Illustration: Patrick Mariathasan / DER SPIEGEL
Briefe
Unerträglich
Nr. 34/2026 Titel: Der gefährlichste Mann Deutschlands
Der seriöse SPIEGEL schenkt Herrn Siegmund mit Titel und Artikel sehr viel Aufmerksamkeit. Für mich wirkt das wie eine kostenlose Werbung. »Der gefährlichste Mann Deutschlands« ohne Fragezeichen? Wäre ein Be-rufspolitiker aus einer eher linksradikalen Gruppierung auch mit dem Untertitel auf die Titelseite gekommen? Was würden Ihre Le-serinnen und Leser dazu sagen, oder schreiben? Die Antworten liegen bei Ihnen.
Christiane Nübling-Fuchs, Haßloch (Rhld.-Pf.)Ich finde es unerträglich, dass Sie mit Ihrem aktuellen Titelbild dem derzeit wohl populärsten Kopf der Rechtsextremen den prominentesten Platz in Ihrem Magazin überlassen und mit der reißerischen Schlagzeile Angst und noch mehr Politikverdrossenheit schüren. Dabei hatten Sie doch erst kürzlich groß angekündigt, jetzt mit lösungsorientiertem Journalismus die Demokratie stärken zu wollen? In diesem Sinne hätte sich sicher ein Titelbild realisieren lassen, das Menschen zeigt, die gerade im auch für sie persönlich gefährlichen Umfeld vor dieser Wahl im Osten weiterhin tapfer und aufrecht für den Erhalt von Menschenrechten, Toleranz und un-serer freiheitlich-demokratischen Grundordnung kämpfen.
Eva Chloupek, Eichstätt (Bayern)Dieses Titelbild wird weder dem Artikel gerecht noch dem SPIEGEL. Das ist doch genau die Art von überspitzter Berichterstattung, die Sie in den letzten Monaten intern diskutiert und kritisch reflektiert haben. Ich dachte, Sie wären sich einig, dass Sie jetzt etwas ruhiger und weniger dräuend agieren möchten. »Der gefährlichste Mann Deutschlands« ist hoffentlich als Rückfall zu sehen und nicht als Weiter-so. Das Titelbild hat weder mit dem Artikel noch mit Herrn Siegmund etwas zu tun. Der ist schick angezogen und lächelt wie ein Weltmeister, ist aber nichts qualitativ Neues in Sachen AfD. Die grundlegenden Mechanismen aufzudecken ist wichtig, nicht eine dröhnende charismatische Zuspitzung auf eine Person und die dazugehörigen angsterfüllten Prophezeiungen. Das hatten wir schon mal.
Christoph Mayerl, MannheimWann lernt ihr es endlich? Mit Titelbild und Artikel habt ihr gerade dem Siegmund die beste Wahlwerbung geliefert, die er sich nur wünschen kann. Wann fangt ihr an, endlich euren Fokus auf die 60 Prozent Sachsen-Anhalter zu richten, die nicht rechtsradikal wählen und Widerstand leisten? Die brauchen Aufmerksamkeit, Unterstützung und Solidarität, und das würde vielleicht auch dazu führen, dass mehr überzeugte Demokraten bundesweit aktiv werden und sich nicht mit Resignation begnügen. Einen so langen Artikel mit vielen nichtssagenden Nettigkeiten bezüglich des Protagonisten zu schreiben, ihm eine so große Plattform zu bieten – und kein Wort über den Widerstand dazu, außer dass die Linken ja »neidisch« sind (wie kleinlich auch von denen)? Was bitte ist los beim SPIEGEL? Stärkt endlich die, die Widerstand leisten und Aufmerksamkeit brauchen, indem ihr von ihnen berichtet, seien es Politiker, Bürgermeister oder Zivilgesellschaft.
Christina Kern, Neuffen (Bad.-Württ.)Der Titelartikel bringt die gesamte Crux der AfD treffend auf den Punkt. Schließlich besteht eine der größten Achillesfersen der Partei weiterhin im alles andere als patriotischen Umgang mit der deutschen Geschichte. Das zeigt sich gerade in Sachsen-Anhalt, wo die Pläne bei einer Machtübernahme auch beinhalten, die Gelder für wissenschaftliche Projekte bei der Provenienzforschung einzustellen, die nach in der NS-Zeit gestohlenem jüdischem Eigentum suchen. Als wäre ein solcher Raub eine im Nachhinein »vertretbare« und abgeschlossene Angelegenheit. Deshalb sollte man Ulrich Siegmund bei öffentlichen Debatten wie zum Beispiel in Wahlarenen ebenfalls viel stärker nach solchen Themen befragen!
