Artistin Nicola Elze: Die mit der Schlange tanzt
Schlangenfrau Sie verbiegt sich für den Job
Wenn Nicola Elze sich nach hinten biegt, setzt sie die Gesetze der Anatomie außer Kraft. Sie geht in die Brückenstellung, verlagert das Gewicht auf die Unterarme, ihre Beine schwingen in die Luft und bilden einen perfekten Bogen. Jetzt schweben die Zehen knapp über ihrem Gesicht. Sie könnte sich mit den Füßen ihre Augen zuhalten.
Die Frau mit den auffällig rot gefärbten Haaren ist Artistin. Ihre Disziplin heißt im Fachjargon Kontorsion oder Kautschuk, weil der Körper aus Gummi zu bestehen scheint. Scheinbar mühelos verrenkt sich die 41-Jährige in alle Richtungen. Und während sie tanzt, lässt sie die zweieinhalb Meter lange Tigerpython Serrafina um ihren Körper schlängeln. "Ich bin die einzige Schlangenfrau in Deutschland, die auch mit einer Schlange tanzt", sagt sie.
Als Artisten arbeiten in Deutschland einige Tausend Menschen - aber nur wenige als Kontorsionisten. Denn um sich schlangenartig zu verbiegen, braucht es eine genetische Veranlagung, extrem belastbare Bänder und eine besonders biegsame Wirbelsäule. Experten gehen davon aus, dass nur etwa fünf Prozent aller Artisten diese Voraussetzungen mitbringen.
"Du wirst es eh nicht schaffen"
Das Alleinstellungsmerkmal zahlt sich aus: Elze kann für einen Galaauftritt bis zu 1600 Euro verlangen. Damit liegt sie weit über dem Durchschnittsverdienst; laut Künstlersozialkasse erreichen Artistinnen in Deutschland ein Nettojahreseinkommen von nur 8300 Euro.
Wie kostbar ihr Talent ist, ahnte Elze als junge Frau nicht. An der renommierten Münchner Iwanson-Schule lernte sie Modern-, Classic- und Jazzdance. Doch in der harten Ausbildung ging es statt um Individualität mehr um Konkurrenz und Leistungsdruck. Der Grundtenor ihrer Lehrer: Du wirst es eh nicht schaffen.
"Meine Befreiung war die Zirkuskunst", sagt Elze. Wo andere Schülerinnen sich ganz auf die Perfektion der klassischen Figuren konzentrierten, experimentierte sie, tanzte auf Glasscherben, kombinierte Pirouetten mit Feuertanz. Spätestens beim ersten Kontakt mit dem Schlangentanz wusste sie: Ich muss Artistin werden. Das meiste brachte sie, mittlerweile 24 Jahre alt, sich selbst bei und lernte von Mentoren wie Samuel Jornot vom Cirque du Soleil.
Um sich in der Artistenwelt behaupten zu können, braucht es mehr als eine außergewöhnliche Begabung. Auf Disziplin, Gesundheit und gute Selbstvermarktung komme es an, sagt Roland Wendorf, künstlerischer Leiter der Staatlichen Artistenschule in Berlin. Über den Erfolg entscheide vor allem die Einzigartigkeit des "Acts" - "und die haben nur sehr wenige".
Tanzen bis zur Rente
Elze choreografiert ihre Shows selbst, verbindet Elemente aus dem ägyptischen Tempeltanz mit indischer Feuerkunst und Kontorsion mit klassischer Luftartistik. Der Genre-Mix bewährte sich: Von kleinen Festivalauftritten kam sie mit ihren schillernden Nummern zu einem festen Engagement an der bayerischen Staatsoper. Der Performance auf einem Karibik-Kreuzfahrtschiff folgten Einladungen von großen Firmen wie Siemens, Coca-Cola, Deutsche Telekom oder Hugo Boss.
Nebenbei zieht Elze zwei Kinder groß und hat ihre eigene Luftartistik-Kompanie aufgebaut. Das ist ihre Altersvorsorge. "Meine eigenen Nummern funktionieren mit niemand anderem als mit mir selbst." Bei der Kompanie dagegen hat sie die Auftritte so konzipiert, dass weniger biegsame Artisten ihren Part übernehmen können. So bleibt ihr im Alter oder im Fall einer schweren Verletzung die Möglichkeit, als Managerin der Gruppe zu arbeiten.
Doch Elze denkt mit 41 Jahren noch lange nicht ans Aufhören. Frühen Verschleiß müssen Schlangenmenschen weniger fürchten als etwa Leistungssportler. Bleiben sie unverletzt, ermöglicht der elastische Körper ihnen eine ungewöhnlich lange Karriere.
Elze will bis zum Rentenalter weitermachen - gern in einer Artistenfamilie. Die beiden Kinder reagieren gelassen, wenn ihnen die Tigerpython um den Hals gelegt wird. Ihr Sohn ist erst neun Jahre alt und weiß jetzt schon: Später will er mal Clown werden.
Morgane Llanque (Jahrgang 1994, links im Bild) lebt und schreibt in Berlin. Am liebsten über Menschen, die ihren eigenen Weg gehen. Und über alles, was mit Südamerika, Frauenrechten und Theater zu tun hat.
Mareike Gröneweg (Jahrgang 1992) studiert in Köln und schreibt über Themen rund um Gesellschaft und Kultur. Nebenher hat sie die studienbegleitende Journalistenausbildung am Institut zur Förderung publizistischen Nachwuchses (ifp) absolviert.