Illustration: Patrick Mariathasan / DER SPIEGEL
Briefe
Freies Schwurbeln
Nr. 36/2026 Titel: Warum die Meinungsfreiheit bedroht ist
Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut – doch sie endet dort, wo aus Meinung Herabwürdigung und Beleidigung anderer wird. Freiheit braucht Respekt, sonst wird sie zur Verletzung der Freiheit anderer.
Aloys Kötters-Gulde, BerlinIch schätze politische Korrektheit als Gebot der Höflichkeit, nicht aber als juristischen Imperativ. Meine radikale Meinung: Schafft alle gesetzlichen Meinungsverbote ab. Mit Worten verletzen können mich eh nur die Menschen, die ich liebe, und die zerre ich nicht vor den Kadi. Andere mögen das anders sehen – damit kann ich umgehen.
Bernd Rohde, Ahrensburg (Schl.-Holst.)Wer Meinungsfreiheit ruft, sie bedroht sieht und sie einfordert, darf die Rechnung nicht ohne den Wirt machen: Verantwortung ist die zweite Seite der vornehmen Freiheitsmedaille. Ich vermag in den sozialen oder gar juristischen Konsequenzen überschäumender Meinungsfreiheit keine »Grenzen des Sagbaren«, sondern zumeist nur eine Inverantwortungnahme des Sagenden erkennen. Gut so!
Thomas Thelen, Ihringen (Bad.-Württ.)Politisch gesehen haben Sie das Thema von vielen Seiten beleuchtet. Mir liegt eine ganz andere Seite des Lebens auf der Seele, wo man nichts mehr sagen darf: in Bezug auf das soziale Verhalten, das Einhalten von minimalen Regeln und Rücksichtnahme. Hier erntet man von bösen Blicken über Anschnauzer, Beleidigungen bis zu Drohungen. Leider scheinen nach und nach viele der einfachsten Regeln des Zusammenlebens aus der Mode gekommen zu sein.
Sieglinde Rehm, Leonberg (Bad.-Württ.)»Das wird man ja wohl noch …« – bei Beiträgen, die so eingeleitet werden, setze ich mich zur Vorsicht erst mal hin. Trotzdem bin ich dafür, dass sie frei geäußert werden können, sofern nicht zu Mord und Totschlag aufgerufen wird. Ein Kollateralschaden der Verengung der Meinungsfreiheit ist der Verzicht auf Klarnamen bei Beiträgen im Internet, nicht der Verzicht auf die Beiträge. Freies Schwurbeln halte ich im Zweifel für besser als unfreies Herumdrucksen. Wenn die andere Seite jedoch jedes Gegenargument, egal wie respektvoll vorgebracht, als Angriff auf die eigene Person deutet, dann bleibt mir auch nur Ratlosigkeit.
Dolores Apelles, BerlinEs ärgert mich maßlos, dass der SPIEGEL, ein zu Recht hochrenommiertes Blatt, dermaßen platt auf ein rechtes Narrativ reinfällt und dieses gar noch intellektuell bewertet, als wäre es real. Das Narrativ eingeschränkter Meinungsfreiheit ist Bullshit, kritiklos übernommen aus trolldominierten sozialen Medien. Und wer davon profitiert, ist auch klar, oder? Es geht überhaupt nicht um die Beschränkung von Äußerungen. Es geht nicht um die Herabwürdigung hochgradig Medienmanipulierter. Es geht schlicht um die Frage, ob wir eine »Ideologie« als debattenwürdig akzeptieren wollen, deren Kern brutal deutlich in Hass, Wut und Gewalt besteht. Die offen demokratie- und menschenfeindlich ist. Deren Follower sich trotzdem verschlagen als Opfer inszenieren, während andere die wirklichen Opfer sind. Das könnt ihr doch nicht gleichstellen!
Michael Groß, Nesselröden (Nieders.)Wir haben heutzutage einen Meinungsaustausch und damit eine Freiheit in nie gekanntem Ausmaß. Die Anonymität des Internets erlaubt jedermann, ungehemmt zu schreiben, posten und beleidigen. Was früher in den eigenen vier Wänden blieb, erreicht heute Tausende. Zwischen Meinung und Beleidigung zu unterscheiden, fällt zunehmend schwer. Es ist die gefühlte Meinungsfreiheit, die abgenommen hat. Während früher Betriebe und Institutionen nach Gutsherrenart geführt wurden, ist heute dort Teamarbeit gefragt.
