Interview mit Kulturstaatsminister Nida-Rümelin "Warum soll mich das schmerzen?
SPIEGEL ONLINE:
Herr Nida-Rümelin, Sie sind seit einem Jahr im Amt. Sind sie zufrieden mit dem bisher Erreichten?
Julian Nida-Rümelin: Ich bin mit dem vergangenen Jahr sehr zufrieden, alles andere wäre gelogen. Man sollte seine Erfolgsbilanz nicht an Haushaltsdaten knüpfen. Dennoch ist es eine Tatsache, dass mein Etat im nächsten Jahr um drei Prozent steigt, während fast alle anderen Etats stagnieren oder zurückgehen.
SPIEGEL ONLINE: Gibt es abgesehen davon nichts, was verbesserungswürdig wäre?
Nida-Rümelin: Es fällt mir schwer, mit dem Negativen zu beginnen, obwohl ich nicht zur Schönfärberei neige. Wir haben Ziele erreicht, von denen ich selbst nicht sicher war, ob wir sie erreichen würden. Als nur ein Beispiel nenne ich die Kulturförderung in den neuen Ländern, die ursprünglich sehr rasch zurückgefahren werden sollte. Allein für das Programm "Kultur in den neuen Ländern" stellt der Bund von 1999 bis 2002 jetzt mehr als 138 Millionen Euro zur Verfügung. Aber ich habe in den letzten Monaten mit keinem Thema so viel Zeit verbracht wie mit dem Thema Film, weil es mir wichtig war, die verschiedenen Perspektiven zu bündeln.
SPIEGEL ONLINE: Sie wollen der Branche mit höheren Budgets zum Aufschwung verhelfen.
Nida-Rümelin: Wenn man eine stärkere Förderung des deutschen Films will, muss man die Produzenten stärken und die Filmbudgets aufstocken.
SPIEGEL ONLINE: Ist es nicht fraglich, ob allein mehr Geld erfolgreichere Filme herbeizaubert?
Nida-Rümelin: Es gibt da natürlich keinen unmittelbaren Zusammenhang. Aber die Erfolgswahrscheinlichkeit steigt mit einer besseren finanziellen Ausstattung. In der neuen Generation deutscher Filmemacher steckt hohes kreatives Potenzial. Filme wie Caroline Links "Nirgendwo in Afrika", Tom Tykwers "Der Krieger und die Kaiserin" oder Christian Petzolds "Die innere Sicherheit" zeigen ihre Sensibilität für die kleinen Geschichten. Diese Geschichten sind durchaus aufwendig verfilmt worden.
SPIEGEL ONLINE: Das Problem junger Filmemacher liegt vor allem darin, von den Fördergremien Geld zu bekommen. Wie wollen Sie den Zugang erleichtern?
Nida-Rümelin: Die derzeit bestehende Projektfilmförderung wird von Gremien vergeben, in denen Menschen mit einem ganz anderen biografischen Hintergrund sitzen als die 16- bis 30-Jährigen, an die sich die von ihnen beurteilten Filmprojekte wenden. Davon sollte man Abschied nehmen.
SPIEGEL ONLINE: Wer einen Kassenerfolg produziert, hat nach der jetzigen Regelung automatisch Anspruch auf Gelder für seinen nächsten Film. Aber Sie wollen auch den kulturell wertvollen Film fördern. Wie?
Nida-Rümelin: Mein Vorschlag lautet, mehr kriterienbasierte Referenzfilmförderung zu betreiben.
SPIEGEL ONLINE: Danach werden auch Festivaleinladungen und Preise gewertet. Doch Sie selbst beklagen, dass der deutsche Film auf Festivals immer noch unterrepräsentiert ist...
Nida-Rümelin: Sie haben Recht, da ist eine Achillesferse. Deshalb prüfen wir dazu eine Optionsförderung, die den Produzenten nicht fürs einzelne Projekt, sondern auf Grund seines Profils Gelder zuspricht. Kunst und Publikumserfolg schließen sich ja nicht aus. "Amelie" ist ein schönes Beispiel dafür.
SPIEGEL ONLINE: Auch "Der Schuh des Manitu" ist mit mehr als elf Millionen Zuschauern ein Erfolgsbeispiel - doch so richtig freuen mag man sich nicht, weil es "nur" eine Komödie ist. Muss es immer Kunst sein?
Nida-Rümelin: Die "Süddeutsche Zeitung" hat mal einen Artikel mit der Überschrift veröffentlicht: "Leeres Theater, gutes Theater". Manche glauben, den wirklich guten Film könne man nur im Programmkino oder nachts im Dritten zeigen. Das kann es nicht sein. Wir müssen zwar auch den anspruchsvollen Dokumentarfilm fördern, weil er ein kulturelles Dokument von jahrzehntelanger Bedeutung darstellt. Nur darf das nicht alles sein.
