Genossenschaften: Die unterschätzten Arbeitgeber
Volksbank, Datev und Co. Karriere bei den Genossen
Das ganze Dorf ist auf den Beinen - oder auf den "Mulis", wie die Allradtransporter der Schweizer Bergbauern heißen. Die Karawane dieselt vom Thuner See knapp tausend Höhenmeter hoch zum Justistal im Berner Oberland. Dort wird das große Los gezogen. Nicht eines, sondern einige hundert. So viele Stapel Alpkäse sind vor den Holzspeichern aufgetürmt.
Ein Almhirte geht durch die Reihen, zieht Zettel aus einem Beutel und legt sie auf den Stapeln ab. Kurze Ansprache, Jubel, Alphornklänge - und ran an den Käse. Die Zettel tragen die Anfangsbuchstaben der Bauern, die die runden Laibe, jeder sieben bis 13 Kilo schwer, zu ihren Mulis wuchten. Später beim Kaffee Lutz, der Schweizer Grogvariante mit ordentlich Obstler und Zucker, haben die meisten Bauern den Kaffee längst weggelassen.
Seit 300 Jahren ist der Brauch des "Käseteilet" belegt, eines der ältesten Zeugnisse von Genossenschaften in Europa. Die Bauern schließen sich zu Alpgenossenschaften zusammen und schicken ihre Kühe für 100 Tage ins Justistal. Angestellte Hirten ("Sennen") versorgen das Vieh; Käser verarbeiten die Milch zu Käse, über 30 Tonnen pro Saison.
Von Milch bis Megabyte
Am Tag des Almabtriebs wird die Produktion verteilt. Und zwar per Los. Niemand versucht, sich die besten Stücke unter den Nagel zu reißen, das gehört sich so unter Genossen. "Der Käseteilet ist ein urdemokratischer Brauch, bei dem Profitdenken nicht im Vordergrund steht", sagt David Escher, Vorstandschef des Schweizer Käseverbands.
Es gibt mehr Genossenschaften, als ein Schweizer Käse Löcher hat:
- Banken, vor allem die genossenschaftliche Finanzgruppe der Volksbanken und Raiffeisenbanken mit 1100 Instituten und 188.000 Mitarbeitern
- Konsumgenossenschaften wie die norddeutsche Coop mit über 200 Einzelhandelsgeschäften und 9000 Mitarbeitern
- Wohnungsbaugenossenschaften, die 10.000 Wohnungen und mehr im Bestand haben
- Dienstleistungsunternehmen wie das Softwarehaus Datev mit 6500 Mitarbeitern
- landwirtschaftliche Genossenschaften, etwa Molkereien oder Winzerbetriebe
- Exoten wie die Tageszeitung "Taz", der Energieversorger Greenpeace Energy, der Domain-Verwalter Denic oder die Murgschifferschaft, eine Holzhandelsgesellschaft im Schwarzwald, gegründet im 15. Jahrhundert von Flößern
Fast 21 Millionen Deutsche sind Genossen, sie haben also Anteile an einer Genossenschaft gekauft. So werden aus Kunden Eigentümer. Seit 2006 hat sich die Zahl der kooperativen Unternehmensgründungen vervierfacht, ermittelte die DZ Bank als Spitzeninstitut der genossenschaftlichen Finanzgruppe in einer Studie. Eine Ursache des Booms ist die Energiewende: Immer mehr Privatleute tun sich zusammen, um Anlagen zur Gewinnung von Ökostrom zu bauen.
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Auch ohne diesen Rückenwind starten die Genossen durch. "Wir leben in einer kooperativen Epoche", sagt Professorin Theresia Theurl vom Institut für Genossenschaftswesen der Uni Münster. "Genossenschaften sind langfristig ausgerichtet, in der Realwirtschaft verankert und nicht finanzmarktgetrieben. Sie sind risikoavers, regional oder lokal verwurzelt, bodenständig, und sie stabilisieren." In der Finanzmarktkrise habe die Bedeutung dieser Merkmale wieder zugenommen, dazu der "Wunsch der Menschen, über Angelegenheiten, die ihnen wichtig sind, wieder mehr Kontrolle auszuüben, etwa bei der Energieversorgung".
