Zum Tod von Dame Averil Cameron Die Frau, die Byzanz wieder auf die Karte setzte
Historikerin Cameron
Foto: Geoffrey Swaine / ShutterstockDie Byzantiner hatten die längste Zeit einen schrecklichen Ruf: Über Jahrhunderte hat die Geschichtsschreibung sie als dekadent, stagnierend und abergläubisch abgetan. Dabei übersah man gern, dass das Reich um Konstantinopel noch 1000 Jahre weiter existierte, nachdem in Westrom längst die Germanen übernommen hatten.
Dass sich dieses Bild seither gründlich gewandelt hat, ist auch das Verdienst der großen britischen Historikerin Averil Cameron. Sie begann ihre Laufbahn noch mit den klassischen Altertumswissenschaften in Oxford. Aber schon in den Sechzigern fing sie an, ihr Augenmerk auf die verschmähte Spätantike zu lenken, und widmete ihre Doktorarbeit dem oströmischen Historiker Agathias. 1967 bekam sie gleichzeitig ein Kind und einen Job an der Columbia University. Sie ignorierte den Rat, das Kind bei einer Tante zu parken, flog mit dem vier Wochen alten Säugling nach New York und begann zu unterrichten.
Als Cameron 1978 als erste Frau den Lehrstuhl für Alte Geschichte am King’s College in London erhielt, war sie bereits tief in die schillernde Welt der Byzantiner verstrickt. Sie veröffentlichte eine Reihe von bahnbrechenden Schriften, in denen sie eine direkte Kontinuität vom Römischen Reich zur christlichen, byzantinischen Weltsicht herausarbeiten konnte. 1994 zog es sie nach Oxford zurück, wo sie, wieder als erste Frau, Rektorin des Keble College wurde. 2006 ernannte Königin Elizabeth II. sie für ihre Verdienste zur Dame Commander, 2010 übernahm sie den Vorsitz von Oxfords neu gegründetem Byzantinistik-Zentrum. Averil Cameron starb im Alter von 86 Jahren.