Koch-Tipp Licence To Grill
Nichts war in diesem Regensommer so riskant, wie Freunde zum Grillen einzuladen. Weil es auch beim dritten Versuch wieder die Würstchen vollnieselte und auch die Besucher nie ihre Taucheranzüge mitbrachten, endeten die Abende meist mit überwürzten Spontanpfannengerichten.
Ehehistorisch betrachtet, ist Grillen ja einer der seltenen Momente der alltäglichen Essenszubereitung, bei denen sich der Mann mit aller ihm anheimen physischen Durchsetzungskraft vordrängelt.
Er, der er ja die Küche sonst nur zum Bierholen betritt, glaubt felsenfest, es bräuchte nur etwas Fleisch und Glühkohle und schon sind ihm kulinarische Höhenflüge garantiert.
Der Absturz ist so unausweichlich wie erbärmlich: Das Massentierstall-"Holzfällersteak" schnorrt zu einem trockenen Klumpen fader Fasern zusammen, der Zucker in der Billigmarinade verbrennt in den Fett-Flammen zu jenem bitter-schwarzen Panzer, den Tim Mälzer als "Röstaroma" lobt.
Im schlimmsten Fall kommt Gepökeltes mit Öl mariniert auf den Grill dann siedet die Hitze das Nitritpökelsalz zu Nitrosaminen; Fleischsaft und Fett zerzischeln in der Glut zu polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffen (PAK). Beides ist ungefähr so krebserregend wie noch heiße Zigarettenasche, die man sich durch den gerollten Fuffziger in die Nase zieht.
Deshalb kommt uns auch keine arme Sau auf den Lavastein-Gasgrill, sondern ein zügig gegartes Entrecote (außen leicht knusprig, innen zart rosa), ungesottene grobe Bratwürste vom Schlachter des Vertrauens oder ein saftiges Lachs-Steak im Zitronenbett (siehe Rezept), bei dem der Zitronensaft ganz langsam die Gewürzaromen in die Tiefen des Fisches transportiert. (Weitere gute Grilltipps gibt's auch bei der "German Barbecue Association e. V." unter http://www.gbaev.de ).
Was aber tun, wenn der Schlachter Feierabend hat, kein Lachs im Eisfach wartet und einem im Supermarkt spontan die Lust auf eine Grillwurst überkommt? Letzte Woche machte ich diesen Selbstversuch. Die Regale waren kurz nach 20 Uhr leergeräubert bis auf eine verschweißte Packung kleiner Rostbratwürstchen "Nürnberger Art". Als kleines Schreiberwürstchen mit fränkischer Herkunft durchströmte mich sofort eine warme Welle längst überwunden geglaubter Heimeligkeit. Home is where my Bratwurst beats.
Sofort warf ich den BBQ an und legte die Würstchen in eine Alu-Grillschale. Sollen ja nicht verbrennen, sondern schonend rösten. Nach kurzer Zeit bemerkte ich eine seltsame Veränderung. Die Würstchen wurden größer und größer, bliesen sich regelrecht auf. Zunächst konnte ich ihnen das nicht wirklich verübeln. Wenn es heiß hergeht, neige ja auch ich selbst mal dazu, mich ein wenig aufzublasen.
Kopfschüttelnd trug ich die auf dreifache Größe geschwollenen Nürnberger zum Tisch. Doch schon Sekunden später schrumpften die armen Würstchen zusammen, innen verblieb ein verbackener Fleischbrätrest, außen eine vertrocknete Hülle, dazwischen warme Luft. Senf, Ketchup, Remoulade, nichts half. Die Dinger waren nicht runterzukriegen.
"Extra zart ohne Darm" vielleicht hätte ich diesen Hinweis auf der Wurstverpackung als satanischen Fingerzeig deuten sollen. Rückwärts gelesen heißt das nämlich: "Pimp Your Bratwurst jetzt mit 35 Prozent mehr Volumen!"
Rezept für Lachsfilet im Zitronenbett (für 4 Personen):
Zutaten: Pro Person 1 Wildlachsfilet (kann auch TK-Ware sein, aber aus Freifang oder aus Bio-Zucht) vorsichtig waschen und trocken tupfen. 3 Bio-Zitronen in feine Scheiben schneiden. Je 1 Stück Alufolie (30 cm breit) mittig mit 4 bis 5 Zitronenscheiben belegen, darauf das Filet betten.
Zubereitung: Fisch von oben mit 1/2 Tl nicht zu feinem Zitronenpfeffer und 1 Msp australischer Zitronenmyrte (http://www.all-australian.com ersatzweise 3 Msp gemahlene Kaffir-Limettenblätter aus dem Asialaden) würzen. 1 Zweig frischen Rosmarin auf den Fisch legen, alles mit 4 Zitronenscheiben bedecken. Zitronen mit 1 TL Hibiskus-Meersalz bestreuen (http://www.gustomundial.com ; ersatzweise Fleur De Sel, aber keinesfalls anderweitig aromatisiertes Salz wie z.B. Kräutersalz!) und mit 1 EL leichtem Olivenöl (idealerweise aus dem Raum Gardasee) beträufeln.
Alufolie zunächst von den Schmalseiten her über den Fisch stülpen, dann die breiten Seiten zu einer Art Henkel zusammendrücken daran kann das Fischpaket später mit einer Grillzange umhergehoben werden. Fisch auf dem vorgeheizten Grill 15 Minuten dünsten, weitere 5 Minuten bei leicht geöffnetem Alupäckchen (gelingt bei Schlechtwetter auch im 220 Grad heißen Backofen mit Umluft).
Zubereitungszeit: 30 Minuten inkl. Garzeit
Interessante Variante für Fenchel-Freunde: Lachs auf dünne Fenchelscheiben betten (statt der Zitrone), Zitronenmyrte weglassen, dafür Fenchelkraut an Stelle des Rosmarins benutzen und die oberen Zitronenscheiben mit neutralem Salz und 1/2 TL zerstoßener Fenchelsaat bestreuen.
Dazu passt ein leichter Salat aus Kopfsalatherzen mit dünnen Radieschenscheiben in Dill/Zitronen/Olivenöl-Vinaigrette.
Getränketipp: ein kräftiger, nicht zu mineralischer Weißwein (z.B. südafrikanischer Chardonnay).