Illustration: Patrick Mariathasan / DER SPIEGEL
Briefe
Schlechtester Witz
Nr. 37/2026 Titel: Wir sind tägliches Ziel hybrider Kriegsführung
Zweifelsfrei ist die deutsche Gesellschaft von mangelnder Resilienz gegen die fortwährenden russischen Drohgebärden geprägt, das Phänomen der »German Angst« öffnet der russischen Propaganda Tür und Tor. In diesem Zusammenhang muss sich aber auch ein so bedeutendes Nachrichten-Magazin wie der SPIEGEL darüber im Klaren sein, dass es mit seiner Berichterstattung ebenjene Furcht vor der Ausweitung kriegerischer Aggressionen zu schüren vermag und damit Russland in die Karten spielt.
Dr. Volker Brand, Bad Oeynhausen(NRW)Berlins Reaktion als »Ende der Zurückhaltung« zu bezeichnen, ist einer der schlechtesten Witze, die der SPIEGEL sich je geleistet hat: Das Generalkonsulat in Bonn wird geschlossen, aber in der Botschaft bleiben alle auf ihren Posten, und von einer Beschlagnahme russischer Vermögenswerte ist erst gar nicht die Rede. Das Schlimmste aber: Drei Tage vor der schicksalhaften Wahl in Sachsen-Anhalt haben Innenminister Dobrindt und Außenminister Wadephul eine einmalige Gelegenheit vertan, diese Wahl zu beeinflussen mit dem Hinweis darauf, dass die AfD und die Linke einen Staat verharmlosen, der auf deutschem Territorium Akte des internationalen Terrorismus begeht. Dieser Hinweis, mit emotionaler Wucht vorgetragen – am besten vom Kanzler selbst –, hätte die beiden genannten Parteien messbar Stimmen gekostet. Stattdessen gab es in den Presseschauen Stimmen, die meinten, eine »zu harsche« Reaktion hätte der AfD und der Linken in Sachsen-Anhalt Stimmen gebracht. Wenn nicht Medien und Regierung endlich verstehen, dass Diktatoren nur mit äußerster Entschlossenheit und, ja, Aggressivität begegnet werden kann, dann ist die freie Welt verloren.
Ekkehard Grube, Dinslaken (NRW)
»So einfach ist es nicht«
Der Leser Werner Klement aus Heidenheim hat den Artikel »Angriff der Drachenautos« kritisiert (hier die ganze Geschichte ). Redakteur Timo Schober hat ihn angerufen.
SPIEGEL: Herr Klement, was hat Sie an unserem Artikel gestört?
Klement: Mir hat die fachliche Tiefe gefehlt. Alles wird immer nur an den Kosten festgemacht. Aber warum wir in Deutschland mittlerweile tatsächlich einen technologischen Nachteil gegenüber China haben, fällt unter den Tisch.
SPIEGEL: Wir haben beschrieben, dass chinesische Hersteller ihren Vorsprung nicht allein über niedrigere Kosten und staatliche Unterstützung aufgebaut haben, sondern auch über eigene Batterietechnik und schnellere Entwicklungszyklen.
Klement: Man erzählt sich hierzulande oft noch die Geschichte von der tollen deutschen Autoindustrie und den bösen Chinesen. Aber so einfach ist es nicht. Wir haben uns unseren Vorsprung selbst genommen – weil wir bei neuen Technologien zu spät, zu zögerlich und oft nicht konsequent genug waren. Es fehlt am Tempo, am Mut und an der Konsequenz.
Wer sich klein macht
Nr. 36/2026 Leitartikel: Der kanadische Premierminister Mark Carney zeigt, wie man mit Donald Trump umgehen muss
Ein großartiger Leitartikel. Wie beschämend ist das Verhalten von Merz, Rutte und von der Leyen. Wer sich kleinmacht, ist klein und wird nicht ernsthaft wahrgenommen. Wo sind in Europa die Politiker mit Rückgrat? Aber es gibt für diese Politiker einen Leuchtturm als Orientierung: den kanadischen Premier Carney.