Matthias Euler, Vallendar (Rhld.-Pf.)Die Einflussnahme auf Meinungsfreiheit oder Meinungsbildung beginnt nicht erst mit der Ahndung von Meinungen, sondern bereits mit dem Ignorieren von Meinungen. Beispiel: die Leserbriefe des SPIEGEL. Die hier veröffentlichten Meinungen sind vorrangig Meinungen, die die vom SPIEGEL vertretenen und kommunizierten Meinungen bejahen und unterstützend folgen. Veröffentlichungen gegenteiliger Meinungen sind rar. Was zumindest Fragen zur Priorisierung der Auswahl von Lesermeinungen aufwirft, zumal die hier wiedergegebene Meinungsharmonie oft fern der Realität beziehungsweise fern der Umfrageergebnisse zur Bewertung von Parteien und Politikern liegt. Siehe die Briefe zu Friedrich Merz in Heft 35/2026.
Dietmar Sobottka, ChemnitzZeig mir das Land, in dem du alles sagen darfst. Es gibt keines. Aber es gibt ein Land, in dem du alles sagen kannst, wenn du Grenzen von Sitte und Anstand beachtest: Es ist unser Deutschland. Da, wo Menschen in einer Gemeinschaft zusammenleben, da muss es auch Ordnung geben. Und wenn diese Ordnung überschritten wird, indem andere beleidigt, herabgewürdigt oder gar bedroht werden, dann muss zur Ordnung gerufen werden dürfen. Leider gibt es heute immer mehr Situationen, in denen Menschen die gebotene Ordnung, sprich Sitte und Anstand, verletzen, und da muss unsere Demokratie ihrer Ordnung zur Geltung verhelfen. Basta. Wer glaubt, eine gewisse Alternative gäbe mehr Freiheit, der irrt gewaltig. Der braucht nur die jüngere deutsche Geschichte zu studieren.
Wilfried Segatz, Zierenberg (Hessen)
»Man hätte die positiven Effekte deutlich machen müssen«
Der Leser Thorsten Kling aus Karlsruhe hat das Interview »Der Konsum ist salonfähig geworden« mit Drogenfahnder Ingo Hörmann von Redakteur Hubert Gude kritisiert (hier das ganze Interview ). Eine Auseinandersetzung.
SPIEGEL: Ihnen hat das Interview nicht gefallen. Was genau hat sie gestört?
Kling: Hier wird die sehr subjektive Meinung eines Polizeibeamten ohne jegliche Einordnung wiedergegeben. Wer diesen Artikel liest, muss denken, dass die Legalisierung von Cannabis rückgängig gemacht werden sollte, obwohl es viele gute Gründe dafür gibt. Ich hätte mir mehr kritische Nachfragen gewünscht.
SPIEGEL: Es ging mir um die besondere Sichtweise eines Drogenfahnders auf das Cannabisgesetz. Er hat auf handwerkliche Fehler aus Sicht der Polizei hingewiesen. Eine politische Einordnung kann er meines Erachtens gar nicht vornehmen. Überzeugt Sie das?
Kling: Nein. Einige Aussagen sind nicht korrekt. Man hätte die positiven Effekte deutlich machen müssen: Wir haben keine zusätzlichen Cannabiskonsumenten, und die Verbraucher wurden entkriminalisiert.
Gut gemeint
Nr. 34/2026 Ein Drogenfahnder über die Folgen der Legalisierung
Das Interview wirkt sehr einseitig, ist voller Polemik und enthält kaum belastbare oder aussagekräftige Fakten. Wollten Sie Meinung machen, statt kritisch zu berichten?
Tobias Schmid, FreiburgGut gemeint ist häufig schlecht gemacht, das gilt auch für das Cannabisgesetz. Wenn Cannabis als Genussgift neben Alkohol und Nikotin akzeptiert würde, wäre es doch naheliegend, dass der Staat auch die Produktion und den Markt kontrolliert, genau wie bei Alkohol und Nikotin. Nur so gäbe es eine Chance, den gefährlichen Schwarzmarkt auszutrocknen, Konsumenten vor unkontrollierbar starken Cannabinoid-Produkten zu schützen, und der Jugendschutz stünde nicht nur auf dem Papier.
Dr. Karsten Strey, Hamburg
Teufel an der Wand
Nr. 34/2026 Was kann man Elon Musk und Co. entgegensetzen?
