Illustration: Patrick Mariathasan / DER SPIEGEL
Briefe
Demokratie leistet sich einen grotesken Luxus
Nr. 38/2026 Titel: Was planen die Verfassungsfeinde?
Leider sind auf der Titelseite wieder Leute zu sehen, die ich nicht eine Woche lang auf dem Nachttisch liegen haben möchte. Inzwischen habe ich einen höchst kreativen Weg gefunden, das zu umgehen. Die, Pardon, Visagen werden mit lustigen Aufklebern überdeckt, wie sie oft in Spendenaufrufen in Briefen beigelegt sind. Also »Alles Liebe«, »Von Herzen«, »Alles Gute«, »Viele Grüße« oder einfach »Danke«. Trump und Putin können kommen.
Matthias Koch, LeipzigDie Demokratie leistet sich einen geradezu grotesken Luxus: Sie finanziert ihre eigenen Feinde. Sie gewährt ihnen Immunität, zahlt ihnen Diäten und stellt ihnen die Mittel für ihre politische Arbeit zur Verfügung. So geschützt und ausgestattet, können sie nahezu ungehindert gegen ebenjene Demokratie agitieren, der sie ihre privilegierte Stellung verdanken. Sie lassen sich von dem Staat bezahlen, den sie verachten – und schlagen aus seiner Liberalität politisches wie finanzielles Kapital. Eva Sunderbrink, Oberhausen
Ein sehr grenzwertiges und fieses Titelbild! Sehr links und sehr falsch. Sie beleidigen damit circa 50 Prozent der Leute in Sachsen-Anhalt. Und auch mich, weil ich bei den kommenden Wahlen ebenfalls die AfD wählen werde. Ich habe den SPIEGEL gerade abonniert, aber zum Glück nur als Probeabo, und werde es nicht mehr verlängern, die Zeitung ist gut, aber viel zu links, sorry.
Lucian Fleser, BerlinIhre Titelgeschichte zeigt eindringlich, wie gefährlich die Umbaupläne der AfD für Sachsen-Anhalt und die Demokratie sind. Sie lässt jedoch eine entscheidende Frage offen: Warum finden solche Pläne zunehmend Zustimmung? Der Vertrauensverlust in die demokratische Mitte wächst dort, wo politische Probleme über Jahre ungelöst bleiben. Wer Verfassungsfeinde zurückdrängen will, muss deshalb nicht nur ihre Ziele entlarven, sondern die Probleme lösen, an denen Bürger den Staat täglich messen: bezahlbares Wohnen, eine verlässliche Bahn, funktionierende Behörden, Sicherheit und gute Bildung.
Dr. Mohammad Behechtnejad, Winsen an der Luhe (Nieders.)Fundamentalopposition verhält sich wie ein Nichtschwimmer, der vollmundig behauptet, er könne den Ärmelkanal durchqueren. Soll doch mal die »Alternative für Deutschland« ins kühle Nass der politischen Kärrnerarbeit springen.
Raffaele Ferdinando Schacher, Rorschach (Schweiz)Auch wenn mir dieser Gedanke schwerfällt, halte ich es für notwendig, der AfD in Sachsen-Anhalt die Regierungsverantwortung zu übertragen – unter Inkaufnahme der auf dem AfD-Beipackzettel beschriebenen negativen Nebenwirkungen. Wird sie erneut ausgeschlossen, könnte sich ein großer Teil der Wählerschaft betrogen fühlen, was ihre Unterstützung weiter verstärken würde. Erst in der praktischen Regierungsarbeit wird sichtbar werden, wie weit ihre Versprechen von der realen Umsetzung entfernt sind. Diese Erfahrung könnte zu einem Rückgang ihrer Stimmen führen. Ein kontrolliertes Experiment auf Landesebene erscheint mir weniger gefährlich als ein späterer Machtzuwachs auf Bundesebene.
Peter Büchner, Ehningen (Bad.-Württ.)Erstaunt und ein wenig belustigt schaue ich auf die ernsten Gesichter unserer Politiker:innen, die den Wahlausgang begutachten und es nicht glauben können. Wieso eigentlich nicht? Die Prognosen waren doch sehr deutlich. Zudem ist in den vergangenen Jahren in der Sozialpolitik insgesamt, aber auch gerade bei Programmen für junge Menschen immer wieder gespart worden. Wer kann sich dann über die junge Wählerschaft wundern, die kein Angebot erhält, die keine Unterstützung in der politischen Meinungsbildung erfährt?
