Management trifft Mensch Warten auf die Currywurst
Wenn Personaler vom "cultural gap" zwischen verschiedenen Arbeitskulturen sprechen, denken sie an ausgefallene (und peinlich einzuhaltende) japanische Begrüßungsrituale oder an die unterschiedliche Strenge, die in den USA und Europa bei Regeln zur Vermeidung sexueller Belästigung angewandt wird. Dabei muss niemand Weltmeere überqueren, um Kulturunterschiede live zu erleben. Das musste neulich Riko lernen.
Er hatte einige Jahre als Geschäftsführer einer Werbeagentur in Berlin gearbeitet. Weiße Tische, weiße Stühle, Tage voller Calls und Briefings, Agentur-Leben eben. Nahrungsaufnahme im Agency-Style ging so: Quinoa-Schrippe und Dinkel-Honig-Tarte zwischendurch, wenn es gerade mal passte. Und an ganz entspannten Tagen sogar mal ein Desktop-Lunch.
Vor einigen Monaten wechselte Riko als Marketing-Chef zu einem Unternehmen in die süddeutsche Provinz. Spitzenprodukte, motiviertes Team, Hidden Champion und so. Alles super. Am zweiten Arbeitstag kurz vor 12 Uhr googelte sich Riko, verzweifelt auf der Suche nach einem anständigen Matcha Latte, durch die Angebote der örtlichen Café-Betreiber, als plötzlich Wolfgang den Kopf durch die Tür steckte und krähte: "Mittachszeit! Gehst Du mit in die Kantine, Chef?"
Riko lachte schallend über den gelungenen Scherz seines Mitarbeiters - solche Szenen kannte er bislang nur aus Werbespots, die den Kantinengänger als Urbild deutscher Spießigkeit ironisch veräppelten. Doch wie sie herausstellte, hatte Wolfgang gar keinen Scherz gemacht: Die gesamte Abteilung ging jeden Tag pünktlich um 12 Uhr zu Tisch. Und zwar, wie Wolfgang verschwörerisch erklärte, "weil um zehn nach 12 die ganze IT kommt, und dann sind die besten Plätze weg".
Riko, der sich als Mensch begreift, der neuen Pfaden und anderen Kulturen gegenüber prinzipiell offen eingestellt ist, schloss sich also an. In den folgenden Wochen lernte er eine Menge über das Kantinenwesen. Er lernte die unentschiedenen Umständlichen kennen ("Könnte ich die Penne ohne Sugo haben? Oder halt, nein, vielleicht doch mit Sugo, aber ohne Basilikum?"), die Schweiger ("Also Emil, wie war's denn in der Toskana? - "Ganz gut"), und die Vollprofis, die die Speisekarte keines Blickes mehr würdigen, weil sie diese eh für den kompletten Monat im Voraus auswendig kennen.
Kantinentypen: Schmackofatzer, Alleinesser und Mrs Extrawurst
Riko lernte, sich nie mit Maier an einen Tisch zu setzen, weil die Mittagspause sonst drei Stunden dauert. Er lernte, wichtige Themen mit dem Geschäftsführer beim Mittagessen zu besprechen (aber die heiklen Dinge nie vor dem Abschluss-Espresso anzuschneiden). Und dass ein Lunch am Sekretärinnen-Tisch den Tag erstaunlich aufhellen kann.
Nach einigen Wochen hatte Riko das Gefühl, langsam alles begriffen zu haben. Endgültig im neuen Job und in der neuen Kultur angekommen fühlte er sich, als eines Tages ein Ex-Kollege aus der Agentur einen Call mit ihm für 12.15 Uhr einstellte. Riko war entsetzt: Hatten die Menschen denn vor gar nichts mehr Respekt? Empört sagte er ab.
Dennoch: Mittlerweile hatte er fast alle Gerichte schon zweimal probiert, und jetzt wo es lief, wurde es allmählich wieder Zeit für andere Pfade. Als Wolfgang am nächsten Tag wie immer kurz vor 12 Uhr den Kopf zur Tür reinsteckte, sagte Riko deshalb: "Hach, immer Kantine! Warum nicht mal was Neues ausprobieren? Ich bin da neulich an dieser kleinen Trattoria am Marktplatz vorbeigefahren, das sah eigentlich sehr gut aus."
Riko war richtig stolz auf sich, weil er die Neuerung so dosiert-beiläufig und gar nicht Chef-mäßig verpackt hatte. Doch seine Leute schauten ihn an, als hätte er ihre Töchter geraubt und ihre Söhne auf Marterpfählen vor der Stadt aufgespießt. Die Freundlicheren schauten betreten zu Boden, andere gingen wortlos einfach ohne ihn in die Kantine.
Nachdem Riko alleine seine Arrabiata in der Trattoria verspeist hatte, rief er Wolfgang zu sich und bat um Aufklärung. Wolfgang schaute ihn an wie eine Erscheinung und sagte in einem Tonfall, als hätte er einen Vierjährigen vor sich: "Aber Chef, verstehst Du denn nicht? Heute gab es Currywurst! Mit Pommes. Die guten, grob geschnittenen!!"
Und Riko verstand. Ja, Kantine heißt Konstanz, deshalb erfreut sie sich allen Foodtrucks und Desktop-Lunches zum Trotz nach wie vor überwältigender Beliebtheit. Aber auch Konstanz braucht Höhepunkte - und Currywurst ist nun mal das Hochamt der Kantinengänger. Das hatte er sogar schon mal irgendwo gehört. Wahrscheinlich in einem Werbespot.