Brainteaser: Harte Tests für künftige Unternehmensberater - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Eignungstest für Unternehmensberater Können Sie McKinsey?

Haben Sie das Zeug zum Unternehmensberater? Dann müssen Sie Fallstudien lösen können. Knallharte Tests, die simpel klingen, aber knifflig sind - weil es die perfekte Lösung meist nicht gibt.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Sie haben ein Vorstellungsgespräch bei einer Unternehmensberatung, und plötzlich geht es um italienisches Essen. Der Interviewer fragt: Was kann der Grund dafür sein, dass beim Pizzadienst "Prima Pizza" der Umsatz einbricht, obwohl das Konzept gar nicht verändert worden ist? Vorsicht, jetzt bitte nicht spontan antworten, denn dann haben Sie verloren.

Mögliche Antworten scheinen auf der Hand zu liegen: Vielleicht hat ein Konkurrent von "Prima Pizza" in der Nähe eine Filiale eröffnet? Ein großer Firmenkunde ist pleitegegangen? Oder lag es am Wetter, und die Leute haben lieber abends im Garten gegrillt? Mag sein. Aber den Interviewer interessiert nicht, was hätte sein können - er will, dass der Kandidat einen klaren Lösungsansatz präsentiert.

Testen Sie, wie klug Sie sind!

Das Beispiel "Prima Pizza" ist keine gewöhnliche Übungsaufgabe, sondern eine sogenannte Fallstudie (Englisch: "Case Study"). Dabei handelt es sich in der Regel um Aufgaben aus der Praxis, die der Interviewer in komplexerer Form selbst schon einmal lösen musste.

Er schildert die Situation und formuliert dann allgemein gehaltene Fragen: Wie soll die Firma reagieren? Was würden Sie dem Chef raten? McKinsey gibt den Bewerbern 30 Minuten, um im Gespräch mit dem Interviewer eine Antwort zu finden - Recherche ist nicht möglich, ein Taschenrechner nicht erlaubt. Aber Rückfragen sind erwünscht.

Die Berater wollen testen, ob die Bewerber wissen, was nun in welcher Reihenfolge zu tun ist. Und wie das geht, erklärt inzwischen eine ganze Branche.

Google listet zur Suchanfrage "Unternehmensberatung" und "Fallstudie" fast eine Million Suchergebnisse, "Consulting" und "Case Studies" ergeben sogar mehr als 28 Millionen Treffer. Es sind Links zu Trainingsbüchern, Gruppentreffen und Onlinekursen, zu Erfahrungsberichten, Coaches und selbsternannten Experten.

"Fallstudien sind keine Wissenstests"

Auch abstrakte Fragen werden gestellt: Angenommen, Sie sind ein Investor und wollen das Riesenrad in London kaufen - wie viel würden Sie bieten? Oder: Wie viel Benzin wird jeden Monat an Hessens Tankstellen verkauft? Manche Fallstudien erinnern an Brainteaser - umstrittene Denksportaufgaben, mit denen abgeklopft wird, ob Bewerber analytisch, kreativ oder logisch denken können. Die richtige Antwortzahl kennen die Prüfer in der Regel selbst nicht. Egal. Auch hier ist der Weg das Ziel.

Dass Potenzial in solchen Aufgaben steckt, merkten die Unternehmensberater Christoph Biallas und Fabian Trimpop schnell. In ihrer Firma testen sie verschiedene Geschäftsideen. Neben maßgeschneiderten Gardinen, Werbegeschenken für Golfer und Futter für Koi-Fische bieten sie unter anderem auch ein E-Book mit Lösungen für Fallstudien an. Es ist ihr absoluter Kassenschlager - in nur neun Monaten verzeichnete ihre Site "consulting-cases"  2200 Downloads.

Biallas hat nach seinem BWL-Studium Dutzende Vorbereitungsbücher zu diesem Thema verschlungen. Die meisten boten pauschale Lösungsschemata. Weitergeholfen haben sie ihm nicht. "Fallstudien sind keine Wissenstests", sagt Biallas. Der Ansatz von ihm und seinem Berater-Kollegen Trimpop: Ausgehend von der Frage Hypothesen aufstellen.

Fotostrecke

Fotostrecke: Der Schlüssel zum Berater-Job

Foto: 8seeds

Im Fall von "Prima Pizza" könnte der Umsatzrückgang nur an zwei Dingen liegen: Die Pizzapreise sind gesunken, oder es werden weniger verkauft - denn Umsatz ist bekanntlich Preis multipliziert mit Menge.

Falls der Berater antwortet, die Preise seien gleich geblieben, aber "Prima Pizza" habe weniger Pizzen verkauft, rückt der Bewerber im Hypothesenbaum eine Stufe weiter. Warum ist die verkaufte Menge gesunken? Wieder gibt es zwei Möglichkeiten: Vielleicht ist der Markt insgesamt geschrumpft? Oder "Prima Pizza" hat als einziger Bewerber Marktanteile verloren? "Und so arbeitet man sich vor, bis man den wesentlichen Grund für das Problem erkannt hat", erklärt Biallas. Die Frage nach dem Gewinn stellt sich nicht, weil das nicht Teil der Aufgabe war.

Üben per Skype

Fernando Martinelli hat die Fallstudie sogar zu seinem Beruf gemacht. Während seines MBA-Studiums in Paris bewarb er sich in Deutschland auf Praktika in verschiedenen Unternehmensberatungen. Doch bei der Vorbereitung auf die Auswahltests hatte er das Gefühl, dass Übungsbücher allein für die Vorbereitung nicht reichen. Also verabredete er sich mit drei Freunden zum Üben. Problem: Die waren gerade in Brasilien. So wurde die Geschäftsidee für PrepLounge  geboren. Auf der Plattform können Berater-Bewerber per Skype zusammen üben, Videos mit Lösungen anschauen oder sich gegen Gebühr von Unternehmensberatern testen lassen.

Sich mit anderen Bewerbern zum Üben zu verabreden, empfiehlt auch McKinsey-Recruiting-Chef Thomas Fritz. Fallstudien seien der Kern des Auswahlprozesses, man sollte also schon wissen, wie sie funktionieren, so Fritz: "Dazu muss man aber nicht hundert Cases durchspielen. Ich erlebe in letzter Zeit immer mehr Bewerber, die übertrainiert sind."

Und was viele bei all dem Üben, Knobeln und Grübeln vergessen: Acht von zehn Bewerbern bekommen nie eine Fallstudie gestellt. Sie werden gar nicht erst zum Auswahltag eingeladen.

Foto: Jeannette Corbeau

Autorin Verena Töpper (Jahrgang 1982) ist KarriereSPIEGEL-Redakteurin.

Foto: Beatrice Blank
1 Min