Doku-Marathon "24h Berlin": Auf den Tag genau - DER SPIEGEL
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"24 h Berlin": Platte, Tempel, Junkie, Chef

Foto: ARTE / RBB /Jordis Schlösser / OSTKREUZ

Doku-Marathon "24h Berlin" Auf den Tag genau

Wie wird gelebt, gearbeitet, gesprochen in Deutschland? Die morgen startende Riesendoku "24h Berlin" porträtiert exakt einen ganzen Tag in der Hauptstadt - und überrascht: Fernsehen kann tatsächlich unsere komplexe Lebenswelt einfangen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hinter dem Alex flimmert sanft die rote Morgensonne. Die sechsfache Mutter Marina Schneider in Berlin-Weißensee, die in der Nacht mal wieder fast kein Auge zugetan hat, zündet sich ihre erste Zigarette an und stöhnt: "Erst mal Wasser ins Gesicht!" Der ebenfalls erwachte Talmud-Schüler Alex in Schöneberg hat da ein weniger pragmatisches Verhältnis zum Wasser, für ihn ist das Waschen ein heiliger Akt. Hochkommen tut er trotzdem nicht schneller.

Derweil kämmt sich der französische Fernsehkorrespondent Jérome Bony in der Wohnung am Gendarmenmarkt vor dem Spiegel das spärliche Haar aus dem zerknitterten Gesicht und tröstet das flennende Baby. Berlin um sechs Uhr morgens, eine Stadt reibt sich den Schlaf aus den Augen.

Politstar in the making

Nur einer ist schon ein bisschen länger wach: Karl-Theodor zu Guttenberg steht frisch gegelt vor dem Brandenburger Tor und gibt ein Interview zum gerade tobenden US-Wahlkampf. Noch ist er der nahezu namenlose CSU-Experte für Außenpolitik, und ARD-Journalist Werner Sonne hat sichtlich Probleme, seinen Namen korrekt auszusprechen.

Nach dem Interview geht man noch ein Käffchen im Hotel Adlon trinken, die Tasse zu 11,90. Der CSU-Mann trägt ein flottes Umhängetäschchen, kein Berater und kein Bodyguard in Sicht. Guttenberg sieht an diesem 5. September 2008 noch aus wie ein BWL-Student im dritten Semester.

Gerade Mal zehn Minuten läuft die Mammut-Dokumentation "24h Berlin", da begreift man: Nichts bleibt, wie es ist, schon gar nicht in der Hauptstadt. Erst ein Jahr sind die aufwendig montierten Bilder alt - doch sie wirken bereits historisch.

Deshalb ist der Doku-Marathon, der an diesem Samstag ab sechs Uhr morgens auf Arte und RBB in voller Länge ausgestrahlt wird, eine Art anthropologisches Archiv: So wurde anno 2008 gesprochen, so wurde anno 2008 Geld verdient, so wurde anno 2008 Politik gemacht.

Größe zeigen im Detail

Dabei stehen die kleinen Alltagskrisen und -konflikte vollkommen gleichberechtigt neben den großen der Politik. Dem Tagesgeschäft von Bürgermeister Klaus Wowereit wird in "24h Berlin" nicht mehr Platz eingeräumt als dem der dichtenden Hartz-IV-Empfängerin, die in der S-Bahn selbstgeschriebene Texte anbietet. Der Redaktionskonferenz von "Bild"-Chefredakteur Kai Diekmann gesteht man nicht mehr Wichtigkeit zu als der Verkaufstour eines Junkies, der erfolglos eine Obdachlosenzeitschrift an den Mann zu bringen versucht. Diekmann findet keine Überschrift, der Junkie bekommt kein Geld für den nächsten Schuss zusammen.

Wie sich schwerwiegende Umbrüche im Alltag widerspiegeln, davon haben Filme aus Berlin schon immer erzählt. Ob man nun "Menschen am Sonntag" und "Berlin - die Sinfonie der Großstadt", die großen quasi-dokumentarischen Kinokompositionen der Weimarer Republik nimmt, oder "Nachtgestalten" und "Das Leben ist eine Baustelle", die Gesellschaftspanoramen aus den jungen Jahren der Berliner Republik: Der Lauf der Geschichte und der stete Wandel der Metropole hat sich stets in die menschlichen Schicksale eingeschrieben.

Berlin als Dauerbaustelle, Berlin als ewiges Provisorium: In welcher anderen Stadt zeigt sich die Flüchtigkeit der modernen Existenz deutlicher? "24h Berlin" ist der bislang monströseste Versuch, dem kontinuierlichen Kommen und Vergehen ein Schnippchen zu schlagen. Vielleicht spielt einer der vielen Erzählstränge deshalb ja auch in einem Krematorium, in dem ein Mitarbeiter als Herr über die CD-Player die richtige Musik in die vielen sich überschneidenden Abschiedszeremonien bringt, während ein anderer im Keller die Verbrennung der Särge überwacht. Trauerbegleitung als Routineakt.

Zwischen Ostplatte und Regierungstempel

Hat der allmächtige Erzähler denn gar kein Mitgefühl mit den Menschen der Stadt? Doch, hat er. Und das ist das große Lob, das man dem überwachenden Regisseur Volker Heise aussprechen muss. 80 Kamerateams haben ihm 500 Stunden Material zusammengetragen. Die Geschichte von "24h Berlin" entstand nicht auf dem Papier, sondern alleine im Schnitt.

Beachtlich, wie Heise, der zuvor mit "Schwarzwaldhaus 1902" das Format der Retro-Soaps hierzulande eingeführt hat, extrem viele Einzelschicksale aus der Masse des Materials und aus der Anonymität der Großstadt destilliert hat. Bei der Tour durch Gefängnisse und Hospitäler, durch Plattenbauten und Regierungstempel, durch Obdachlosenunterkünfte und Frühclubs wird jedem der gut zwei Dutzend Protagonisten ein Recht auf die eigene Geschichte eingeräumt. Im großen Kuddelmuddel Berlin ist eben alles möglich. Oder wie es im Film einmal heißt: "Wer Pech hat, verliert sich. Wer Glück hat, erfindet sich neu."

Schade nur, dass als Strukturmoment zu immer wiederkehrenden Jingles alliterationsselige Headlines eingestreut werden. So bekommt die Ausnahmeproduktion zuweilen die Anmutung einer stinknormalen Doku-Soap. Aber vielleicht gehört das ja ebenfalls zum Konzept: Ja, so haben sie damals in den Nuller-Jahren des neuen Jahrtausends Fernsehen gemacht.


"24h Berlin - Ein Tag im Leben", Samstag ab 6.00 Uhr zeitgleich auf Arte und RBB