Hubertus P. Kühne, Rottach-Egern (Bayern)Noch wichtiger als das Selbstverständnis der EU als Wertegemeinschaft wäre es aktuell, dass die Mitgliedstaaten sich angesichts der Bedrohungen im Osten und von jenseits des Atlantiks als Solidargemeinschaft verstehen. Wenn der Kanzler, ein anderer Regierungschef oder gar Frau von der Leyen endlich einmal Widerspruch oder Widerstand verlauten ließen, sähe man gerne, dass sich die anderen Regierungen deutlich vernehmbar und zu Maßnahmen entschlossen hinter ihm oder ihr versammeln. Gerade weil es unstrittig ist, dass der unbedachte Alleingang gegen Iran ein kapitaler Fehlschlag ist, mit äußerst schädlichen Folgen für die globale Wirtschaft, insbesondere Europa, und für die iranische Zivilbevölkerung. Und weil eine Lösung nicht absehbar ist. Im ureigensten Interesse darf man den amerikanischen Präsidenten nicht unkommentiert, hofierend, beschwichtigend oder mit nur schwächlicher vereinzelter Kritik immer weiter irrlichtern lassen.
Herbert Zemke, Essen
Gut
»77,8 Prozent Wahlbeteiligung. Ein starkes Zeichen für Demokratie. Im Übrigen hat der Wähler entschieden. Die Politik ist verpflichtet, daraus etwas zu machen.«
Christian Heid
Schlecht
»Das Wahlergebnis ist aus meiner Perspektive ein Alarmruf für die demokratischen Parteien. Trotz bekannter Ausgangssituation scheint keine der anderen Parteien verstanden zu haben, welche Probleme den Wähler umtreiben.«
Jana Baerbaum
Sagen Sie auch Ihre Meinung!
Jedem bleibt frei, was er trinkt
Nr. 36/2026 Kolumne: Die Gegendarstellung
Eine Zuckersteuer ist keine Bevormundung. Jedem bleibt weiterhin völlig frei, was er isst und trinkt. Wären wir alle so mündige Konsumenten, wie es in diesem Artikel unterstellt wird, gäbe es die gesundheitlichen Probleme, die Anlass für diese Diskussion sind, erst gar nicht. Ein wesentlicher Adressat einer solchen Steuer bleibt unerwähnt: die Lebensmittelindustrie. Sie setzt aus rein wirtschaftlichen Gründen auf billigen Industriezucker und Süßungsmittel. Eine Steuer schafft einen Anreiz, Rezepturen zu verbessern.
Rudolf Ruck, Oberwölz (Österreich)Es geht bei dem Vorschlag keineswegs darum, sich »in die Ernährungsvorlieben der Menschen« einzumischen, sondern die Solidargemeinschaft der Beitragszahler von den Folgen exzessiven Zuckerkonsums zu entlasten. Die WHO weist seit Jahren darauf hin, dass die Deutschen den unkritischen Konsum um ein Vielfaches übersteigen. Gleichermaßen geht es auch nicht um Übergewicht, wie Sie mutmaßen, sondern um Gesundheitsrisiken – nicht »skinny« ist somit das Thema, sondern Diabetesprophylaxe.
Dr. Andrea Falkner, Wackersberg (Bayern)Als Kardiologe und Präventivmediziner, der einen großen Teil seiner täglichen Arbeit in die Aufklärung über die Folgen von Übergewicht, in großen Teilen durch vermehrte Aufnahme von Zucker bedingt, investiert, muss ich konstatieren, selten einen Meinungsartikel mit solch einer Mischung aus rhetorischer Sicherheit und empirischer Beliebigkeit gelesen zu haben. Was eine Besteuerung leisten könnte, ist für Deutschland durchgerechnet: Eine Modellierungsstudie der TU München und der University of Liverpool kommt für den Zeitraum bis 2043 auf bis zu 244.100 Menschen, die später oder gar nicht an Typ-2-Diabetes erkranken würden, bei Einsparungen von bis zu 16 Milliarden Euro. Elegant übergangen wird schließlich, dass die Folgen nicht der Einzelne allein trägt. Bypass, Stent, Dialyse, Amputation und Erwerbsminderungsrente zahlt die Solidargemeinschaft. Die Rechnung ist längst kollektiviert, individualisiert wird nur die Verantwortung. Ich sehe im Herzkatheterlabor das Ende dieser Kausalkette: den 52-Jährigen mit Vorderwandinfarkt, Diabetes seit acht Jahren, BMI 34. Ihm hat nie jemand die Freiheit genommen. Man hat ihm nur nie die Verhältnisse geschaffen, in denen die gesunde Entscheidung die einfachere gewesen wäre.