Der Autor zeigt in seiner umfassenden Darstellung, wie die Ideologie der Tech-Monarchen »die Demokratie bedroht«, indem ihre Herrschaft über die digitale Infrastruktur als politisches Druckmittel gegenüber dem Rest der Menschheit eingesetzt wird – und sogar mächtige Staaten entmachtet oder erpresst werden können. Enttäuschend fällt hingegen seine Antwort darauf aus, was man den Tech-Machthabern entgegensetzen kann. Wie und von wem soll denn solch ein »demokratischer Gegenentwurf« durchgesetzt und wie sollen Energie, Wohnen, Verkehr oder Ernährung einer »gesellschaftlichen Kontrolle unterstellt werden«? Schließlich ist es im demokratischen Deutschland 30 Jahre lang nicht einmal im Ansatz versucht worden, die für alle so wichtige Deutsche Bahn in gemeinnützige Verantwortung und Verwaltung zu überführen.
Dieter Schwarz, BerlinKohei Saito malt die Teufel an die Wand, wo sie hoffentlich bleiben. Typen wie Trump, Thiel, Musk und Konsorten meinen, als Glücksbringer für die Menschheit die Politik – nicht nur in den USA – bestimmen zu können, und lassen damit auch ihre perversen Vermögen anwachsen. Eines ist doch beruhigend: Wenn es ans Sterben geht, sind wir alle gleich. Auch wenn die in goldenen Särgen liegen, sind sie tot und haben ihre Macht und ihren Einfluss verloren. Das macht sie wütend, und sie investieren Milliarden in die Forschung für die Revitalisierung der Körperzellen und so weiter mit dem Ziel des ewigen Lebens – wenn auch vielleicht schockgefroren und auf dem Mars. Aber das Grundprinzip »Werden und Vergehen« der belebten Natur bleibt mit Sicherheit erhalten, und das ist gut so.
Dr. Henning Lüpertz, Darmstadt
Ja
»Ich sage mal ja, weil das mein Wunschdenken ist. Ob das passiert, hängt ganz von der Bereitwilligkeit der CDU ab, in Koalition mit anderen Parteien zu gehen.«
Michaela Challal
Nein
»Ich denke nicht, dass man die AfD von der Regierung in Sachsen-Anhalt fernhalten kann. Das haben die Volksparteien CDU, SPD usw. zu verantworten, mit einer katastrophalen Politik, die man mit mal-schauen-vielleicht-wir-reden-mal-drüber bezeichnen könnte.«
Volker Hellmuth
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Tegshe sei Dank
Ich habe zum letzten Mal als Kind geweint und jetzt, als ich diesen Artikel gelesen habe. Wieso war nicht dieser Junge auf dem Cover, sondern ein Rechtsextremer?
Adrian Ledwolorz, DüsseldorfIch möchte mich bedanken für diesen wunderschönen Artikel. Der Nachruf auf Tegshe hat mich tief berührt. Mein Dank gilt der Autorin und der Mutter von Tegshe – danke für die Gelegenheit, Ihren Sohn kennenlernen zu dürfen. Das ist Ihnen gelungen. Alles Gute für die Zukunft und gerne in diesem Land, wo, Tegshe sei Dank, fünf andere Menschen weiterleben können. Was für ein Segen, bei all dem Schmerz. Da muss ich gar nicht religiös sein, der Artikel hat mich das erfahren lassen.
Birger Höljes, Laufen (Bayern)
Sie hat etwas mitzuteilen
Nr. 34/2026 Gerti Tetzner im SPIEGEL-Gespräch über Lebensbrüche und ihr Buch, das mit Jahrzehnten Verspätung erscheint
Danke für das wirklich emphatische Porträt-Gespräch mit Gerti Tetzner, von der ich bei meinen DDR-Reisen gar nie gehört habe. Der Wechsel in den Westen war eben nicht so einfach, wie es sich viele Wessis vorstellen wollten.
Rudi Meisel, BerlinIch gestehe, dass ich die Artikel in der Rubrik »Kultur« meist überblättere, überfliege. Warum ich mir für diese Zuschrift Zeit nehme – das muss an der Persönlichkeit dieser Frau liegen, an ihrer Authentizität, ihrer Ehrlichkeit. Sie hat etwas mitzuteilen, dabei schreibt sie wohl nicht wegen übermäßigen Strebens nach öffentlichem Erfolg. Ich drücke ihr die Daumen, dass ihr noch viel Zeit bleiben möge zum Niederschreiben dessen, was ihr wichtig ist.
Hans Neubig, Goldkronach (Bayern)
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