht, wenn ich an irgendwelchen Schrauben drehe, denn im Zweifel mache ich damit etwas kaputt«, sagt Schwenkhagen.

Im Praxisalltag erlebe sie häufig Frauen, die einen Mangel an gewissen Nährstoffen befürchten. »Der Blutspiegel ergibt dann aber unfassbar hohe Werte«, sagt Schwenkhagen. »Da stellt sich oft heraus, dass diese Frauen Berge an Vitaminen nehmen.«

Erhöhte Werte von Vitaminen oder Mineralstoffen seien zwar nicht immer kritisch, allerdings könne man eine Gefahr auch nie ausschließen. »Zu einer extremen Überdosierung liegen bei den meisten Nährstoffen noch weniger Daten vor als zu deren Wirksamkeit«, sagt Schwenkhagen.

Zeitweise habe man etwa geglaubt, dass Betacarotin vor gewissen Krebsarten schütze. Daraufhin hätten viele Menschen es nahrungsergänzend eingenommen. »Leider stellte sich heraus: Die zusätzliche Zufuhr befördert genau diese Krebsarten«, sagt Schwenkhagen. Daher rät sie von eigenmächtigen Experimenten mit Supplements ab.

Was kann betroffenen Frauen stattdessen helfen?

»Es einfach auszuhalten, ist das Schlimmste, was Frauen tun können«, sagt Schwenkhagen. Viel zu lange sei Frauen suggeriert worden, selbst schwere Symptome wie Depressionen oder Schmerzen gehörten schlicht zum Frausein dazu. »Es gibt eine Menge guter Therapiemöglichkeiten. Das ist vielen nicht bewusst.«

Bevor Frauen also hoch dosierte Nährstoffe schlucken, rät sie: »Machen Sie bitte einen Termin bei einem Arzt oder einer Ärztin!« Manche gynäkologischen Praxen bieten inzwischen auch spezielle Hormonsprechstunden an. Ihrer Erfahrung nach misstrauen allerdings viele Menschen der klassischen Medizin.

Wie erklärt sie sich das? »Mein Eindruck ist, dass Patientinnen sich in vielen Praxen nicht gesehen fühlen mit ihren Ängsten, ihren Sorgen und ihrer Hilflosigkeit«, sagt Schwenkhagen. Einige fühlten sich zudem überfordert mit der Komplexität der Situation oder den zur Verfügung stehenden Therapien. »Viele Menschen sehnen sich nach einer einfachen Lösung und genau das erhoffen sie sich von ›naturnahen‹ Verfahren. Leider funktioniert das meist nicht.«

»Da schlägt mein feministisches Herz.«

Anneliese Schwenkhagen

Dabei könne die moderne Medizin bei vielen Symptomen – von Hitzewallungen über Depressionen bis zu Periodenschmerzen – Abhilfe schaffen und Frauen das Leben deutlich erleichtern.

Wichtig sei zunächst eine genaue Untersuchung. Wenn die individuelle Diagnose steht, gebe es reichlich Optionen. Diese reichen laut Schwenkhagen von schulmedizinischen bis zu erwiesenermaßen wirksamen pflanzlichen Varianten, wie etwa einer Behandlung mit der Traubensilberkerze gegen leichte Hitzewallungen.

Frauen sollten aber nicht einfach herumprobieren. »Abgesehen vom Schaden, den das anrichten kann, vergeuden viele Frauen auch einfach eine Menge Zeit mit wirkungslosen und teuren Präparaten«, sagt die Ärztin. »Da schlägt mein feministisches Herz.« Es gebe schon den Gender Health Gap: In der Medizin gilt seit Jahrzehnten der männliche Körper als Maßstab, der weibliche ist viel schlechter erforscht. Auch würden Frauen und ihre gesundheitlichen Beschwerden oft nicht ernst genommen, sagt Schwenkhagen. »Ich finde es höchst problematisch, wenn Frauen bei der Suche nach Lösungen für ihre gesundheitlichen Probleme in die Irre geführt werden.«