Rasmus Ph. Helt, HamburgIm Artikel wird berichtet, mit welcher Selbstverständlichkeit und nostalgischer Freude Ulrich Siegmund eine Simson-Parade anführt und was dieses Fahrzeug für die Anhänger der AfD bedeutet. Schmerzlich war, dass dabei versäumt wurde, darauf hinzuweisen, dass die jüdischen Nachfahren der von den Nazis enteigneten Unternehmerfamilie Simson sich vehement gegen die Vereinnahmung der Maschinen und ihres Namens durch Rechtsextreme zur Wehr setzen. Der SPIEGEL hätte schon erwähnen müssen, dass das der Familie so wichtig ist, dass ihr über 80-jähriger Sprecher es auf sich nahm, nach Deutschland zu reisen, um am Rande des AfD-Parteitags in Erfurt in einer Rede auf diesen Umstand hinzuweisen.
Hannelore Schwarz-Schulz, Hohenbrunn (Bayern)In Deutschland und Europa brennen Wälder und mitunter auch Häuser, und Herr Siegmund bejubelt den Klimawandel, den die AfD ja permanent leugnet. Perverser geht es nicht. Wer AfD wählt, dem sollte jetzt endgültig klar sein, dass er sich an der Ökologie von Mutter Erde und damit auch an den nachfolgenden Generationen, sprich an seinen Kindern und Kindeskindern, versündigt.
Michael Schneider, Siegburg (NRW)
»Sie haben Wahlkampfhilfe für die AfD geleistet«
Der Leser Michael Strobel aus Berlin hat das Titelbild der Ausgabe 34 zu Ulrich Siegmund mit der Zeile »Der gefährlichste Mann Deutschlands« kritisiert (hier die ganze Geschichte ). Chefredakteur Dirk Kurbjuweit hat ihn angerufen.
SPIEGEL: Herr Strobel, was hat Sie an unserem Titelbild gestört?
Strobel: Ich halte das für maßlos übertrieben. Siegmund ist 36 Jahre alt, er ist ein großer Opportunist und Populist, hat aber keine Regierungserfahrung. Sollte er Ministerpräsident werden, würden ihn das Grundgesetz und die Landesverfassung einhegen. Und die Zivilgesellschaft würde ihn ausbremsen.
SPIEGEL: Ich erwarte eher, dass er in seinem Bundesland und über den Bundesrat im gesamten Land zerstörerisch wirken kann. Die AfD hätte dann den Fuß in der Tür.
Strobel: Sachsen-Anhalt ist ein kleines Bundesland, deshalb sehe ich diese Gefahr nicht. Sie haben hier Wahlkampfhilfe für die AfD geleistet, ohne es zu wollen. Herr Siegmund hat ja schon Ihre Titelbilder genüsslich signiert.
Gegen die gängige Berichterstattung
Nr. 33/2026 Der gesunde Menschenverstand
Vielen Dank für diesen Beitrag. Ich hielt die Kritik an Merz seitens der Medien und der CDU auch für total überzogen. Interessant wäre mal der Vergleich mit früheren Kanzlern und der Kanzlerin, vor allem auch in der Anfangsphase. Ich kann mir nicht vorstellen, dass da alles reibungslos lief.
Inge Hemm, Rammelsbach (Rhld.-Pf.)Auch ich habe mich von der jüngsten Berichterstattung über den Kanzler beeindrucken lassen. Ihr Artikel hebt sich wohltuend von der allgemeinen Kanz-lerschelte ab. Er hat meine Sicht auf den Kanzler ein Stück weit korrigiert. Durch einen solch ausgewogenen – und hier gegen die gängige Berichterstattung formulierten – Artikel stärken Sie mehr das demokratische Bewusstsein in unserem Land als Kollegen, die einfach nur »draufhauen«. Bitte bleiben Sie auch in dieser Weise kritisch.
Herbert Fechtner, Altenberge (NRW)Ich finde den Artikel geradezu erlösend, weil er von der schon manischen Herabwürdigung von Friedrich Merz und seiner Politik – und damit der völlig unverdienten Begünstigung der AfD – abweicht.
