Buntes Fernsehen: Der Himmel über Templin - DER SPIEGEL
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Buntes Fernsehen Der Himmel über Templin

Das Letzte im Ersten: Patricia Riekel führt Promis im "BUNTE TV" vor. Die ersten Gäste waren Karl Lagerfeld und Angela Merkel. Jetzt wissen wir: Er bewegt sich nicht im Schlaf, sie ißt gerne Bratkartoffeln.
Von Henryk M. Broder
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wenn das Erste so tut, als wäre es RTL2, dann stellt es seinen Zuschauern eine Preisfrage. "In welchem Land lebt Karl Lagerfeld? Deutschland oder Frankreich?" Damit möglichst viele den Test bestehen, gibt es vorher einen kleinen Hinweis: Das Erste besuche den "Meister der Mode" in Paris. Unter denjenigen, die richtig getippt haben, werden dann 6o Flaschen Fürst Metternich Riesling Sekt verlost. Obwohl es Champagner von Veuve Cliquot sein müßte, denn ehe Karl Lagerfeld deutschen Sekt an seinen Gaumen läßt, wird die ARD privatisiert und läßt Heidi Klum die Nachrichten ansagen.

Auch das ist nur noch eine Frage der Zeit. Denn alles, was die Privaten können, das können die Öffentlich-Rechtlichen noch besser: Schleichwerbung, Sponsoring, Product-Placement. Nur in einem Segment liegen die Privaten vorne: Bei den Promi-Magazinen. Das ZDF quält sich mit "Leute heute" über die Runden, bei der ARD gibt es nichts Vergleichbares. Um diesem Mißstand abzuhelfen, hat der Hessische Rundfunk "BUNTE TV" ins Erste gehoben, Freitagabend lief die erste von vorerst sechs Folgen.

"Untypisch für das Gewerbe"

Er sei, erzählt Bernd Küsters, Unterhaltungschef des HR, "schon länger auf der Suche nach einem geeigneten Format" gewesen, etwas in der Art von "Bitte umblättern", ein "buntes Fernsehen mit Boulevard-Geschmack, das nicht doof und nicht platt ist". Dann habe er eines Tages Patricia Riekel, die Chefredakteurin der "Bunten" getroffen, "eine bemerkenswerte Person, untypisch für das Gewerbe, still und nachdenklich, was man von einer gut abgehangenen Boulevard-Journalistin nicht erwartet".

Gemeinsam habe man dann das Konzept für "BUNTE TV" entwickelt. "Wir hätten nie eine eigene Redaktion aufbauen können", bei der Bunten dagegen "gab es schon den Apparat" und Patricia Riekel hat "Zugang zu den richtigen Leuten", ihr stehen "viele Türen offen, die uns verschlossen geblieben wären". So kam es zu einem "joint venture" zwischen dem Burda Verlag und dem Hessischen Rundfunk, zum Nutzen beider Parteien.

Im Quotenkonzert mithalten

"Wir profitieren von der sehr guten Entwicklung der "Bunten" und die "Bunte" profitiert von der Repräsentanz im Fernsehen." Eine private Produktionsfirma stellt die 30-Minuten-Sendung her, "Bunte" und der HR teilen sich die Kosten im Verhältnis 60 zu 40. Eine Aushöhlung öffentlich-rechtlicher Prinzipien kann Küsters nicht erkennen, denn erstens "ist die Abnahme ganz klar bei uns" und zweitens sei "die Zusammenarbeit mit einem kommerziellen Medium sehr erwünscht", um "im Quotenkonzert mithalten zu können".

Ein Marktanteil von 10 Prozent sei das Ziel, "aber eigentlich möchte ich 12 Prozent haben", dann wird "BUNTE TV" auch im Jahre 2004 laufen, einmal im Monat auf dem HR-Ticket in der ARD. Es hat also alles seine Richtigkeit, die geschäftlichen und moralischen Grundsätze des öffentlich-rechtlichen Fernsehens werden nicht verletzt. Bleibt nur die Frage: Muss es sein? Braucht die ARD ein "People-Magazin", um Menschen vorzustellen, die man sowieso immerzu und überall sehen kann, in jeder Talkshow, bei jeder Gala, bei Nina Ruge und Frauke Ludowig, bei Stefan Raab und Harald Schmidt? Gehört Klatsch und Tratsch zur "Grundversorgung"?

