Hamburger Kunsthalle: Nolde in Ekstase - DER SPIEGEL
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Hamburger Kunsthalle Nolde in Ekstase

Erotisches verquickt mit Religiösem: Emil Noldes umstrittenste Bilder sind jetzt in der Hamburger Kunsthalle zu sehen. Statt Blumen und Gärten hat der Künstler in dieser Werkreihe ekstatische Tänzer, grimmige Jünger und einen eckigen Christus gemalt.
Von Gabriele Himmelmann
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"Legende, Vision, Ekstase. Die religiösen Bilder": Unter diesem Titel präsentiert die Hamburger Kunsthalle bis zum 18. Februar 2001 Emil Noldes umstrittenste Werkreihe, die er um 1909 begonnen hat. In diesen Arbeiten setzt sich der Maler immer wieder mit biblischen Motiven auseinander und versucht sich an einer glaubwürdigen und zeitgemäßen Deutung der alten Stoffe. Die Werke sind übersichtlich in drei Komplexe gegliedert: Der Einzelne und die anderen; ekstatische Momente; Konfliktsituationen. Es werden insgesamt 84 Bilder, Aquarelle und Graphiken gezeigt, nicht durchgängig qualitätsvoll, aber mit einigen Highlights.

Eigentlich ist der Künstler vor allem bekannt und beliebt durch eher harmlose, bunt glühende Malereien von Gärten und Blumen - das ländliche Idyll als Gegenentwurf zum lasterhaften Großstadtleben. An seine religiösen Bildern jedoch scheiden sich die Geister. Er nutzt zu einer neuen, psychologischen Pointierung der alten Geschichten die künstlerischen Mittel des Expressionismus. Er schreibt: "Es ist wohl mein Verlangen nach menschlich-geistig-seelischer Darstellung, das mich zum Malen biblisch-religiöser Bilder brachte." So findet Nolde in den biblischen Motiven zeitunabhängige Konflikte; er erzählt Geschichten von Liebe und Hass, von Freundschaft und Verrat. Sein wichtigstes Ausdrucksmittel ist die Farbe mit ihrer emotionale Wirkweise. Er zeigt beispielsweise in seinem Bild "Lasset die Kindlein zu mir kommen" (1910) die abweisenden Jünger in kalten Tönen, die jubelnden Kinder dagegen hell und leuchtend. Christus selbst, der die Kinder freundlich empfängt, ist in warmen Farbtönen dargestellt. Gegensätzliche Gefühle werden so unmittelbar erfahrbar. Auch in dem neunteiligen Polyptichon zum Leben Christi (1912) vermittelt sich das Martyrium am Kreuz über dramatische Farbkontraste und eckige Formen.

Darüber hinaus hat sich Nolde immer wieder mit dem Tanz - vor allem mit dem zeitgenössischen Ausdruckstanz - beschäftigt. Bei einer Südseereise 1913 hat er zudem kultische Tänze auf Java und in Birma entdeckt, die ihn in ihrer spezifischen Ausdrucksdimension fasziniert haben. Im entfesselten Tanz, "jenseits von Verstand und Wissen", sagte Nolde einmal, sehe er das Moment des Ekstatischen und des Kontrollverlustes als eine Möglichkeit, unmittelbar mit der Gottheit zu kommunizieren. Erotisches und Religiöses verschränken sich in diesen Bildern, die in der Ausstellung zahlreich zu finden sind, zu einer Einheit. Die "Kerzentänzerinnen" (1912) beispielsweise erscheinen vor glühendroten Hintergrund und tanzen sinnlich und zügellos um die brennenden Kerzen.

Nolde unternimmt in diesen Bildern den Versuch, über die farbige Anlage, die entrückten Gesten und die Komposition religiöse Erfahrungen außerhalb der Kirchen vorzuführen. Er beschreibt selbst, dass seine eigene Religiosität vor allem auf Kindheitserfahrungen basiert. Der Kunstkritiker Paul Westheim 1927: "So ist Nolde vor allem der religiöse Maler. Ein Künstlermensch, der das Religiöse ganz neu erlebt, nicht als Überkommenes und Überliefertes, sondern als persönliche Offenbarung." Aus dieser - allerdings zeittypischen - Subjektivität heraus entwickelt der Künstler sein religiöses Verständnis. Nolde hat von sich selbst ein Bild als Künstler entworfen, der wie in Trance malt und dem Ergebnis überrascht gegenübersteht. Die Ausstellung in der Hamburger Kunsthalle zeigt jedoch, wie kalkuliert Nolde seine künstlerischen Mittel einsetzt, und dass er auch mit den theoretischen Entwürfen seiner Zeit vertraut gewesen ist.

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