Walter Groier, Klagenfurt (Österreich)Es ist immer ein Vergnügen, zu lesen, wie Markus Feldenkirchen mit unverstelltem Blick und nicht dem Mainstream folgend kommentiert. Und hier auch nicht davor zurückschreckt, den eigenen Berufsstand zu kritisieren. Weiter so!
Rainer Ringelstein, MannheimIch stimme zu, dass der ständige Hinweis auf die bevorstehende Ablösung des Kanzlers überzogen ist. Bei seiner Leistung im Amt bin ich anderer Meinung. Merz hat in der Opposition die Regierung beschimpft und alles Mögliche angekündigt, was er in kürzester Zeit schaffen würde. Bisher geleistet hat er die Aufnahme enormer Schulden, die er vorher so verteufelt hat. Sein Umgang mit Menschen ist unterirdisch, seine Personalpolitik dilettantisch. Ich verstehe heute, warum Merkel ihn von uns ferngehalten hat. Ich zweifle aber, ob Merz lernfähig ist, und habe große Sorgen vor den nächsten Landtagswahlen und der Bundestagswahl.
Dieter Müller, Sinzig (Rhld.-Pf.)Endlich mal eine Person aus der deutschen Medienlandschaft, die die Chuzpe hat, anerkennende Worte für Herrn Merz zu finden. Zu oft wird bei den vorschnellen Verurteilungen vergessen, dass er viele Themen, die man über Jahre aus partei- oder legislaturpolitischen Erwägungen verschoben hat, anpackt, obwohl mehrere Landtagswahlen bevorstehen. Auch wenn man das Verhalten von Herrn Merz nicht immer gut finden muss, so hat er einen Blick für das »Ganze« und bringt endlich die Dinge in Bewegung, die lange überfällig sind.
Norbert Höpfner, Kronberg (Hessen)
Ja
»Es ist erfrischend, statt ständigen Gezeters und Geschwurbels eine klare Agenda zu sehen, die so aussieht, als hätte man nicht erst jetzt darüber nachgedacht.«
Hendrik Herdemerten
Nein
»Historische Erfahrung zeigt, dass staatliche Befugnisse selten zurückgenommen werden. Sie dehnen sich eher weiter aus. Auch weil Menschen sich daran gewöhnen, sofern es sie nicht unmittelbar (be)trifft.«
Simone Bader
Sagen Sie auch Ihre Meinung!
Hoffnung tut gut
Nr. 33/2026 Plädoyer für lösungsorientierten Journalismus
Susanne Beyers Essay habe ich mit Freude gelesen, ausgezeichnet! Ich stimme uneingeschränkt zu, dass es gerade in den aktuellen politisch schwierigen und emotional belastenden Zeiten wichtig ist, nicht nur Probleme, sondern auch positive Entwicklungen zu benennen, nach Lösungen zu suchen und diese publik zu machen. Hoffnung tut gut. Auch immer wieder deutlich zu machen, was wir an der Demokratie haben und weshalb wir sie wertschätzen sollten, ist ein guter und wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Dass dabei notwendige Kritik und Kontrolle der Mächtigen nicht zu kurz kommen dürfen, versteht sich von selbst. Und ich sehe beim SPIEGEL auch nicht die Gefahr, dass dieser Bereich vernachlässigt würde. Der Auftakt des neuen Formats »Solutions« ist Ihnen mit der Mediation zwischen Luisa Neubauer und Sepp Müller wirklich gut gelungen – eine wertschätzende Annäherung. Ich bin begeistert.
Monika Dengler, HamburgZu einem unverzerrten Bild der Wirklichkeit könnte auch ein geteilter Leitartikel beitragen: eine Spalte positiv, eine negativ.
Berend Detsch, DüsseldorfDiese Meinung spricht mir aus dem Herzen und ist so dringend und wichtig. Der skandalorientierte Journalismus gefährdet unsere Demokratie, und seit langer Zeit haben sich Schlagzeilen und Sprache im SPIEGEL so negativ verändert, dass ich beim Lesen zunehmend depressiv werde. Und das liegt eben nicht daran, wie was ist, sondern wie der SPIEGEL es darstellt: skandalisierend, einseitig negativ, manchmal sehr überheblich, teilweise zynisch. Das ist in Kommentaren in Ordnung, aber auch nur da. Vielleicht ist diese Meinung der Autorin endlich ein erster Schritt hin zur Deskandalisierung, versuchten Objektivität, Fairness und Respekt gegenüber politischen Leistungen.
Christoph Oldeweme, Köln
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