Dr. med. Fabian Dirks, Berlin
Schwer berauscht von sich selbst
Nr. 36/2026 Wie sich Philipp Amthor seinen Weg ins Kanzleramt bahnte
Mit Interesse habe ich den Artikel gelesen, vorrangig um mein Bild von Philipp Amthor zu korrigieren, da ich ihn als arrogante Provokation erlebe. Und es hat leider nicht geklappt. Unbestritten braucht es sicherlich viel Mut, Kraft und Selbstbehauptung, sich aus einem nicht idealen familiären Um-feld herauszuarbeiten, dennoch schafft es Amthor bei mir nicht, dass ich ihn als sympathisch und ehrlich einordne. Nur die Robustesten und Fleißigsten sollten in die Politik gehen, ist Amthors Aussage – um für sich die Schäfchen ins Trockene gebracht zu haben oder um sich als ernannter oder gewählter Staatsdiener fürs Volk ins Zeug zu legen? So jung und schon so privilegiert zu sein, erzeugt in mir lediglich den Gedanken, dass einem der Bezug zu den Menschen noch mehr verloren geht, man ein Leben in einer politischen Bubble lebt, und es bleibt ein Geschmäckle von Lobbyismus und Korruption zurück.
Yvonne Heumann, Frankfurt am MainDie Bilder im Porträt unterstreichen den Eindruck, den man schon immer von Herrn Amthor gewinnen konnte: Da ist einer wirklich schwer berauscht von sich selbst. Leider gehört auch zum Gesamtbild, dass er bereits einen handfesten Lobbyskandal zu verantworten hat und wohl seinem eigenen Anspruch an die Gestalter der repräsentativen Demokratie (die Schlausten, Fleißigsten und Robustesten) nicht so ganz gerecht wird. Laut diversen Quellen hat Herr Amthor mit dem ersten juristischen Staatsexamen keine abgeschlossene Berufsausbildung und eine ruhende Dissertation. Wohl gehört er aber zu den lautesten und schrillsten Politikern der Republik. Auf fünf Seiten kein einziges Wort über politische Positionen oder Vorhaben, die er in seinem neuen Amt umsetzen möchte. Probleme, die es zu lösen gilt, gäbe es in diesen unruhigen Zeiten genügend. So gerät die allzu gut gemeinte »Homestory« wohl eher zum Armutszeugnis.
Frank Stark, Haldenwang (Bayern)In kurzem Abstand ein Interview mit Manuela Schwesig, unangenehm penetrant in der wiederholten Fragestel-lung, was sie falsch gemacht haben könnte, und dann ein Porträt von Philipp Amthor, das ihn so sympathisch erscheinen lässt, dass es auch direkt aus dem Konrad-Adenauer-Haus stammen könnte. Hat der SPIEGEL seine Orientierung verloren?
Prof. Reinhard Seifried, Unterwössen (Bayern)
Zauberhafter Bericht
Nr. 36/2026 Hans Nolte wollte mit 90 Jahren Tischtennis-Weltmeister werden, um seine Trauer zu besiegen
Diesen Artikel hat Herr Scharnagl überragend geschrieben. Es ist ihm gelungen, sehr einfühlsam einem großen Leben, das 90 Jahre lang ziemlich klein erschien, die Bedeutung zurückzugeben, die es haben sollte. Einem Leben, wie es viele (wir alle?) führen. Auch wenn wir nicht Weltmeister werden, bleibt es doch groß, und Hans wäre auch ohne diesen Titel den Artikel wert gewesen. Übrigens: Beim Lesen hat es bei mir auch »bums« gemacht. Das Ganze hat mich so berührt, dass auch bei mir die Tränen liefen. Wirklich gut gemacht!
Harald Dick, Siek (Schl.-Holst.)Was für ein zauberhafter Bericht, da ist so viel drin – eine erfüllte Ehe, einer, der gerne Sport treibt und sich nicht unterkriegen lässt. Ich wünsche ihm noch viel Zeit. Danke für diese Veröffentlichung.
Jan Gade, Hemmoor (Nieders.)Der Artikel hat mich sehr berührt, da ich mich in ähnlicher Situation befinde. Ich kann Herrn Nolte nur zu seiner Entschlossenheit gratulieren. Auch ich konnte mich aus meinem Tief wieder nach oben graben. Ich habe in diesem Zusammenhang von vielen älteren Menschen erfahren, dass sie Mut und Ansprache benötigen, um auch solche Schritte gehen zu können. Ich könnte mir vorstellen, dass weitere ähnliche Artikel im SPIEGEL sehr inspirierend und hilfreich sein könnten für Menschen, die Trauer und Einsamkeit entkommen möchten. Motto sollte immer das Zitat aus einem der letzten Absätze sein: »Egal wie sehr man jemanden vermisst, man darf nicht aufhören. Niemals!«
Peter Reisinger, Berlin
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