Mein Leben als Lagerarbeiter "Hier ist es kälter als im Kühlschrank"
Kühlraum einer Fleischfabrik (Archiv)
Foto: Bernd W¸stneck/ picture-alliance/ dpa/dpawebManche Dinge ändern sich (fast) nie: Wie man eine interessante Bewerbung schreibt. Wie man im Vorstellungsgespräch einen guten Eindruck hinterlässt. Die besten zeitlosen Artikel aus dem KarriereSPIEGEL präsentieren wir Ihnen in loser Folge.
Zwischen Wunsch und Wirklichkeit ist in vielen Berufen jede Menge Platz. In der Serie "Das anonyme Job-Protokoll" erzählen Menschen ganz subjektiv, was ihren Job prägt - ob Tierärztin, Staatsanwalt oder Betreuer im Jobcenter.
Ich arbeite im Lager eines großen Fleischproduzenten in Deutschland. Dort muss ich die Ware zusammenstellen und in Lkw verladen. Ein Kunde bestellt zum Beispiel 50 Kartons mit Bratwürsten und 50 Kartons mit T-Bone-Steaks, ein anderer möchte 150 Kartons mit Schweinekoteletts und der nächste 100 Kartons mit Hackfleisch.
Von der Produktion bekomme ich nicht viel mit. Sie ist auch strikt von der Verladung getrennt. Natürlich habe ich die Produktionshalle schon mal gesehen. Das ist eine ganz schöne Massenabfertigung. Ich habe eine Bekannte, der würde es bei dem ganzen Fleisch bestimmt schlecht werden. Mir macht das nichts aus, ich bin ein ziemlich kalter Klotz.
Wenn ich meine Schicht anfange, frage ich meinen Vorgesetzten, was zu tun ist. Der weiß genau, wann welche Sachen verladen werden müssen. Beim Verladen muss ich genau darauf achten, dass alle Etiketten richtig angebracht sind und ob die Produkte im richtigen Laster sind. Alles muss auch in der richtigen Reihenfolge verladen werden - je nachdem welcher Kunde zuerst beliefert wird. Zum Glück geht das mit dem Scanner alles recht schnell.
"Ich bin die ganze Zeit nur am Laufen"
In der Lagerhalle ist es immer kalt. Kälter als im Kühlschrank. Aber das macht mir nichts aus, weil ich viel in Bewegung bin. Es muss ja immer alles schnell gehen. Unsere Chefs sagen uns immer, dass jede Sekunde zählt. Wenn die Mitbewerber besser oder billiger produzieren, sind wir raus aus dem Geschäft.
Eigentlich bin ich die ganze Zeit nur am Laufen. Meine Kollegen haben mit einem Schrittzähler mal gemessen, wie viel Strecke sie machen. In einer Schicht kamen bis zu 28 Kilometer zusammen. Meine Füße tun mir auch schon weh, deswegen versuche ich, öfter mit dem Gabelstapler zu fahren. Meist nutze ich aber einen Handhubwagen, mit dem man Paletten transportieren kann und den man quasi hinter sich her zieht.
Das anonyme Jobprotokoll: So sieht der Alltag wirklich aus
Wenn immer alles schnell gehen muss, passieren Fehler. Ich habe auch schon mal falsche Sachen verladen. Auch meine Kollegen machen nicht alles richtig. Manchmal kleben sie in der Eile die Etiketten nicht richtig auf. Die sitzen dann schief, ich kann sie nicht einscannen und muss alle Nummern mit der Hand ins System eingeben. Die Zeit fehlt mir dann wieder für meine andere Arbeit.
"Eigentlich wollte ich nie mit Lebensmitteln arbeiten"
Wenn etwas im falschen Lkw ist oder ein Lkw zum falschen Ziel unterwegs ist, können wir die Ware vergessen. Das Fleisch muss ja frisch angeliefert werden und bis alles neu verladen wäre, würde zu viel Zeit vergehen. Ich weiß nicht genau, was es kostet, wenn man einen ganzen Lkw voller Steaks verliert. Das sind bestimmt mehr als 10.000 Euro.
Die Pausenzeiten sind nicht geregelt. Jeder von uns muss aber eine Stunde Pause machen.
Eigentlich wollte ich nie mit Lebensmitteln arbeiten. Im Vorstellungsgespräch habe ich sogar gesagt, dass ich nicht kochen kann. Früher konnte ich nicht mal die Fleischsorten auseinanderhalten, aber das habe ich mittlerweile raus. Wir haben hier in der Firma die Möglichkeit, Fleisch billiger als im Discounter zu kaufen. Wir müssen es nur vorher bestellen. Dann wird es nochmal gewogen und kontrolliert. Es gibt auch immer mal wieder Taschenkontrollen. Dafür braucht man den Bestellschein.
In meiner Firma arbeiten viele Polen, Russen, Litauer, Türken und Rumänen und nur wenige Deutsche. Es bilden sich meist kleine Arbeitergruppen der gleichen Nationen, die sich aber nur untereinander helfen. Ich bekomme oft leider keine Antwort, wenn ich etwas frage. Auch die Pausen verbringen sie zusammen. Manchmal fühle ich mich da außen vor gelassen.
"Meine Freunde sehe ich kaum noch"
Meine Schicht geht vom späten Nachmittag bis in die frühen Morgenstunden. Aber Feierabend ist erst, wenn die Arbeit fertig ist. Wenn einer trödelt, haben alle anderen später Schluss. Ich arbeite ohnehin schon viel zu viel. Laut Vertrag habe ich eine 40-Stunden-Woche, aber ich bin jeden Tag schon für neun Stunden eingeplant. Ich mache also jeden Tag schon mal eine Überstunde. Es gab auch schon Schichten, da war ich drei Stunden länger da als geplant.
Unter meiner Arbeitszeit leidet die Familie, auch meine Freunde sehe ich kaum noch. Doch vorher war es noch schlimmer. Da war ich Leiharbeiter und wurde total verarscht. Die Chefs haben mir immer versprochen, sie würden mich übernehmen, aber so weit kam es nie. Außerdem habe ich viel weniger verdient als die Kollegen, die direkt bei der Firma angestellt waren.
Deswegen möchte ich meinen Job auch behalten. Ich verdiene gut, es werden auch alle Überstunden bezahlt. Nun bin ich gespannt, wie es zu Weihnachten wird. Das ist ja die Hochzeit für Fleischprodukte.