"Für mich ist nichts zu groß"

Offenbar ja. Also fährt Patrcia Riekel nach Paris, um Karl Lagerfeld zu besuchen. Der ist nicht nur bekannt "als toller Gesprächspartner", er residiert auch in einem Stadtpalais in St. Germain auf 1.800 Quadratmetern Fläche. Allein das Speisezimmer, das auch als Tanzsaal dient, ist so groß wie ein mittleres HR-Studio. Es gäbe also genug Stoff für ein aufregendes Gespräch. Doch was will Frau Riekel von Herrn Lagerfeld wissen? "Ist es nicht einsam?" Nie und nimmer! antwortet Lagerfeld, "für mich ist nichts zu groß", Einsamkeit sei ein toller Luxus. "Sie haben 4o Kilo abgenommen", sagt Frau Riekel, die sich auf den Besuch bei dem Modefürsten gut vorbereitet hat. "43 Kilo", antwortet Lagerfeld, der auf Genauigkeit Wert legt.

"Parallell mit dem Gewichtsverlust hat sich der Einrichtungsgeschmack geändert", setzt Frau Riekel nach. Lagerfeld zeigt das Bett, in dem er schläft. "Ein erstaunlich schmales Bett", wundert sich Frau Riekel. "Ich hasse breite Betten", sagt Lagerfeld, "ich bewege mich nicht im Schlaf", er wache in derselben Position auf, in der er eingeschlafen sei.

Das sind wichtige Informationen, die eine lange Anreise wert sind. Die aufregenden Fakten werden mit Lebensweisheiten angereichert. "Es ist amüsant zu sammeln, es ist nicht amüsant zu besitzen", sagt Lagerfeld. Frau Riekel tut so, als habe sie diese Antwort noch nie gehört und will anschließend wissen: "Wie war Ihre Kindheit?" Lagerfeld drückt auf einen Knopf und spult die bekannte Antwort ab. Von der Mutter, die ihm gesagt habe: "Du musst hier weg, hier kannst du nur Zeichenlehrer werden." Frau Riekel scheint zufrieden, und am Ende des Gesprächs legt Lagerfeld ein Geständnis ab: "Karl Lagerfeld ist eine virtuelle Sache, eine Chimäre." Das haben wir schon die ganze Zeit geahnt.

"Lassen Sie Ihr Herz sprechen?"

Von St. Germain in Paris geht es nach Templin in der Uckermark, wo Angela Merkel darauf wartet, ganz privat vorgeführt zu werden. Sie besucht ihr altes Gymnasium und wundert sich. "Ich hatte das größer in Erinnerung." Weil es aber nicht auf die Größe, sondern auf die inneren Werte ankommt, will Patricia Riekel wissen: "Sind Sie ein Mensch, der vom Verstand geprägt ist oder lassen Sie Ihr Herz sprechen?" Mal so und mal so, je nach der Situation, sowohl als auch, sagt Angela Merkel und gibt über ihr Leben Auskunft, wie Politiker über ihr Leben Auskunft geben.

Sie sei gerne im Garten, gehe gerne spazieren, achte darauf, dass sie wenigstens einen Abend pro Woche zu Hause sein kann und esse gerne Bratkartoffeln. Es sind Antworten, die auch Karl Lagerfeld geben könnte, denn ob es St. Germain in Paris ist oder Templin in der Uckermark, der Himmel sieht überall gleich aus, und die Menschen, die Patricia Riekel besucht, ähneln sich so wie eine Ausgabe der "Bunten" der anderen ähnelt.

Würde "BUNTE TV" in einem privaten Sender laufen, wäre es eine "Dauerwerbesendung", nur im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, das nach 2o Uhr keine Werbung senden darf, ist es ein Beitrag zum Programm. Adieu ARD! Nächste Woche besucht Patricia Riekel den Stehgeiger Andre Rieu und die Schauspielerin Ingrid Caven. Zwei "No-Names", die man kennen muss.