Fernsehduell: Kinderherz gegen Erotikland - DER SPIEGEL
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Fernsehduell Kinderherz gegen Erotikland

Es war ein Duell der Fernsehveteranen: Während Frank Elstner mit "Verstehen Sie Spaß?" um Lacher kämpfte, appellierte Thomas Gottschalk mit einem "Herz für Kinder" an die weihnachtliche Spendierfreude der Zuschauer. Wie soll man das vergleichen?
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Das eine ist die hehrste Veranstaltung im deutschen Fernsehen, das andere gutmütig-altmodischer Prominentenveräppelquatsch: Am Samstag durfte Frank Elstner eigentlich nicht auf Quote hoffen – seine Sendung lief gegen das sechste Mal „Ein Herz für Kinder“, präsentiert von Thomas Gottschalk, und angereichert mit so vielen Prominenten, dass das bestimmt im Vorfeld zu senderübergreifenden redaktionellen Absprachen geführt hat.

Nicht auszudenken nämlich, wenn Frank Elstner jetzt beispielsweise Verona Pooth, Peter Kraus oder Jens Lehmann hätte über den Löffel balbieren wollen – die waren schließlich bei Gottschalk in Berlin versprochen. Genau wie gefühlte 93 Prozent der restlichen deutschen Prominenz, mit Daryl Hannah oder Liv Ullmann saßen dort sogar noch echte Weltstars.

Ob sich Elstner, der freundliche Profi, der Erfinder des erfolgreichsten deutschen Showformats „Wetten, dass?“, das Kollege Gottschalk seit Jahren über die Bühne schaukelt, über so etwas ärgert? Darf er nicht. Im zweiten Programm geht es um Spenden für bedürftige Kinder aus aller Welt, und da ist jedes Mittel recht, auch wenn man hin und wieder umschalten muss, wenn der gutgemeinte Kitsch gar zu dick daherkommt und um die Augen von den gebündelten Fernsehgesichtern zu entspannen.

Einmal lohnt sich das Umschalten sogar: Elstner hat München komplett mit Plakaten mit dem Konterfei Mike Krügers zukleben lassen, auf denen der Komiker, für dessen schlimmes Etikett „Blödelbarde“ man ihn jeden Tag bemitleiden könnte, Werbung für ein „Erotikland München“ macht, mit dämlich-schlüpfrigen Sprüchen wie „An der Nase eines Mannes“. Mike Krüger in natura, der per Abholservice vom Münchner Flughafen ins Hotel kutschiert wird und die Plakate entdeckt, ruft erbost seinen Anwalt an, um das Erotikland hoch zu verklagen. Ein Spitzengag, auch Krügers eher kühle Reaktion auf das Sich-Erkennen-Geben seines „ehemaligen Freundes Frank Elstner“ (so Krüger) ist lustig.

Lehmanns Zettel für eine Million Euro

Aber ansonsten gewinnen die Spendierhosen. Elstner war und ist zwar um Längen natürlicher als Gottschalk, doch an solchen Kleinigkeiten darf man sich nicht aufhängen. Bei Gottschalk geben sich Tokio Hotel und Dionne Wartwick die Klinke in die Hand, Liv Ullmann erzählt aus ihren langjährigen Erfahrungen als Unicef-Botschafterin, Jens Lehmann versteigert den Zettel, den er vor dem WM-Halbfinale von Andy Köppke geschmiert bekam, für eine Million helfende Euro, und Klaus Wowereit wird beim „Spendenroulette“ von einem süßen Kindchen dazu verdonnert, „alles zu geben, was er hat“, verkneift sich großmütig einen Witz über die Berliner Haushaltslage und legt lieber noch richtig was drauf.

Sogar Michael Mittermeier, der in seiner Comedy-Routine das eigentlich interessant-unangemessene Thema „gewollte Kinderlosigkeit“ geißelt und sich über junge Eltern lustig macht, schwenkt am Ende schnell noch auf die Herz-für-Kinder-Linie ein – wie viel wohl davon abgesprochen war?

Bei Elstner mühen sich derweil drei um den „Witzbold 2006“ kämpfende komische Menschen mit stark dialektgeprägtem Humor aus einer Zeit ab, als es nur drei Programme gab – vielleicht hatte Elstner schon beim Planen der Sendung resigniert. Außerdem saßen ja, wie gesagt, eh alle bei Gottschalk im Publikum. Auch Elstners Schlussfilm, den er gemeinsam mit Paola und Kurt Felix, sozusagen seinen letzten Getreuen, präsentiert und den sich der scheidende Regisseur der Sendung angeblich ausgesucht hat, weil er es für den gelungensten Gag aller Zeiten hält, ist fast schon erschreckend armselig: Ein Wasserbett im Bettenlager hält nicht dicht, bruhaha, und so fallen beim Bettentesten andauernd mehr oder weniger beleibte Menschen ins Nasse, bruuuhahaha.

Trotz oder wegen der Promidichte

Nach Elstner hat man fast noch eine Stunde Gottschalk vor sich, bis der älteste Teenie der Welt den großen Spendenzettel schwenkt: Über 8,8 Millionen Euro sind zusammengekommen, eine Million mehr als im letzten Jahr. Trotz der hohen Prominentendichte, Verzeihung, wegen der hohen Prominentendichte natürlich. Wegen der glänzenden Kinderaugen, wegen Weihnachten und weil sich in dieser Gala die unterschiedlichsten Intentionen fast schon gruselig homogen mischen.

Schade nur, dass es einen solchen medialen Aufwand braucht, um die Spendierfreudigkeit der Deutschen aufzuwecken. Aber nein, wir klagen ja gar nicht.