600.000 genossenschaftliche Jobs in Deutschland
Genossenschaften prägen ganze Branchen wie Steuerberatung und Bäckerhandwerk. Und sie haben auch am Arbeitsmarkt Gewicht. 600.000 Arbeitsplätze und 35.000 Ausbildungsplätze stellen sie nach Angaben des Deutschen Genossenschafts- und Raiffeisenverbands. Die Zahl der zu besetzenden Führungspositionen steige, so Theresia Theurl: "Es handelt sich meist um kleinere Unternehmen, so dass Hochschulabsolventen deutlich schneller die Karriereleiter absolvieren können als in größeren Unternehmen. Manche Genossenschaften haben auch einen gewissen Nachholbedarf an Hochschulabsolventen, vor allem Wohnungsgenossenschaften, teils auch kleinere Genossenschaftsbanken."
Dabei ist das Image als Arbeitgeber nicht das beste. Genossenschaft verbinden viele Absolventen mit Eigenschaften wie verlassen, verträumt, vertrottelt. Und denken zuerst an den Raiffeisen-Markt in Hintertupfingen, wo Landwirte den Kuhmist an der Fußmatte abstreifen. Oder an eine Volksbankfiliale, deren einziger Angestellter jubelt, wenn er ein Girokonto eröffnen darf. Hochkarätige Jobs vermuten viele anderswo.
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Von wegen: "Die Absolventen müssen heute viel mehr Spezialistenwissen mitbringen", sagt Sylvia Wolf-Britsch, bei der DZ Bank verantwortlich für Einstiegsprogramme. "Früher gab es bei der DZ Bank mehr Direkteinstiege, heute läuft fast alles über unsere Traineeprogramme. Insgesamt haben die Anforderungen zugenommen. Unser Akademikeranteil ist auf etwa 60 Prozent gestiegen."
Gewinner der Finanzkrise
Für die Genossenschaften sprechen zudem die vergleichsweise sicheren Arbeitsplätze. Nach Angaben von Georg Wübker, Bankenexperte der Unternehmensberatung Simon Kucher & Partners, hat das deutsche Kreditgewerbe in den vergangenen zehn Jahren, auch infolge der Finanzkrise, insgesamt 100.000 Stellen abgebaut. Das Streichkonzert sei noch nicht zu Ende: "Jobs gehen vor allem bei den privaten Banken verloren, während Sparkassen, Volksbanken und Raiffeisenbanken relativ ungeschoren davonkommen. Diese Institute sind die Gewinner der Finanz- und Bankenkrise. Ihr großer Vorteil ist, dass sie nahe am Kunden sind und großes Vertrauen genießen."
Die besondere Beziehung zu den Kunden spiegelt sich auch im Verhältnis zu den eigenen Mitarbeitern wider. Viele Genossenschaften schneiden in Arbeitgeber-Rankings sehr gut ab. So klettert der IT-Dienstleister Datev in Nürnberg im Absolventenbarometer des Trendence-Instituts stetig nach oben. Ein ansehnliches Paket ergeben betriebliche Altersversorgung, Krankengeldzuschuss, Sonderurlaub für ältere Mitarbeiter, Sport- und Gesundheitsangebote, Jobticket und Sonderzahlungen, etwa zur Hochzeit. Ferienhäuser laden ein zum Entspannen im Schwarzwald, an der Ostsee, in Österreich oder Südtirol. Wer nach Feierabend eine ruhige Kugel schieben will, mietet die firmeneigene Kegelbahn.
Ein wichtigen Aufschwungsfaktor sind auch die rechtlichen Rahmenbedingungen: "Ohne die Förderung erneuerbarer Energien ist der Boom der Energiegenossenschaften nicht denkbar", sagt Philipp Degens vom Seminar für Genossenschaftswesen der Kölner Uni. Auch Ärztegenossenschaften entstanden in Reaktion auf Reformen im Gesundheitswesen." Im Jahr 2000 gründeten 1200 Mediziner in Schleswig-Holstein die erste landesweit tätige Ärztegenossenschaft, mehrere Bundesländer folgten.
Sogar ein Krankenhaus in genossenschaftlicher Trägerschaft gibt es, in Salzhausen bei Hamburg. Mit der Gesundheitsreform hat sein Ursprung allerdings nichts zu tun. Der Krankenpflegeverein Salzhausen, der die Klinik betreibt, wurde bereits 1898 gegründet.
KarriereSPIEGEL-Autor Christoph Stehr ist freier Journalist in Hilden.