Sabrina von Jena, KoblenzBitte fragen Sie Fabio De Masi und Amira Mohamed Ali, ob sie für ihre jeweiligen Väter oder für sich eine »Remigration« wünschen, falls das BSW der AfD in Sachsen-Anhalt zur Regierung verhilft. Würden beide weiter in Talkshows von ARD und ZDF auftreten, wenn ein AfD-Ministerpräsident mit BSW-Unterstützern den Rundfunkstaatsvertrag kündigte? Andererseits wären für das BSW endlich Posten zu verteilen an Mitglieder. Der moralische Zwiespalt der beiden ehemals linken Politiker ist vermutlich groß.
Stephan Schneberger, Magdeburg
»Das kommt zu einseitig rüber«
Der Leser Werner Trippler aus Senden hat den Artikel »Kämpfen, hoffen, spenden« von Deike Diening aus Heft 37 kritisiert (hier die ganze Geschichte ). Eine Auseinandersetzung.
SPIEGEL: Herr Trippler, Sie haben sich über den Artikel zum Engagement der Zivilgesellschaft gegen die AfD in Sachsen-Anhalt vor der Landtagswahl geärgert. Warum?
Trippler: Bei Ihnen klingt es so, als stelle sich die Zivilgesellschaft der AfD entgegen. Das kommt zu einseitig rüber. Denn genauso sind es ja die Menschen der Zivilgesellschaft, die bei der AfD mitmachen.
SPIEGEL: Oft wird uns vorgeworfen, dass wir uns in der Berichterstattung zu sehr auf das politische Führungspersonal konzentrieren. Wir wollten zeigen, wo politisches Handeln auch jenseits von Parteien und Institutionen in der Bevölkerung stattfindet.
Trippler: Das verstehe ich, aber Ihr Bericht wirkt zugleich wie ein Bashing der AfD-Wähler: Seht her, nur die, die jetzt aufstehen, sind die Guten. Das Wahlvolk in Sachsen-Anhalt besteht auch in der AfD nicht nur aus Dummköpfen. Die Wahlentscheidung ist grundsätzlich Ausdruck berechtigter Interessen andersdenkender Menschen, aber wie immer sind es die Funktionäre der Partei, die die Wähler dabei manipulieren und für ihre Zwecke missbrauchen.
Wahrheit ist unbequem
Nr. 37/2026 Leitartikel: Die CDU muss ihre Haltung zur Linkspartei überdenken
Wir alle müssen privat, beruflich und gesellschaftlich Kompromisse machen, auch wenn sie wehtun. Das gilt ebenso für unsere demokratischen Parteien. Sie sollten eine AfD‑geführte Regierung mit allen legalen Mitteln verhindern: nicht aus parteitaktischen Gründen, sondern zum Schutz unserer Demokratie und Freiheit.
Dr. Fred Maurer, MannheimDie Union sollte nicht mit der Linkspartei zusammenarbeiten. Da wollen Sie den Teufel (AfD) mit dem Beelzebub (Linkspartei) austreiben. Die Linkspartei ist die Nachfolgerin der SED (Sozialistische Einheitspartei Deutschlands), die durch die herbeigeführte Zwangsvereinigung von KPD und SPD in der früheren Ostzone entstanden ist. Auf das Konto dieser Leute gehen jahrzehntelange Verbrechen: der Mauerbau, die Toten und Ermordungen an Mauer und Stacheldraht und so weiter. Ich weiß: Wahrheit ist unbequem.
Johannes Engelke, Hamburg
Ja
»Ja, aber nicht panisch, wenn’s geht. Die EU sollte das machen, was sie gut kann: Verbraucherschutz, Datenschutz, Urheberrecht.«
Uwe Sassenberg
Nein
»Wie soll das Eingreifen der Regierungen aussehen? In Wirklichkeit ist es doch so, dass die Länder, die keine Regulierung vornehmen, Wettbewerbsvorteile haben … und das nicht nur wirtschaftlich, sondern auch militärisch.«
Roderich Urban
Sagen Sie auch Ihre Meinung!
Schöne Spiegelung
Nr. 37/2026 Manche #MeToo-Debatten entwickeln sich bedenklich
Einer der besten Beiträge, die ich in der letzten Zeit im SPIEGEL gelesen habe. Da erklärt uns vollkommen nachvollziehbar und differenziert eine aus einem frauenverachtenden Unrechtsstaat stammende Frau und Juristin, wie der deutsche Rechtsstaat zu funktionieren hat. Hysterischen MeToo-Befürworterinnen wie unverbesserlichen AfD-Wählern dürften sich die Haare kräuseln, aber genau wie Frau Ahmadi den Rechtsstaat beschreibt, hat er zu arbeiten. Danke für diesen Beitrag, der den Rechtsstaat so aufzeigt, wie er idealerweise sein soll.
