Deutsche Bühnen Wir sind Terrorweltmeister
Wir sind nicht bloß Fußballweltmeisterin, sondern auch Terrorismusweltmeister. Zumindest scheint es manchmal so in diesen Jubiläumsfestwochen, in denen es 30 Jahre her ist, dass einige RAF-Terroristen den deutschen Arbeitgeberpräsidenten erschossen und ein paar andere RAF-Terroristen sich im Knast selber abmurksten.
Natürlich feiern auch die Theater mit beim eifrigen Erinnern an den sogenannten Deutschen Herbst, am ausgiebigsten in Stuttgart. "Endstation Stammheim" heißen die Aktionswochen, in deren Rahmen die Gruppe Rimini Protokoll an die Hassattacken auf den einstigen Stuttgarter Theaterchef (und vermeintlichen RAF-Sympathisanten) Claus Peymann erinnert und Harald Schmidt aus Elvis-Liedern und "Moby Dick" zitieren lässt. Und auch der aus Stuttgart stammende Regisseur Stephan Kimmig hat einen fix zusammengezimmerten RAF-Workshop unter dem Titel "1977" beigesteuert.
Ziemlich am Anfang von Kimmigs RAF-Abend sieht man die junge und mit einem wilden, schiefzähnigen, hochinteressanten Indianergesicht gesegnete Schauspielerin Katja Bürkle in einem Campingzelt herumkrabbeln, eine Kamera beobachtet sie dabei. Das Zelt soll den Uterus von Bürkles Mutter symbolisieren, denn die Darstellerin war im Herbst 1977 noch nicht geboren. Mit aufgekratztem Erstaunen schildert sie die Ereignisse des Terrorzeit wie ein böses, unendlich fernes Greuelmärchen. Eine Lektion über die Unschuld der Nachgeborenen.
Später lässt Kimmig noch das echte Märchen vom Wolf und den sieben Geißlein erzählen und Heiner Müllers "Hamletmaschine" als Manifest des Tugendterrorismus und deutscher Dichtergroßmäuligkeit aufsagen. Aber am stärksten wirkt ein kurzer Rückblickstext, den die (im Vergleich zur innig verwegenen Bürkle eher brav) vor einem Mikrofon kaspernde Schauspielerin Silja Bächli spricht: Im Aufruhr gegen die Vätergeneration der Nazi-Täter sei den RAF-Terroristen leider nichts Besseres eingefallen, als exakt diejenigen anzuhassen, die auch im Hitlerdeutschland am fanatischsten angehasst wurden die Juden und die Amerikaner. Das ist Kimmigs Lektion in deutscher Schuld.
Transatlantische Unbekümmertheitsbegeisterung
In Mannheim zeigten sie am Sonntagabend als deutschsprachige Erstaufführung Roland Schimmelpfennigs neues Stück "Start up", das mit ganz ähnlichen Themen munter Schabernack treibt. Schimmelpfennig schickt für sein Stück ein paar idealistische und völlig abgebrannte junge Deutsche in die Wüste, ins amerikanische Herzland, durch das einst die Trecks in Richtung Wilden Westen zogen. Rob, Micha und Kati sind mit einem ollen VW-Bus unterwegs und wollen in der US-Provinz (ausgerechnet) ein Theater aufmachen. Vor allem aber plappern sie von deutscher Vergangenheit, vom Krieg der Nazis und der Berliner Luftbrücke - von Deutschlands Solidarität nach den Terrorangriffen vom 11. September.
Schimmelpfennig hat das Stück im Auftrag des German Theater Abroad geschrieben, einer kleinen, emsigen, von der Bundeskulturstiftung geförderten Truppe, die "Start up" am vergangenen Freitag in englischer Sprache in New York uraufführte, wenngleich jetzt nicht wirklich in einem großen Theater, sondern unter eher bescheidenen Umständen. Immerhin ist Schimmelpfennig der derzeit international meistgespielte lebende deutschsprachige Dramatiker. Als er kürzlich in Berlin seinen 40. Geburtstag feierte, schenkten ihm die netten Leute seines Bühnenverlags S. Fischer eine Weltkarte, auf der über 200 Fähnchen aufgepflanzt waren, alles Spielorte von Schimmelpfennig-Stücken wie "Die arabische Nacht" oder "Die Frau von früher".
Leider kommt "Start up" ohne die für diesen Dramatiker typische Mischung aus hübsch verständlicher Grundsituation und raffiniert poetisch vernebelter Dialogkunst aus. Das Auftragsstück ist mehr eine Sammlung deutsch-amerikanischer Klischees und Kinderfragen, die mit lockerer Hand über den schlichten Plot gestreut sind. "Dieses Land ist manchmal so unglaublich primitiv", heißt es da, oder "Warum haben Tick, Trick und Track keine Eltern?"
Interessant ist Schimmelpfennigs Stück aber als Manifest einer transatlantischen Unbekümmertheitsbegeisterung, in der die Vorurteils-Raffinerie nur den Treibstoff liefert für fröhliches Entertainment. Moralische und politische Kategorien werden hier zwar benannt, aber keine Sekunde lang ernsthaft diskutiert. So erzählt "Start up" nicht vom Leiden junger Deutscher, sondern von ihrer Sehnsucht nach amerikanischer Leichtigkeit, vom Wunsch, endlich Teil einer großen fröhlichen Weltfamilie sein zu dürfen.
Genau in diesem Sinn, als animierten deutsch-amerikanischen Kindergeburtstag, zeigt der Mannheimer Regisseur (und nebenher auch Schauspieldirektor) Burkhard Kosminski "Start up", ein schmissiger Spaß für insgesamt fünf Schauspieler. Es wird lustig mit Hippieperücken hantiert und zu Schrammelmusik gesungen in dieser Erstaufführung, über Quentin Tarantino gescherzt und von seltsamen Schönheitsidealen gelabert.
"Mit den richtigen Zähnen kannst du hier alles erreichen" heißt die amerikanische Losung. Die Kulturbotschafter aus Europa scheinen in dieser Mannheimer Theaterparty wild entschlossen, sich endlich und glücklich von ihrer deutschen Verkniffenheit zu befreien. Aber Vorsicht: Das Gespenst des Terrors könnte sie am Ende auch in der schönen Fremde einholen.