SPIEGEL ONLINE: Auch Produzenten wie Günter Rohrbach fordern große Budgets, um Genres wie Action oder Fantasy in Deutschland zu ermöglichen. Aber kann ein deutscher Actionstreifen neben "Stirb langsam 4" bestehen?
Nida-Rümelin: Man muss ja nicht unbedingt mit den großen Hollywood-Schinken konkurrieren. Aber es ist schon merkwürdig, dass der Marktanteil des deutschen Films bei gerade mal 10 bis 15 Prozent liegt. Ich vermute, wenn sich einheimische Werke stärker durchsetzen, kann man ein neues Publikum gewinnen. Dadurch verbessern sich wiederum die Chancen für einheimische Produktionen.
SPIEGEL ONLINE: In Deutschland wurden im letzten Jahr viele große Stoffe, etwa "Der Tunnel" und "Vera Brühne", ins Fernsehen geschoben, weil der deutsche Kinofilm als Risikogeschäft gilt. Wie wollen Sie dieser Entwicklung entgegentreten?
Nida-Rümelin: Der deutsche Fernsehfilm ist vielleicht der beste der Welt. Der internationale Erfolg deutscher TV-Produktionen zeigt das Potenzial des deutschen Films. Das Missverhältnis liegt darin, dass er im Fernsehen funktioniert und im Kino bislang nur unzureichend.
SPIEGEL ONLINE: Die Franzosen haben den Hollywood-Anteil in ihren Kinos mithilfe nationaler Produktionsquoten auf unter 50 Prozent gedrückt. Brauchen wir auch eine Quote?
Nida-Rümelin: Quoten lassen sich in meinen Augen nicht wirtschaftspolitisch rechtfertigen. Das wäre Protektionismus. Aber kulturell spricht etwas dafür. Ich halte die französische Position, Kulturgüter seien nicht Wirtschaftsgüter wie alle anderen, für berechtigt - in dem Sinne, dass wir kulturelle Vielfalt fördern wollen, aber indem kulturelle Identitäten bewahrt bleiben und sich entwickeln können. Der globale Markt dagegen würde am Ende nur noch Hollywood und vielleicht einige Bollywood-Produktionen aus seinem indischen Pendant Bombay bestehen lassen.
SPIEGEL ONLINE: Sie wollen die Stärkung des deutschen Films zunächst durch Abgabenerhöhungen innerhalb der Film- und Medienbranche erzielen. Sie hoffen also, dass es Ihnen gelingen wird, sowohl die TV-Sender als auch die Kinobetreiber zur Kasse zu bitten?
Nida-Rümelin: Ja, und zwar schlage ich vor, dass wir die Privatsender und die öffentlich-rechtlichen Anstalten verschieden behandeln. ARD und ZDF finanzieren sich ja zu rund sieben Milliarden Euro im Jahr über öffentliche Abgaben. Sie stehen in einer besonderen Verantwortung, wenn wir uns darüber einig sind, dass es zu ihrem kulturellen Programmauftrag gehört, den deutschen Film zu fördern.
SPIEGEL ONLINE: Bisher sträuben sich die von Ihnen Angesprochenen aber vehement dagegen, noch mehr Mittel als ohnehin schon für die Filmförderung bereitzustellen.
Nida-Rümelin: Grundsätzlich haben inzwischen alle Beteiligten ihre Offenheit für eine Paketlösung erklärt, die alle Beteiligten, auch den Bund, einbindet. Dies ist schon ein großer Fortschritt. Ich kann nur ein Paket zu schnüren, das alle Standpunkte zusammenschnürt und für dieses breite Interessenspektrum akzeptabel erscheint. Dann hängt viel davon ab, ob die Akteure einen Schritt mitgehen.
SPIEGEL ONLINE: Die Produzentenvereinigung "Film 20" argumentiert inzwischen, die Abgaben der Fernsehsender sollten überhaupt nicht als Filmförderabgabe gewertet werden, da sie zur ganz normalen Programmbeschaffung gehörten.
Nida-Rümelin: Richtig. "Film 20" hat eine Reihe interessanter Statistiken zusammengestellt, aus denen ersichtlich wird, wie viele Kinofilme im Laufe eines Jahres im Fernsehen gesendet werden. Ein Beitrag der Fernsehsender in Höhe von elf Millionen Euro steht dazu tatsächlich in einem Missverhältnis.
SPIEGEL ONLINE: Müssen Sie angesichts Ihres schmalen Filmförder-Etats von rund 6,2 Millionen Euro nicht auch selbst ein finanzielles Signal setzen?
Nida-Rümelin: Nein, die Filmbranche selbst muss sich mit umfangreicheren Eigenmitteln stärken. Für ein Start-up-Programm aber, das künstlerisch anspruchsvolle Filme mit wenig Aussicht auf Kassenerfolg fördert, müssen auch wir einen zusätzlichen Beitrag leisten.
SPIEGEL ONLINE: Wenn Ihr Konzept greift, welcher Marktanteil des deutschen Films wäre hier zu Lande denkbar?
