"The Someday Funnies": Die Sixties als Comic
Comic-Entdeckung Als Zappa und Fellini den Zeitgeist zeichneten
Es war wohl weise Voraussicht, dass Michel Choquette sein Projekt "The Someday Funnies" nannte, als er 1971 in der Redaktion des "Rolling Stone"-Magazins vorstellig wurde. Choquette war zu dieser Zeit Comedian, hatte ein bitterböses Album über seine Heimat Kanada veröffentlicht und eine Fotostrecke über Hitler im Südseeurlaub im Satire-Magazin "National Lampoon". Eine Serie mit Comics über die just abgelaufenen sechziger Jahre schwebte ihm vor, gestaltet weniger von Comic-Zeichnern, sondern von populären Künstlern anderer Stilrichtungen. Namen wie Tom Wolfe und John Lennon machten die Runde.
Der "Rolling Stone" ließ Choquette seine "Someday Funnies" eine Zeitlang in einer Beilage zum Magazin veröffentlichen, stieg aber bald aus. Nach vier Jahrzehnten fruchtloser Verlagssuche ist der erhoffte "someday" nun endlich eingetreten: Choquettes Projekt ist als mordwaffentaugliches Hardcover im Überformat A3 in den USA erschienen, auf Hochglanzpapier und in Farbe. Besonders aufsehenerregend: fast sämtliche Beiträge sind Erstveröffentlichungen.
Es ist daher ein atemberaubender Band, nicht nur für Comic-Kenner. Zwar ist John Lennon nicht beteiligt, dafür aber Bestseller-Autor und New-Journalism-Ikone Tom Wolfe ("Fegefeuer der Eitelkeiten"), der italienische Filmregisseur Federico Fellini, William S. Burroughs und Frank Zappa und viele andere bekannte Künstler, die man sonst nicht mit Comics assoziiert. Begleitet werden sie von kaum weniger namhaften Comic-Zeichnern. Zu den Perlen des Bandes gehören ein unveröffentlichter, allerletzter "The Spirit"-Zweiseiter von Will Eisner über den Anstieg der Verbrechensraten in den USA sowie eine finale "Lucky Luke"-Geschichte von Morris, der die Figur erfunden und ein halbes Jahrhundert lang gezeichnet hat.
Spiegelman, Moebius, F. K. Waechter - alle sind dabei
An anderen Stellen muss man Choquette für sein hervorragendes Gespür bewundern. In den siebziger Jahren kannte noch niemand Art Spiegelman, später berühmt geworden durch seinen Auschwitz-Comic "Maus". Auch er ist hier vertreten.
Weil Choquettes Büro in den Siebzigern in der Nähe der Marvel-Büros lag, sind relativ viele Zeichner des Superhelden-Verlags dabei. "Fantastic Four"-Erfinder Jack Kirby erzählt den Wettlauf ins All zwischen Sowjetunion und USA als Slapstick-Komödie. Und "Conan"-Zeichner Barry Windsor-Smith verballhornt die Merkwürdigkeiten um die Ermordung John F. Kennedys als Barbaren-Fantasy.
Choquettes Ambitionen gingen jedoch weit über die USA hinaus. Aus Deutschland finden sich die späteren "Titanic"-Mitbegründer Robert Gernhardt, Chlodwig Poth und Hans Traxler (im Buch konsequent falsch "Träxler" genannt) wieder, die sich unter anderem mit Themen wie Gastarbeiter und Robbenjagd beschäftigen. Weitere bekannten europäische Künstler sind der sonst für seine Erotika bekannte Guido Crepax mit einem bitteren Strip über den italienischen Faschismus, "Blueberry"-Zeichner Jean Giraud alias Moebius sowie die Illustratoren F. K. Waechter und Roland Topor.
