Ein Opernsänger will Karriere machen - als Schlagerstar - DER SPIEGEL
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Karriere zum Mitklatschen: Musik, die nicht beim Bügeln stört

Opernsänger versucht Schlager-Karriere Verdammt, ich lieb dich nicht

Gassenhauer statt Arien-Schauer: Marcus M. Doering studierte Operngesang - und versucht als Schlagerstar den Durchbruch. Die Dozenten irritierte er mit seinen schlichten Liedchen. Dabei hat er durchaus Ambitionen: Er will im Schunkelton auch mal anderes besingen als die Liebe.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Zeiten, in denen Marcus M. Doering verheimlichte, womit er sein Geld verdient, sind vorbei. Niemand von seinen Bekannten wusste, dass er an Wochenenden als Alleinunterhalter mit seiner Elektroorgel über Dorffeste und Familienfeiern tingelte. Aber jetzt will er Karriere machen: als Entertainer und Schlagersänger.

Im vergangenen Jahr hat er sein erstes Musikvideo gedreht. Der erste große Schritt auf dem Weg zu einem Schlagererfolg. Man sieht ihn an einem See am Leipziger Stadtrand, mit den Füßen im Wasser, entspannt im Liegestuhl, die mitteldeutsche Sonne scheint ihm ins Gesicht. "Lass mal locker" heißt das Lied.

Ein paar hundert Meter neben diesem See liegt sein Büro: ein schmuckloser Raum im Keller seines Wohnhauses, mit einem E-Piano, zwei Computern und vielen Ordnern. Musik ist Arbeit, Arbeit, Arbeit, das sagt dieser Raum. Er muss es wissen: Er ist eigentlich Diplom-Opernsänger.

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Wenn alles gut läuft, hofft der 35-Jährige, bringt ihn das Lied übers Lockerlassen irgendwann auf die Bühnen großer Hallen. Das mag zwar noch dauern, aber er meint es ernst. Ihm geht es nicht nur um Aufmerksamkeit, er kämpft auch gegen das schlechte Image, das dem Genre Schlager anhaftet, gegen alle, die dabei an einfallslose Takte, abgenutzte Rhythmen und Texte denken, bei denen sich 'voll' auf 'toll' und 'cool' auf 'Pool' reimt. Er besingt nicht den Sonnenuntergang überm kristallklaren See, und er turnt auch nicht mit aufgeknöpftem Hemd durch Kleinstadtdiscos.

Beim Bügeln darf's nicht stören

Die Vorurteile bekam Doering auch zu spüren, als er 1997 anfing, an der Leipziger Hochschule für Musik und Theater Operngesang zu studieren - immerhin eine der renommiertesten und ältesten Institutionen dieser Art in Deutschland. Dort regiert der Geist der Klassik. Und nicht der solide Dreivierteltakt mit Schunkelambitionen.

Er setzte trotz seiner Schlagerliebe auf das Gesangsstudium - der professionellen Ausbildung wegen. Schon als Student stand er für kleinere Solorollen auf der Bühne der Leipziger Oper. Doch dass er in diesem Fach nicht glücklich werden würde, merkte er, als er einer Dozentin erste eigene Lieder zum Anhören gab. "Marcus, das ist doch nicht dein Ernst", zitiert er seine ehemalige Lehrerin: "Da habe ich gewusst, dass ich dort falsch war, denn es war mein voller Ernst."

Letztlich geht's auch bei Schlagermelodien um Handwerk. Doering sagt, eine goldene Regel der Branche sei: Der Schlager dürfe die Hausfrau nicht beim Bügeln stören. "Noch wichtiger ist aber, dass sich zentrale Melodie- und Textphasen trotzdem im Kopf verankern", sagt er und schaut dabei sehr ernst. "Man muss die Dinge stark vereinfachen, sonst funktioniert Schlager nicht", Punkt.

Melodien für Millionen

Dass "eine intellektuelle Elite" Schlagermusik "pauschal abwerte", ärgert ihn. "Für Millionen Menschen ist Schlager das Richtige", sagt er. "Mir hat es schon immer Spaß gemacht, durch die Musik mit den Menschen zu interagieren. Das ist mit Klassik nur schwer möglich. Dort war vieles furchtbar verkünstelt", sagt er. In der Tat, Schlager erreichen eben die breite Masse - allein die Best-of-Platte der Sängerin Andrea Berg hielt sich zuletzt 345 Wochen in den Top 100 der Albumcharts.

Für "Lass mal locker" arbeitete Marcus M. Doering mit dem Schlager-Urgestein Willy Klüter zusammen, der bereits für Mireille Mathieu, die Schürzenjäger und die Kastelruther Spatzen arbeitete. Sie alle singen nur über Thema Nummer eins: "Liebe lebt", "Nah bei Dir", "Brief an Dich" oder "Eine Hand, die deine hält", heißen ihre Lieder.

Doch: "Das Leben ist viel bunter", findet Doering - und wagt sich mit seinen Texten verhältnismäßig weit vor. Er besingt stattdessen Augenringe, schlaffe Haut, die Haltung wie ein Sack. Nix mehr von Dynamik, mehr so'n angestaubtes Wrack. "So etwas findet man sonst eher selten, da wird der Hörer ja fast schon angegriffen", sagt Doering.

Ein bisschen will er eben doch rebellieren. Aber nur ein bisschen. Auf seiner zweiten Single "Raus aus meinem Kopf" geht es - um die Liebe.

KarriereSPIEGEL-Autor Fritz Habekuß (Jahrgang 1990) studiert Wissenschaftsjournalismus, Biowissenschaften und Medizin in Dortmund und arbeitet als freier Journalist.