meinung •Tipps vom Karrierecoach Meine jungen Kollegen sind mir viel zu oberflächlich
Illustration: Niels Blaesi / DER SPIEGEL
Katrin, 43 Jahre, fragt: »Mein Chef und ich sind etwa gleich alt, die anderen im Team sind erst Mitte bis Ende 20. Ihre Gespräche drehen sich vor allem um den Alkoholkonsum des Wochenendes, oder sie lästern über Leute aus anderen Teams. Ich möchte da nicht mitmachen und sehne mich nach tiefgründigerem Austausch. Mit meinem Chef geht das zwar, doch die Kollegen machen darüber schon Bemerkungen. Wie soll ich mich verhalten?«
Bernd Slaghuis ist Karrierecoach und hat seit 2011 in seinem Kölner Büro mehr als tausend Angestellte und Führungskräfte bei ihren nächsten Schritten im Beruf begleitet. Er betreibt den Karriere-Blog »Perspektivwechsel« und ist Autor des Buchs »Besser arbeiten«. Haben Sie eine Frage an den Coach? Dann schreiben Sie eine E-Mail an karriere.leserpost@spiegel.de – Stichwort »Bernd Slaghuis«.
Liebe Katrin,
»Ja, so ist das«, war mein erster Gedanke auf die Schilderung Ihrer Situation. Sie haben offensichtlich eine andere Vorstellung von Zusammenarbeit und Austausch im Team als ihre jüngeren Kolleginnen und Kollegen. Das sage ich bewusst wertfrei, denn die Lösung liegt in der Akzeptanz und Wertschätzung von Verschiedenheit, statt ganze Generationen in Schubladen zu stecken, wie es der Generation Z aktuell oft ergeht.
Ich bin mir jedoch nicht sicher, welche Antwort Sie sich von mir erhoffen: Den kommunikativen Kniff, weil Sie daran glauben, dass Ihre jüngeren Kollegen irgendwann kapieren, dass sie mit Ihnen tiefgründige Gespräche führen sollten? Oder wünschen Sie sich von mir die Erlaubnis, mehr Pausenzeit mit gepflegter Konversation mit Ihrem Chef zu verbringen und Ihre Kollegen links liegen lassen zu dürfen?
Mal angenommen, Ihr Problem wäre gelöst, was wäre dann anders? Würden Sie als integriertes Mitglied dieses Teams täglich tiefsinnige Gespräche über Politik und Weltgeschehen mit Ihren Kollegen führen? Oder schauen Ihre Kollegen anerkennend zu Ihnen auf, und Sie dürfen Ihr Wissen an die nächste Generation weitergeben? Oder reichen Ihnen die Gespräche mit Ihrem Chef, wenn Ihre Kollegen es respektieren? Vielleicht ist es auch etwas anderes, doch dies ist der Kern, den Sie für sich als ersten Schritt klären sollten.
Was bedeutet Kollegialität für Sie?
Kollegialität oder Zugehörigkeit scheint für Sie ein entscheidend wichtiger Wert zu sein. Stimmt das – und wenn ja, was bedeutet es für Sie? Geht es nur um die tiefere Gesprächsebene oder auch darum, im Team gemeinsam an einem Strang zu ziehen, sich gegenseitig zu unterstützen und gesetzte Ziele erfolgreich als Gemeinschaft zu erreichen?
Woran machen Sie konkret fest, dass Ihr gutes Gefühl von »Kollegialität« erfüllt ist? Erstellen Sie für sich eine Liste mit Kriterien und bewerten Sie jeden dieser Aspekte. Ich bin mir fast sicher, dass es heute bereits etwas gibt, das in Ihrem Team positiv ist und Ihren für mich durchaus verständlichen Frust über die fehlende Gesprächstiefe vielleicht relativieren kann.
Gibt es etwas, das Ihre Kollegen an Ihnen schätzen?
Mal angenommen, ich frage Ihre Kollegen, wie sie die Arbeit mit Ihnen wahrnehmen – was glauben Sie, würden sie mir antworten? »OMG, die Alte nervt ja so dermaßen« oder vielleicht »Kein Schimmer, ist mir auch egal« oder aber »Läuft, solange wir nicht über Politik reden müssen«? Glauben Sie, dass es auch Kollegen gibt, die antworten »Gut, dass wir sie im Team haben«? Weil sie Ihre Erfahrungen schätzen und sich im Notfall alle auf Sie und Ihren guten Draht zum Chef verlassen können? Wie würden die Kollegen wohl reagieren, wenn Sie morgen kündigen würden? Glauben Sie, dass es etwas gibt, das Ihre Kollegen an Ihnen schätzen? Vielleicht fragen Sie sie ja einmal.
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Klarheit schaffen und Entscheidungen treffen
Meine Erfahrung mit Konflikten im Team ist eindeutig: Es geht immer um mehr Klarheit. Erst die eigene, gefolgt von der Klarheit im Außen. Bedürfnisse, Ängste sowie auch Wünsche klar auszusprechen und anderen so die Chance zu geben, mit Verständnis und verändertem Verhalten hierauf reagieren zu können.
Sie können mit Ihren Kollegen darüber sprechen, was Sie im Team wahrnehmen, wie Sie sich fühlen und was Sie sich anders wünschen. Womöglich werden die tiefgründigen Gespräche Wunsch bleiben, doch vielleicht finden Sie einen Weg, Ihre Kompetenzen und Erfahrungen gegenseitig stärker zu erkennen und hierüber mehr Zugehörigkeit zu empfinden.
Sie können mit Ihrem Chef darüber sprechen, dass Sie die Situation belastet, und überlegen, was Sie beide zu einer Veränderung beitragen können. Vielleicht entscheidet er sich bei der nächsten Stellenbesetzung einmal für eine Kollegin in Ihrem Alter?
Sie können sich im Unternehmen nach gemischteren Teams umsehen und Optionen für interne Wechsel prüfen. Und natürlich können Sie sich auch entscheiden, extern gezielt nach Jobs und Arbeitgebern zu suchen, wo stärker erfüllt ist, was Ihnen im Team und darüber hinaus wichtig ist.