Gelegentlich rutscht die Auswahl ins Obskure ab. Weil Choquette auf seinen Reisen um die Welt in den frühen Siebzigern praktisch jeden gefragt hat, finden sich unter den Beitragenden Namen wie das des ehemaligen Models Penelope Tree oder des späteren Filmproduzenten Michael Gross, später unter anderem für die Comic-Verfilmung "Heavy Metal" und die "Ghostbusters"-Filme mitverantwortlich.
Einige der Comics, wie etwa der Beitrag der "Asterix"-Erfinder René Goscinny und Albert Uderzo, sind in vergangenen Jahren bereits anderswo in Heften und Anthologien aufgetaucht. Das Gros der Beiträge aber sind absolute Erstveröffentlichungen.
Erst seit einem Jahrzehnt haben Underground-Comics wieder einen Markt
Wie konnte es dazu kommen, dass diese wertvollen Comics, trotz Unterstützung des "Rolling Stone", nach fast einem Jahrzehnt fruchtloser Versuche Choquettes, einen Verleger für das Projekt zu finden, in einem Koffer in einem Lagerraum versauerten?
Der "Rolling Stone" stieg aus, als ihm das Projekt zu groß wurde. Immerhin war Choquette in seinem Eifer, Beitragende zu finden, mehrmals um die Welt geflogen.
Dass er lange keinen Buchverlag fand, erklärt sich aus den Eigenheiten des nordamerikanischen Marktes. Ab den siebziger Jahren fanden Comics, auch alternative und Underground-Comics, dort praktisch ausschließlich in Comic-Shops einen Markt. Diese Läden waren auf Hefte spezialisiert und trugen sich vor allem durch den Verkauf von Superhelden-Comics.
Erst seit knapp einem Jahrzehnt hat sich diese Situation in den USA gewandelt. Gefördert vom Erfolg der Mangas in den Vereinigten Staaten, aber auch von Best- und Longsellern wie Marjane Satrapis "Persepolis" oder Alan Moores "Watchmen" - beide verkaufen sich konstant mindestens im fünfstelligen Bereich pro Jahr - hat sich der amerikanische Buchhandel vermehrt für Comics geöffnet.
1973 hatte Choquette noch Dummys des geplanten Buchs für die Frankfurter Buchmesse produziert, in der Hoffnung, dort einen Verleger zu finden. Seitdem hatte er die Comic-Seiten nicht mehr angerührt, laut eigener Aussage, weil sie ihm zu viele unangenehme Erinnerungen bereiteten. Erst durch eine Recherche des amerikanischen Fachblattes "The Comics Journal" 2009 wurde die Existenz der Strips einem breiten Publikum bekannt.
Die Sechziger-Retrowelle hilft auch den "Someday Funnies"
Der auf Artbooks spezialisierte US-Publisher Abrams, in den letzten Jahren durch ein paar herausragende Comic-Projekte aufgefallen, darunter eine Anthologie über das Judentum von Harvey Pekar, hat das Buch jetzt veröffentlicht. Dabei fügt es sich in ein kulturelles Umfeld, in der Erinnerungen an die Sixties Hochkonjunktur haben. Grade eben hat Stephen King seinen Roman über die Kennedy-Ermordung veröffentlicht. Und die TV-Serie "Mad Men" über die Werbebranche der sechziger Jahre räumt Jahr um Jahr bei den Emmys ab.
Was "The Someday Funnies" unterscheidet, ist der nahe Blick auf die Dinge. Als Choquette die Comicstrips sammelte, war das Jahrzehnt gerade eben vorbei, viele der Themen noch frisch in den Köpfen der Menschen. Die Strip-Sammlung ist also kein nostalgischer Rückblick, sondern Dokument einer Gegenwartskultur in Comic-Form.
Schade nur, dass rund ein Drittel der beitragenden Künstler nicht mehr am Leben ist. Alle übrigen hätten, so versichert Choquette, jetzt endlich die damals vereinbarte Honorarsumme von 100 Dollar pro Beitrag erhalten. Gerechnet haben dürfte keiner mehr damit.
The Someday Funnies, Abrams ComicArts, 216 Seiten, 43,99 Euro