Fotografie-Schau Welterklärer von Format
Willkommen im Grusel-Kabinett des Doktor Gursky! Er wird Ihnen von heute an die Auswüchse der Globalisierung vor Augen führen, wie kein anderer es je zuvor vermochte. Kommen Sie und staunen Sie über surreale Welten, lassen Sie sich verführen von der glamourösen Oberfläche der Dinge, die die Auslöschung des Individuums in unserer Zeit bedeutet!
So ein Jahrmarktschreier fehlt im Münchner Haus der Kunst, doch er wäre nicht fehl am Platz in dieser monumentalen Retrospektive des weltberühmten deutschen Fotografen Andreas Gursky. Alles hier erscheint im Superlativ: Der teuerste Fotokünstler der Welt darf auf 1800 Quadratmetern 48 seiner spektakulär vergrößerten Bilder zeigen. Ein einzelnes seiner brillant-scharfen Fotos nimmt da schon mal bis zu zehn Quadratmeter Fläche ein.
Und so kommt es, dass man sich beim Rundgang durch die Gursky-Schau ins Land der Riesen aus "Gullivers Reisen" versetzt fühlt. Alles wirkt ein wenig überdimensioniert. Steht man vor einem seiner Bilder in einem der gigantischen Räume des 1933 vom "ersten Baumeister des Führers", Paul Ludwig Troost, erbauten Gebäudes, möchte man am liebsten eine Leiter besteigen, um jedes Detail erfassen zu können. Der Blick verliert sich in mit digitaler Technik kunstvoll manipulierten Landschaftsansichten, die sorgsam verdichteten Massenszenen lassen einen schwindeln.
Größe zeigen
Trotzdem trifft man hier viele gute Bekannte wieder. Das liegt zum einen daran, dass Gurskys Werke in den vergangenen Jahren enorme Popularität erreicht haben und in den Massenmedien als Ausdruck des globalisierten Zeitgeistes immer wieder zitiert werden. Zum anderen schöpft der 52-jährige Düsseldorfer aus einem kollektiven Bilderfundus, den er in seinen Bildern überhöht und gleichzeitig auf reine Form reduziert.
Gleich am Eingang hängt das berühmte, radikal entleerte "Rhein"-Foto: Eine aus waagerechten Linien angeordnete Komposition, von der Gursky selbst sagt, er habe "nicht den Rhein fotografiert, sondern eine Daseinsbeschreibung". Dann ist "Montparnasse" zu bestaunen, das von weitem eine gesichtslose Mietskaserne zeigt, bei näherer Betrachtung aber den Blick ins durchaus verschiedenartig gestaltete Innere der Wohnungen freigibt.
Und natürlich "Mayday", "Madonna" und "Tote Hosen", Gurskys Visionen von Technoveranstaltungen und Rockkonzerten, bei denen der Einzelne auf den Star oder DJ wie ein Eisenspan auf einen Magneten ausgerichtet ist. Doch auch hier gilt: Selbst wenn viele dieser Bilder kein Zentrum haben und die Menschen eher als Ornament der Masse denn als Individuen erscheinen, so ist doch jede Physiognomie gestochen scharf erkennbar.
Eine Masse Kreativität
Auch wenn Gursky stets betont, seine Sichtweise sei "neutral", sind politische Implikationen und Fragen nach gesellschaftlichen Zusammenhängen in seinen Arbeiten offensichtlich: Er fotografiert Orte der Massenproduktion wie eine Fertigungshalle von Siemens oder Korbflechter in Vietnam. Er zeigt Mülldeponien, Bürowaben und die Interieurs gleichförmiger Designerboutiquen.
Besonders deutlich wird das in einem der hinteren Räume, von den Ausstellungsmachern intern "Dirty Room" genannt: Dort thematisiert Gursky Aspekte des Fleisches - in der Massentierhaltung und im Massentourismus. Gegenüber dem Foto eines Rinderzuchtbetriebes hängt beziehungsvoll "Rimini", eine Luftaufnahme der kilometerlangen Strände des italienischen Touristenortes - inklusive streng nebeneinander gereihter Sonnenschirme und winzig kleiner Menschenkörper in Badekluft. Als Klammer dient sowohl die Nahaufnahme einer Badematte in einem Düsseldorfer Schwimmbad als auch "99 cent", Gurskys Idealversion eines mit Billigprodukten vollgestopften Supermarktes.
Während die Perspektive in seinen frühen Werken noch nachvollziehbar und klar erkennbar war, nimmt Gursky in seinen neueren Arbeiten immer exklusivere, unwahrscheinlichere Standpunkte ein. Erscheint etwa in "Angler" von 1989 die Natur übermächtig im Vordergrund, während die von Menschen gebaute Brücke im Hintergrund fast verschwindet, stehen in Gurskys jüngsten Aufnahmen einer Autorennstrecke in Bahrain oder von kommunistischen Massenspektakeln in Nordkorea jeder Quadratzentimeter der Bildfläche gleichberechtigt nebeneinander.
Die Welt ist nicht genug
Den Blickwinkel, den der Fotograf hier einnimmt, kann es eigentlich nicht geben. Doch hat sich Gursky längst von der konventionellen Rolle des Beobachters verabschiedet. Er will mehr: Er will Sinnstifter sein und Welterklärer. Dank seiner Bekanntheit kommt er inzwischen an Orte, die Normalsterbliche niemals zu Gesicht bekommen würden. Er fährt ins abgeschottete Nordkorea, darf Formel-Eins-Rennen in Monaco aus nächster Nähe fotografieren und erhält Zugang zu einem unterirdischen Neutrino-Tank in Japan.
Die Bilder, die er aus diesen so unbekannten wie spannenden Plätzen mitbringt, sind spektakulär. Zwar ist nichts so, wie es ursprünglich aussah, aber das macht ihren unwiderstehlichen Reiz aus. Gursky puzzelt aus Hunderten von Aufnahmen ein neues Bild zusammen, eliminiert störende Details, addiert Teile, die er im Internet gefunden hat, und formt so eine eigene Welt nach seinem Geschmack. Die schiere Größe der Arbeiten, das muss man akzeptieren, ist Bestandteil des Konzepts.
Bei den beeindruckenden Boxenstopp-Bildern bekommt das sogar eine religiöse Dimension: Während sich behelmte Mechaniker, die von göttlichem Licht übergossen scheinen, um das Rennauto kümmern, drücken sich dickliche, schlecht gekleidete Zuschauer die Nasen an einer Trennscheibe platt. Die Menschen beten ihre Gottheit an, die das Allerheiligste unserer Zeit darstellt: die Maschine.