Aussteiger: Ingenieur Sebastian Niklaus wird Musiker - DER SPIEGEL
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Singender Ingenieur Tausche Umspannwerk gegen Ukulele

Als Ingenieur hatte Sebastian Niklaus einen unbefristeten Arbeitsvertrag. Jetzt hat er nur noch einen Plan: Er will Musiker werden und sich vermarkten "wie einen Akkuschrauber oder ein Küchengerät". Ein Konzertbesuch im Burger-Laden.
Von Milena Menzemer
Sebastian Niklaus: "Ich bin nur ein singender Elektroingenieur"
Sebastian Niklaus: "Ich bin nur ein singender Elektroingenieur"

Sebastian Niklaus: "Ich bin nur ein singender Elektroingenieur"

Foto: SPIEGEL ONLINE
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Integral ist mir egal
Hochspannung hab ich auch
Technische Mechanik hab ich lang nicht mehr gebraucht
Statt ins Labor geht's auf die Bühne
Meine Baustelle ist der Song
und wenn der euch gefällt, dann malt mir bitte ein Diplom

Sebastian Niklaus hat seinen Lebenslauf vertont. Er begleitet sich selbst auf der Ukulele: "Ich bin ein singender Elektroingenieur..." Die zehn Damen, die um ihn herum sitzen, strahlen und bewegen die Lippen zum Text. Zumindest die, die gerade keine Pommes im Mund haben.

Niklaus ist wirklich Elektroingenieur. Er arbeitete in Karlsruhe für die kleine Niederlassung eines großen Unternehmens, kümmerte sich um den Aufbau von Umspannwerken, hatte einen unbefristeten Vertrag. So um die 70.000 Euro habe er im Jahr verdient, sagt er. Ganz genau wisse er es nicht mehr, habe wohl verdrängt, dass es mal so viel war.

Jetzt spielt Niklaus, 33, in einem Burger-Laden in Hamburg - für eine kleine Gage und Gratis-Burger. Er hat die Flyer drapiert und seine kleine Fangemeinde mit Handschlag begrüßt. Die meisten hier kennen ihn von seinem Auftritt im Vorprogramm der Band Staubkind im letzten Jahr. Sie mögen sein Lachen, seine Texte seien so ehrlich, sagen sie.

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Niklaus singt über Liebe, über Selbstzweifel, den Tod eines Freundes, seine Heimatstadt. Wut reimt sich auf gut, Strand auf Hand. Dazu spielt er Gitarre, Ukulele oder wird von einer Combo begleitet. Er mache Deutsch-Pop, sagt er, seine Texte seien "echt anspruchsvoll". Manchmal singt er auf Englisch.

Wie wird ein Mann, der sich den Titel Diplom-Ingenieur erarbeitet hat, zum Sänger im Burger-Laden? "Mein Chef hat entgeistert geguckt, als ich kündigen wollte", sagt Niklaus. "Aber irgendwann passte das zeitlich nicht mehr mit Job und Musik."

Seinen ersten Song nahm er 2009 auf. Damals saß er allein mit der Gitarre auf der Couch - und sang darüber, warum er allein mit der Gitarre auf der Couch saß. Drei Jahre später veröffentlichte er sein erstes Album. Da war er noch festangestellt. Er kündigte 2013.

Niklaus betrachtet den neuen Job nüchtern. Die Musik sei sein Produkt, er die Marke. "Wenn ich einen besonderen Akkuschrauber oder ein Küchengerät erfunden hätte, würde ich das genauso vermarkten."

Ich bin nur ein singender Elektroingenieur
50 Hertz reichen mir nicht mehr
Ich will schreiben, Lieder singen
will die Luft zum Klingen bringen
Das alles und noch viel mehr
als singender Elektroingenieur

Von früh bis spät wirbt er für sich und seine Stimme. Mit der Ordnung und der Struktur, die er aus der Ingenieurbranche kennt. Ab halb zehn sitzt er am Telefon, preist sich bei Radiosendern und Lokalzeitungen an, organisiert Promo-Termine und fragt, ob er bei Stadtfesten singen kann. Den Rest des Tages pflegt er seine Homepage , lässt seinen Namen in Eventkalender eintragen, aktualisiert Pressemappen, Instagram-, Twitter- und Xing-Account. Nebenbei nimmt er Gesangs- und Gitarrenunterricht, besucht Messen und Meetings "fürs Networking".

"Ich bin kein Höhenflieger, aber auch kein Depp"

Niklaus ist bei allem, was er tut, auf die Karriere bedacht. Beim Duschen atmet er Wasserdampf für die Stimme. In seiner Freizeit fährt er Rad: Das ist sein Hobby - und gut für die Bühnenfigur. Wenn er auf öffentlichen Plätzen oder in der Bahn mit anderen Leuten musiziert, verteilt er anschließend Flyer.

Ein Mann, der alles daransetzt, ein bekannter Musiker zu werden. Kann das klappen? Musikerinnen wie Annett Louisan oder Leslio Clio verdanken ihre Karriere nicht zuletzt auffälliger Hartnäckigkeit; die Berliner Sängerin Lary ist auch so eine, die unbedingt zu den Großen zählen will. Oder Ed Hardy: Der Designer war ein unbedeutender Jeansverkäufer, bis er Madonna eines seiner Shirts andrehen konnte. Ehrgeiz kann sich auszahlen.

"Ich bin kein Höhenflieger, aber auch kein Depp", sagt Niklaus. Man müsse realistisch sein - und trotzdem an sich glauben. Er hat schon bei größeren Festen in Berlin gespielt, in Kassel und in Karlsruhe. Zwischendurch singt er eben mal im Burger-Laden, von der Musik könne er "ganz okay" leben, sagt er. Zwei Wochen Urlaub seien trotzdem nicht drin.

In zehn Jahren will er auf noch größeren Bühnen stehen, im ZDF-"Fernsehgarten" auftreten oder bei 3Sat in der Sendung "Aspekte". Dafür mache er das ja alles, sagt er, für die Momente auf der Bühne, für die Musik. "Es ist Arbeit, aber es macht auch Spaß."

Sein Abschluss als Ingenieur gibt ihm Sicherheit: Seine Sparte sei zeitlos, Umspannwerke würden seit 30 Jahren ähnlich gebaut, er könne sich jederzeit wieder bewerben, sagt er. "Ich will aber nicht." Im Song "Elektroingenieur" reimt sich "Physik" auf "nicht zurück".

Du fragst, wie ich dazu kam, und ich sage, das war so
von einem auf den andern Tage Status quo
Brauch keine Informatik und auch keine Physik
Auf Sensorsysteme greif ich nicht zurück
Alles, was erforderlich ist, das ist mein bestes Stück
nämlich die Gitarre und ein bisschen Glück

Milena Menzemer (Jahrgang 1990) studiert Psychologie und schreibt immer mal wieder für das Ressort KarriereSPIEGEL .