Pralinen von William Dean: Manager macht Schokolade - DER SPIEGEL
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Pralinen vom Ex-Manager: Gesprenkelte Pyramiden, bunte Herzchen

Foto: William Dean Chocolates

Ex-Manager macht Edel-Pralinen Wie süß!

Mit Ende Vierzig einen Managerposten aufgeben, um Pralinen zu machen? Bill Brown hat das gewagt. Heute naschen selbst Hollywood-Stars seine kunstvollen Süßigkeiten. Dabei fiel Brown die Umstellung nicht leicht: Anfangs plagte ihn die Einsamkeit.
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Viermal zuckte Bill Brown an diesem Abend im Kinosessel zusammen. Er schaute sich gerade mit einem Freund den ersten Teil der Filmtrilogie "Hunger Games" an, als seine Pralinen auf der Leinwand auftauchten. Brown erkannte sie sofort, schließlich hatte er sie selbst hergestellt. Dass er sie in dem Blockbuster in Nahaufnahme sehen würde, und das gleich mehrmals, damit hatte er nicht gerechnet.

Brown stellt Pralinen her, oder besser, er fertigt kleine Kunstwerke. Jedes süße Teilchen aus seiner Werkstatt ist ein Unikat, weil es von Hand bemalt wird. Die "Lemongrass & Coconut"-Kreation zum Beispiel, die auch im Film zu sehen ist. "Vom künstlerischen Standpunkt her ist das meine Lieblingspraline", erzählt der 53-Jährige. "Ich liebe einfach ihre Schlichtheit."

Sie ist mit einem dünnen Film aus gelb und grün gefärbter Kakaobutter eingesprüht. Wie ein Stück Schokolade sieht sie damit eigentlich nicht mehr aus, eher wie ein ausgefallener Würfel. Auf den "PB & J"-Pralinen mit Erdnussbutter und Marmelade wirbeln feine Farbschlieren aus Gold und Rot. Die "Earl Grey"-Komposition ist eine leicht verdrehte lila Pyramide ohne Spitze mit gelben Farbsprenkeln.

Die essbaren Kostbarkeiten entstehen in Belleair Bluffs, einer kleinen Küstensiedlung an der Golfküste Floridas. Hierher zog Brown sich zurück, als er im Alter von 47 Jahren sein früheres Leben in der Management-Riege eines großen Unternehmens hinter sich ließ.

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Foto: BCakeNY

Dass er eine starke Affinität zur Schokoladenkunst hat, merkte er 2004: Inspiriert von einer Fernsehsendung stellte er selbst ein paar Pralinen her und verteilte sie an seine Mitarbeiter. "Schon von dem Moment an, als ich zum ersten Mal mit Schokolade arbeitete, wusste ich, dass ich damit mal meinen Lebensunterhalt verdienen will." Danach ging Brown fortan tagsüber zwar noch zur Arbeit - aber bildete sich abends und in seiner Freizeit in der Schokoladenkunst weiter. 2007 gründete er eine eigene Firma, das Startkapital hatte er sich von Freunden und Familie geliehen.

Für den Unternehmensnamen standen Browns Vater William und sein Großvater Dean Pate. Daraus wurde William Dean. "Beide waren Männer mit großen Träumen", sagt er, "aber sie mussten ihre Träume aufgeben. Als ich dann die Chance bekam, meinen eigenen Traum wahr werden zu lassen, wollte ich sie dabei haben." Browns Großvater war Profiboxer. Als seine Frau schwanger wurde, suchte er sich eine andere Arbeit, mit der er genügend Geld verdienen konnte, um eine Familie zu ernähren.

Früher 170 Angestellte - und plötzlich allein

Auch Browns Vater war ein hervorragender Sportler. Er finanzierte sich sein Medizinstudium mit einem Football-Stipendium der University of Kansas. Seit seiner Kindheit hatte er davon geträumt, Arzt zu werden. Doch sowohl das Football-Training als auch das Medizinstudium waren extrem zeitintensiv. Um sein Stipendium halten zu können, tauschte Dean die Medizin gegen ein weniger aufwendiges Fach. "Am Ende war er so frustriert, dass er wenige Wochen vor dem Abschluss die Uni verließ und stattdessen zur Armee ging", erzählt Brown.

Mit seinem Wechsel zur Schokoladenkunst knüpft Brown auch an die Träume seiner eigenen Kindheit an. In der Grundschule verbrachte er mehr Zeit mit Zeichnen als mit Lernen, bis seine Lehrer ihm schließlich alles weiße Papier wegnahmen. Als er sich daraufhin die Papierhandtücher aus dem Waschraum als Zeichenblätter holte, wurde er zum Schulleiter zitiert und seiner künstlerischen Karriere vorerst ein Ende gesetzt.

Sieht Brown sich heute als Künstler? Oder doch als Handwerker? "Ich stehe irgendwo dazwischen", sagt er. "Ich habe das Herz von beiden - aber für keinen die entsprechende Ausbildung. Ich vertraue meinen Instinkten."

Bereut hat Brown den Berufswechsel nie. Nur einsam fühlte er sich am Anfang ein bisschen. "Am meisten habe ich die Arbeit mit Menschen vermisst", gibt er zu. "Ich hatte vorher etwa 170 Angestellte - und dann war ich plötzlich mehr oder weniger allein." Zum Glück blieb Brown nicht lange einsam, mittlerweile beschäftigt William Dean mehr als 20 Angestellte.

"Wir haben einfach sehr viel Glück gehabt", resümiert Brown. Zum Beispiel, weil Schauspielerin Whoopi Goldberg sich öffentlich eine von Browns Pralinen in den Mund schob. Oder weil Promis wie Ellen DeGeneres, Antonio Banderas oder Melanie Griffith bekennende William-Dean-Nascher sind. Und weil der Foodstylist der "Hunger Games"-Filme zufällig auf die Kreationen stieß.

Eine Zehnerschachtel Pralinen kostet bei Brown 22 Dollar, derzeit vertreibt er sie über Feinkosthändler, im Internet  und in zwei kleinen Läden in Florida. "Eines Tages möchte ich vielleicht vier bis fünf Läden in den USA haben, eventuell auch noch in Europa und Asien", träumt Brown. Um Geld oder Erfolg gehe es ihm dabei aber weniger. "Sondern darum, etwas im Leben zu finden, das mir Freude macht - und das zu meinem Leben zu machen."

Foto: Bruno Kongawoin

Angelika Franz (Jahrgang 1971) lebt und arbeitet als freie Journalistin in Hamburg. Normalerweise schreibt sie über Archäologie, aber Schokolade gehört auch zu ihren Leidenschaften.