Studie "Arbeitgeber sehen eher Schwächen von Behinderten"
Mit Handicap bei der Arbeit: Barrierefreie Unternehmen sind in der Minderheit
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Bert Rürup (Jahrgang 1943) war neun Jahre lang einer der fünf Wirtschaftsweisen, die die Bundesregierung beraten. Der Ökonom hat unter anderem an der Universität Darmstadt gelehrt und war nach seiner Emeritierung Chefökonom beim Finanzdienstleister AWD. Er ist nun Präsident des Handelsblatt Research Institute, das für die "Aktion Mensch" das Inklusionsbarometer entwickelt hat. Es untersucht die Situation von Menschen mit Behinderung am Arbeitsmarkt.
KarriereSPIEGEL: Herr Rürup, Sie haben untersucht, wie gut Menschen mit Behinderung im Arbeitsmarkt integriert sind. Ein Ergebnis lautet, dass Arbeitgeber das Potential von Menschen mit Behinderung nicht ausschöpfen. Warum?
Rürup: Viele Arbeitgeber sehen eher die möglichen Schwächen von Behinderten. Dabei sind sie oft besonders motiviert und leistungsfähig, weil ihre Behinderung oft viel Organisation im Alltag erfordert. Das zeigt auch unser Inklusionsbarometer: Mehr als 80 Prozent der Firmenchefs können keine Leistungsunterschiede zwischen den Mitarbeitern mit und ohne Behinderung feststellen.
KarriereSPIEGEL: Die Quote der Arbeitslosen mit Behinderung lag 2012 bei 14,1 Prozent, während sie in den vorangegangenen fünf Jahren im Schnitt 14,9 Prozent betrug. Ist das nicht ein Fortschritt?
Rürup: Ja, aber die Arbeitslosenquote der Nichtbehinderten ist im Zuge des Wirtschaftsaufschwungs deutlich stärker zurückgegangen. Die Quote der Arbeitslosen mit Behinderung ist mit 14 Prozent fast doppelt so hoch. Das heißt, Menschen mit Behinderung haben deutlich weniger von der positiven Entwicklung am Arbeitsmarkt profitiert als Nichtbehinderte.
KarriereSPIEGEL: Sie haben für Ihre Studie rund 400 Unternehmen befragt - vor allem Mittelständler. Warum haben Sie nicht mehr große Firmen einbezogen?
Rürup: Großunternehmen sind sich der Problematik bewusst: Sie stellen Menschen mit Behinderung ein und bieten barrierefreie Arbeitsplätze. Die Zahl behinderter Beschäftigter steigt mit der Unternehmensgröße progressiv an. Außerdem sind Konzerne nicht die Hauptarbeitgeber in unserem Land - das sind die kleinen und mittelständischen Unternehmen. Bei ihnen sieht es weniger gut aus: 29 Prozent der von uns befragten Unternehmen gaben an, nicht barrierefrei zu sein.
KarriereSPIEGEL: Unternehmen, die Menschen mit Behinderung beschäftigen, erhalten in Deutschland staatliche Förderungen. Das ist aber rund einem Fünftel der Unternehmen nicht bekannt - und selbst 27 Prozent der Firmen, die sie kennen, nehmen die Förderungen nicht in Anspruch. Wie erklären Sie sich das?
Rürup: Da kann ich nur spekulieren: Vielleicht ist gerade kleineren Unternehmen der bürokratische Aufwand zu hoch. Es ist ja gar nicht so einfach, an staatliches Geld zu kommen.
KarriereSPIEGEL: In Deutschland müssen Unternehmen ab 20 Mitarbeitern eine Mindestquote erfüllen: Fünf Prozent der Belegschaft muss aus Menschen mit Behinderung bestehen. Mehr als 60 Prozent aller privaten Unternehmen zahlen aber lieber Ausgleichsabgaben, die im Moment bei maximal 290 Euro monatlich pro unbesetzten Pflichtplatz liegt. Müssen die Abgaben weiter erhöht werden?
Rürup: Das muss die Regierung beantworten. Ich finde 290 Euro pro Arbeitsplatz und Monat unter Berücksichtigung des erhöhten Kündigungsschutzes durchaus angemessen. Durch unser Inklusionsbarometer wollen wir gerade bei Unternehmern das Bewusstsein dafür erzeugen und schärfen, dass es auf diesem Gebiet noch einiges zu tun gibt.