Lessingtage Hamburg: Exklusives Trostpflaster - DER SPIEGEL
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Lessingtage Hamburg Exklusives Trostpflaster

Stephan Kimmig, Claus Peymann, Karin Beier, Roland Schimmelpfennig, Rimini Protokoll: Ein neues Kulturfestival punktet mit großen Theaternamen. Und mit einem großen Motto: Es geht "um alles in der Welt".
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Man könnte meinen, die gesamte Berliner Theaterszene kehre der Hauptstadt den Rücken - und wandere für zwei Wochen nach Hamburg aus: Zwischen dem 24. Januar und dem 7. Februar gibt es dort Gastspiele vom Deutschen Theater Berlin, dem Berliner Ensemble, der Schaubühne Berlin, dem Hebbel am Ufer und dem Ballhaus Naunynstraße, alle weggelockt von einem neuen Kulturfestival, den ersten Lessingtagen des Thalia Theaters.

Und das ist mehr als gerecht, denn immerhin hat Ex-Intendant Ulrich Khuon die gefeierten Autorentheatertage aus Hamburg entführt - und mit an seine neue Wirkungsstätte genommen, das Deutsche Theater Berlin. Die Lessingtage, so kann man das also sehen, sind ein opulentes Trostpflaster. Und mehr noch ein Einstandsgeschenk. Mit ihm macht der neue Intendant Joachim Lux in der Stadt auf sich aufmerksam: Schaut her, auch ich hab euch was zu bieten!

Lessing

"Um alles in der Welt" ist der Titel des Festivals, das sich mit Fragen der kulturellen Identität beschäftigt, mit fremden Lebensweisen und Religionen, mit Einwanderung und Weltbürgertum - einem Themenkreis, der schon vor 200 Jahren umgetrieben hat, zum Beispiel in der berühmten Ringparabel seines Ideendramas "Nathan der Weise".

Wiedersehen mit zwei alten Thalia-Stars

Die Schaubühne kommt mit "Dritte Generation" nach Hamburg, einem Projekt deutscher, israelischer und palästinensischer Schauspieler, das Ballhaus Naunynstraße mit "Ferienlager - Die dritte Generation", einem Projekt mit deutsch-türkischen Jugendlichen, und das Hebbel am Ufer mit "Black Tie", einer der neuesten Dokumentartheater-Streiche des noch immer mächtig angesagten Regie-Kollektivs Rimini Protokoll. Ihre sogenannte Expertin des Alltags ist dieses Mal Miriam Yung Min Stein, die in Südkorea geboren und von einer deutschen Familie adoptiert wurde.

Nicolas Stemann

Elfriede Jelinek

Das Berliner Ensemble schickt Claus Peymanns einige Jahre alte Inszenierung von Lessings "Nathan der Weise", die sich während des Festivals nun mit der Thalia-Version von messen darf, der den Klassiker mit s Sekundärdrama "Abraumhalde" kurzgeschlossen hat. Das Deutsche Theater schließlich ist vertreten mit "7 % Hamlet", einem Projekt von Monika Gintersdorfer und Knut Klaßen mit dem ivorischen Tänzer und Choreografen Franck Edmond Yao, die den Hamburgern von mehreren beeindruckenden Arbeiten auf Kampnagel bekannt sind.

Vor allem jedoch zeigt die Hauptstadtbühne in Hamburg die Uraufführungsinszenierung des Gier- und Globalisierungsstückes "Öl", die für ein Wiedersehen mit zwei alten Thalia-Stars sorgt: Regisseur Stephan Kimmig und Schauspielerin Susanne Wolff. Neben Wolff, die einen eher kleinen Auftritt hat, brillieren Nina Hoss und Margit Bendokat.

Mehr als 40 Veranstaltungen gibt es insgesamt, darunter Theatergastspiele aus weiteren Städten: Vom Wiener Burgtheater kommt "Der goldene Drache", ein Stück von Roland Schimmelpfennig über die Ausbeutung von Migranten in einem Asia-Schnellrestaurant, vom Schauspiel Köln eine Inszenierung von Franz Grillparzers Antiken-Trilogie "Das goldene Vlies", mit Maria Schrader und Manfred Zapatka, für die die Regisseurin Karin Beier den Faust-Theaterpreis 2009 bekommen hat. Und aus New York gibt es "The Shipment", ein Projekt der Korea-Amerikanerin Young Jean-Lee zu den Stereotypen der Selbst- und Fremdwahrnehmung von Afroamerikanern. Darüber hinaus finden Stadtführungen, Lesungen und Konzerte statt, unter anderem von der Indiepop-Band "Die Sterne" um Sänger Frank Spilker.

Ilja Trojanow

Den Auftakt des Festivals bildet am 24. Januar eine Rede des kosmopolitischen Autors zum Thema "Weltbürgertum heute", den Schlusspunkt setzt am 7. Februar die Verleihung des Lessing-Preises der Stadt Hamburg an den Publizisten Klaus Harpprecht. Bislang wurde der Preis stets im Rathaus vergeben, nun hat sich das Thalia-Theater die Zeremonie gesichert. Und so rechnen sich die Lessingtage für die Bühne und ihren neuen Intendanten noch mehr - im innerstädtischen Wettstreit um Aufmerksamkeit.


Lessingtage. 24. Januar bis 7. Februar, Thalia Theater Hamburg, eine Programmübersicht finden Sie hier , das komplette Programmheft hier , Kartentel. 040/32 81 44 44.