Profi-Gassigeher: Der Hundeflüsterer von Solingen
Beruf Dogsitter Der Leitwolf
Als die schnüffelnde und sabbernde Meute den Bus stürmt, lächelt sogar der Fahrer. Benno Gräff, 51, und seine Begleiter steigen ein, die Vierbeiner hecheln und schütteln ihr nasses Fell - und ernten doch milde Blicke. Selbst die ältere Dame auf dem Behindertensitz nickt dem Hundemann freundlich zu. Gemeckert wird nicht.
Den Benno rufen in Solingen alle nur beim Vornamen. Sein Bild hängt sogar im Rathaus. Der Solinger Künstler Sascha Reichert, 43, hat es für Gräff gemalt, und dieser hat es an den ehemaligen Oberbürgermeister weiterverschenkt. "Ich kenne Benno seit meiner Kindheit", sagt Reichert. "Er ist witzig und schräg im positiven Sinne. Das ist ein Typ, der unsere Stadt bunt macht."
Benno Gräff kann weder lesen noch schreiben. "Trotzdem mache ich meine Arbeit gut", sagt er. Und er ist selbstbewusst: "Wenn es so leicht wäre, würde es schließlich jeder machen." Gräff arbeitet seit fast 30 Jahren als Hunde-Ausführer. Er verdient seinen Lebensunterhalt mit Gassi gehen.
Tierische Jobs: Ich glaub, mich tritt ein Pferd
Wer beruflich eingespannt ist, zum Arzt muss oder schlicht keine Lust hat, bei Regen vor die Tür zu gehen, gibt seinen Vierbeiner bei ihm ab. Drei Stunden ist er jeweils unterwegs, meist mit zwei verschiedenen Rudeln pro Tag. Er führt sie über Wald und Wiesen, durch die Stadt, nimmt häufig auch den Bus mit den Tieren.
Für Sam ist es die erste Busfahrt mit dem Dogsitter. Der 16 Monate alte Labrador tritt nervös von einer Pfote auf die andere. Als der Haltewunsch-Gong ertönt, springt er auf. Gräff reagiert so, wie er immer reagiert: konsequent, aber gelassen. "Ist gut", sagt er mit seiner ruhigen, tiefen Stimme, die nach natürlicher Autorität klingt. Tatsächlich setzt sich Sam wieder hin. "Klar ist er aufgeregt", sagt Gräff, "aber er wird sich schnell daran gewöhnen. Das klappt immer."
An diesem Tag führt er noch zwei weitere Hunde an der Leine: Kalle, einen Spitz, und Nena, eine scheue Mischlingshündin. Im Wald traben alle brav nebeneinander, nur Sam zieht öfter zu Kalle rüber, was dem anderen Rüden gar nicht behagt. Sofort greift Gräff ein: Ein kurzer Ruck an der Leine, ein lautes "Pfui", schon lässt Sam seinen Artgenossen in Ruhe. "Du musst der Chef sein", sagt Gräff, "und konsequent. Nur so verstehen dich die Hunde."
Gräff stammt aus einfachen Verhältnissen. Sein Talent entdeckte er als junger Mann durch Zufall bei einer Shoppingtour: "Ich wollte mir Schuhe kaufen, hatte aber nicht genug Geld. Nachdem wir über eine Ratenzahlung verhandelt hatten, baten mich die Schuhladenbesitzer, mal kurz auf ihren Hund aufzupassen. Da haben sie gemerkt, wie gut der auf mich hörte."
Nach und nach baute Gräff sein Geschäft aus. Stolz erzählt er, in all den Jahren sei es nur zu fünf Beißereien gekommen, "und nie was Ernstes". Das Schlimmste, was je passiert ist? "Die zerrissene Hose eines Spaziergängers. Ich habe ihm 50 Euro gegeben, damit war die Sache erledigt." Drei Grundregeln, sagt Gräff, habe er sich für die Arbeit gegeben: Jeder Hund muss versichert sein. Tiere, die Kinder anfallen, lehnt er ab. Und: "Kundinnen anzubaggern ist tabu."
Am Wochenende hat er meist wenig zu tun. Unter der Woche führt er manchmal zehn Hunde gleichzeitig aus. Die Beseitigung ihrer Exkremente gehört ebenfalls zum Job. Wie viel er für seine Dienste verlangt, will der Hundeflüsterer nicht verraten: "Geschäftsgeheimnis", sagt er grinsend. "Ich kann davon leben." Und tatsächlich: Ständig ruft jemand an, um den nächsten Termin zu vereinbaren.
Außerdem hat die Stadtverwaltung ihn unter Vertrag: Als Mini-Jobber entfernt er Hundehaufen im Stadtgebiet. "Benno ist hier bekannt wie ein bunter Hund", sagt Rathaussprecherin Birgit Wenning-Paulsen. In einer älteren Pressemitteilung heißt es sogar, der Hundeflüsterer sei bekannter als der Oberbürgermeister. "Der Mann ist wirklich ein Unikat", sagt Silke Rampe, Sprecherin der Solinger Stadtwerke.
Nach dem Spaziergang bringt Gräff die Hunde bis zur Haustür. Kaum sehen Nena und Kalle ihr Frauchen, fangen sie an zu bellen - eben noch brave Schoßhunde, jetzt wieder Rabauken. Hundehalterin Karin Ackermann-Stoletzky, 56, seufzt: "Wenn Benno mit den beiden geht, benehmen sie sich. Es ist schon genial, wie er das macht." Auch Karin Rieneckert, 57, lobt den Hundeausführer: "Ich habe nur Gutes von Benno gehört und bin nicht enttäuscht worden. Er tut Sam echt gut."
Gräff genießt seine Rolle als "Underdog". Er wisse gar nicht mehr, wie viele Urkunden er für seine Arbeit schon erhalten habe, sagt er. Dann lacht er laut, bevor er den nächsten Hundehaufen entfernt: "Diesen Job will nicht jeder machen. Aber für mich ist er genau das Richtige."
Steve Przybilla (Jahrgang 1985) ist freier Journalist und lebt in Freiburg im Breisgau.