Thomas Hartwig, Warendorf (NRW)Frau Ahmadi begründet aus ihrer Geschichte mit ihrem Geburtsland Afghanistan und aus der Würdigung unseres Staates mit einer auf ernsthafte Gerechtigkeit zielenden, abwägenden, soweit menschenmöglich nicht vorverurteilenden Justiz heraus ihr Handeln schlüssig. Dennoch klaffen zwischen Ideal und Wirklichkeit immer Lücken. Es gibt keine vollkommen neutrale Justiz, die bestmögliche Annäherung sind Frauen wie Frau Ahmadi: Sie repräsentiert Wurzeln in einem anderen Gesellschaftssystem und trägt zur Angleichung der Quote von männlichen und weiblichen Jurist:innen bei. Schöne Spiegelung aus einer Außensicht, dass wir in Deutschland doch schon viel Gutes erreicht haben, das zu verteidigen sich lohnt.
Susanne Hartmann, Harsum (Nieders.)
Vom Osten lernen
Nr. 37/2026 SPIEGEL-Mediation mit dem Publizisten Dirk Oschmann und dem Soziologen Armin Nassehi
Vorab: Ich bin »Ossi«, Jahrgang 1962. Ich verstehe Oschmanns Zorn überhaupt nicht. Wir hatten im März 1990 die freie Wahl, wie die Wiedervereinigung passieren sollte: als Beitritt zum Geltungsbereich des Grundgesetzes oder auf der Basis einer neuen Verfassung. Die Mehrheit meiner Landsleute entschied sich für den Beitritt, weil sie sofort die D-Mark haben wollte. Da kam ihr die Dominanz der alten Bundesrepublik gerade recht. Vor den Folgen – Treuhand, wirtschaftlicher Niedergang, Degradierung zur verlängerten Werkbank westdeutscher Unternehmen, Elitenwechsel – warnten damals auch Oskar Lafontaine und die Bürgerrechtler. Das heutige Rumgejammer ist Ausdruck einer weitverbreiteten politischen Unreife: der Sehnsucht nach einer Obrigkeit, die die Welt einfach macht, weit weg von Realität und Fakten. Übrigens: Die Westdeutschen wurden 1990 nicht gefragt, ob sie ihre D-Mark den Ostdeutschen schenken wollten.
Sven Nichterwitz, BerlinWir hatten eine komplexe Situation nach 1989, und es wurden Fehler gemacht zulasten des Ostens. Man hat dem Osten die Wiedervereinigung diktiert, vielleicht nicht immer mit böser Absicht. Es gab gerade bei den Frauen eine hohe Arbeitslosigkeit, und alleinerziehende Frauen waren besonders betroffen. Der Eins-zu-eins-Tausch war als positive Geste gedacht, hatte aber wirtschaftliche Folgen. Das Interesse der Westindustrie richtete sich auf weitere Märkte, und die Rücknahme von Eigentum durch westliche Eigentümer war teilweise äußerst schmerzhaft für die Mieter im Osten. Jetzt können wir vom Osten lernen, wie man mit Transformationen umgeht, und das miteinander diskutieren.
Sigrid Baumgärtner, Mühlacker (Bad.-Württ.)Ich finde diesen Artikel ganz hervorragend. Auch ich fühle mich nicht als »Wessi«, sondern als Norddeutscher mit starker Verbindung und Zuneigung zu Dänemark. Auch in Schleswig-Holstein ist der Arbeitsmarkt kein Ponyhof, gerade kurz vor der dänischen Grenze. Viele junge Leute sind arbeitslos, ziehen weg, und die Dörfer bluten aus. Bei aller Anerkennung der persönlichen Schicksale und Disruptionen in den Lebensläufen der Menschen des ehemaligen DDR-Staatsgebiets bin ich wie Herr Nassehi der Meinung, dass uns mittlerweile der Blick nach hinten nicht mehr weiterbringt. Der Ansatz sollte sein: Wie verändere ich mich – als Mensch aus Sachsen-Anhalt oder aus Schleswig-Holstein –, damit es mir wieder besser geht? Wenn ich darauf warte, dass eine autoritäre Clique mir wieder Richtig und Falsch vorgibt, hat sich der Mut der Menschen, die 1989 aufgestanden sind, nicht ausgezahlt.
Hermann Edler, Hürup (Schl.-Holst.)
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