Nida-Rümelin: Eine Verdoppelung von etwa 12 auf 25 Prozent Marktanteil müsste schon drin sein. Und damit sind wir noch immer unter dem Niveau der fünfziger und frühen sechziger Jahre.
SPIEGEL ONLINE: Ein anderes Prestigeprojekt, bei dem Sie widerstreitende Interessen zu berücksichtigen hatten, ist die Bundeskulturstiftung.
Nida-Rümelin: Ja, die Kulturstiftung des Bundes wird noch in diesem Quartal ihre Arbeit in Halle an der Saale aufnehmen. Für die Förderung von Kunst und Kultur wird sie jährliche Zuschüsse von der Bundesregierung erhalten. Die Fördersumme beginnt in 2002 mit 25 Millionen Mark, das sind rund 13 Millionen Euro. Sie wächst aber auf 25,5 Millionen Euro im Jahr 2003 und schließlich auf 38 Millionen Euro, also präzise 75 Millionen Mark im Jahr 2004.
SPIEGEL ONLINE: Welche Projekte wollen Sie eigentlich fördern? Es gibt ja bereits eine Kulturstiftung der Länder. Soll die sich um das Regionale kümmern, während die Bundeskulturstiftung für prestigeträchtige "große" Kunst zuständig ist?
Nida-Rümelin: Nein, das ist ein ganz gefährliches Missverständnis, das da in der Presse aufgetaucht ist. Die Kulturstiftung der Länder hat laut ihrer Satzung Projekte von nationalem Interesse zu fördern und kümmert sich um den Ankauf internationaler Kunst, der von den einzelnen Ländern nicht zu leisten ist. Es ist aber richtig, dass sie einen Schwerpunkt beim Kunsterbe, einschließlich des 20. Jahrhunderts, gesetzt hat. Deshalb soll sich die Bundeskulturstiftung mehr mit innovativen Kulturprojekten befassen.
SPIEGEL ONLINE: Sie haben lange versucht, die Unterstützung der Länder für die Bundeskulturstiftung zu gewinnen. Doch kurz vor Weihnachten sind die Gespräche endgültig gescheitert. Was ist schief gelaufen?
Nida-Rümelin: Die Kultusminister kündigten für eine separate Stiftung des Bundes zunächst ihre Opposition an: Sie könnten sich ein solches Projekt nur vorstellen, wenn es gemeinsam getragen würde. Es gab viele Warnungen gegen dieses Modell, da eine Abstimmung mit sechzehn Ländern eine schwierige Sache sei. Aber ich wollte es dennoch versuchen. Ich hatte ein Zwei-Säulen-Modell vorgeschlagen, bei dem die nationale Kulturstiftung sowohl vom Bund als auch von den Ländern getragen werden sollte. Im Juli schlugen die Kultusministerien vor, die Länder sogar noch stärker zu integrieren. Da war meine Begeisterung bereits geringer. Schließlich haben die Staatskanzleien die Sache an sich gezogen und den Prozess zu einer voll integrierten Stiftung zunächst gestoppt. Sie taten das aus einer Grundphilosophie heraus, die vom Artikel 91 im Grundgesetz weg will. Das ist der Artikel, der Mischfinanzierungen, zum Beispiel bei der Förderung von Hochschulbau und Forschung, erlaubt.
SPIEGEL ONLINE: Das muss doch geschmerzt haben.
Nida-Rümelin: Warum soll mich das schmerzen? Mein ursprünglicher Vorschlag war ja, eine separate Stiftung des Bundes zu gründen.
SPIEGEL ONLINE: Werden Sie später noch einmal probieren, die Länder für die Bundeskulturstiftung zu gewinnen?
Nida-Rümelin: Wenn wir ein vernünftiges Modell finden, wäre mir das sehr recht. Wir können überhaupt nur Handlungsfähigkeit gewinnen, wenn wir eine klare Kompetenzaufteilung haben, zumal wir im Kulturbereich teilweise sehr unübersichtliche, historisch gewachsene Förderstrukturen haben. Die Länder verhalten sich dabei nicht einheitlich. Die kleineren und östlichen wollen mehr Kooperation. Die größeren und westlichen dagegen fürchten um ihre politischen Gestaltungsmöglichkeiten gegenüber dem Bund. Nach dem Ende des NS-Regimes hatte man Angst davor, eine nationale Kulturpolitik zu definieren.
Das war damals sehr verständlich, aber es stellt sich die Frage, ob diese Perspektive heute noch stimmt. Wir brauchen eine neue Balance und eine Klärung, wie die Verantwortung, wie die kulturelle Dimension des Nationalstaats nach innen und außen wahrgenommen werden soll. Ich meine: gemeinsam. In allen diesen Dingen werden wir noch interessante Debatte zu führen haben.
Das Interview führten Henrike Thomsen und Nina Rehfeld