Londons neue Skyline: Gürkchen kriegt Gesellschaft - DER SPIEGEL
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Londons neue Skyline: Gürkchen kriegt Gesellschaft

Foto: Miller Hare Limited

Londons neue Skyline Gürkchen kriegt Gesellschaft

Neues Geld, neue Wolkenkratzer: Kaum hat sich London von der Finanzkrise erholt, wird in den Himmel gebaut. In den kommenden Jahren schießen gleich fünf futuristische Giganten in die Höhe - sie werden die berühmte Silhouette der britischen Hauptstadt für immer verändern.
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Nicht alle mögen den Turm, der den furchterregenden Namen "Glassplitter" trägt. Am Südufer der Themse wächst er empor, aus den engen Gassen an der London Bridge ragt ein schmutziggrauer Betonkern, um den sich Stock für Stock eine schimmernde Glashülle schließt. Die Konstruktion erinnere ihn an den Film "Blade Runner", schimpfte der Publizist David Shariadmadari im "Guardian". Sie sei in dem alten Viertel komplett fehl am Platz.

Mit 306 Metern wird der "Shard" nach der Fertigstellung 2012 das höchste Gebäude Londons sein. Und es ist nur einer von fünf neuen Wolkenkratzern, die in den kommenden Jahren das Stadtbild an der Themse revolutionieren werden. Zwischen Big Ben und Tower Bridge setzen dann futuristische Giganten mit Namen wie "cheese grater" ("Käsereibe") und "Walkie Talkie" die Akzente.

Vier der fünf Türme stehen in der City, dem ältesten Bezirk Londons und dem Zentrum der Finanzbranche. Internationale Stararchitekten wie Renzo Piano, Richard Rogers und Rafael Vinoly dürfen sich nun hier verewigen, nachdem der Widerstand von Nostalgikern wie der Organisation English Heritage und Prinz Charles überwunden wurde.

Londons Skyline ist bislang im Vergleich mit anderen Weltstädten eher mickrig. Die Höhenbegrenzung rund um St. Paul's Cathedral, in Kraft seit 1938, hat den Drang nach oben jahrzehntelang erfolgreich gebremst. Die Sichtachsen auf den Dom werden von Denkmalschützern verbissen verteidigt. "Als konservatives, traditionelles Volk halten die Briten Wolkenkratzer für ein amerikanisches Phänomen", kommentierte der Bauherr des neuen Heron Towers, Gerald Ronson, in seiner Autobiografie.

Retortenviertel ohne lästige Höhenbegrenzung

Die Aufweichung der strikten Regeln begann jedoch vor dreißig Jahren, als der 183 Meter hohe Turm der NatWest-Bank in der City errichtet wurde. Es war Londons erster Wolkenkratzer. Der zweite folgte zehn Jahre später - etliche Kilometer weiter östlich im neuen Bankenviertel Canary Wharf in den Docklands. One Canada Square wurde mit 235 Metern zum höchsten Gebäude des Landes.

Erst die rasante Entwicklung in den früheren Hafenanlagen brachte die konservativen Planer im Stadtkern zum Umdenken. Canary Wharf wuchs zur ernsthaften Konkurrenz der City heran: Das Retortenviertel ohne lästige Höhenbegrenzung bot den Banken den Platz, den sie für ihre Trading-Floors brauchten.

Um einen weiteren Exodus der Banker zu verhindern, gab die Corporation of London, die in der City das Sagen hat, zunehmend der Wolkenkratzer-Lobby nach. Es half, dass der frühere Londoner Bürgermeister Ken Livingstone ein Fan moderner Architektur war. Das Riesenrad London Eye und der Millennium Dome entstanden unter seiner Ägide. Die Architekten durften sich nun auch in Sichtweite von St. Paul's austoben. Norman Foster machte 2004 den Anfang: Er errichtete das avantgardistische Gebäude der Schweizer Rückversicherung Swiss Re, was seiner elliptischen Form wegen "Gherkin" ("Gürkchen") genannt wird.

Dieses Jahr kam der Heron Tower hinzu, ein 246 Meter hoher, eher traditioneller Wolkenkratzer von Lee Polisano. Er hat gläserne Panorama-Aufzüge und eine öffentlich zugängliche Sky Bar in 175 Meter Höhe. Am Inneren wird noch gearbeitet.

Bis 2012 wird er das höchste Gebäude der Stadt sein. Dann sollen die nächsten beiden Riesen fertig werden: Das "Pinnacle", ebenfalls von Polisano, mit 288 Metern noch ein Stück höher, und Renzo Pianos "Shard", mit über 300 Metern der unangefochtene Spitzenreiter. Letzterer steht allerdings nicht in der City, sondern isoliert am gegenüber liegenden Themse-Ufer.

Schon steigen die Mieten wieder sprunghaft

2014 folgt das 235 Meter hohe Leadenhall Building, in den Medien auch "Käsereibe" genannt. Es wurde von Richard Rogers entworfen, der 1985 bereits mit dem Lloyd's-Gebäude einen Hingucker in der City gebaut hat.

Ebenfalls 2014 soll das 160 Meter hohe "Walkie Talkie" von Rafael Vinoly das Ensemble komplettieren. Es wird näher an der Themse stehen als Heron Tower und "Pinnacle" und daher trotz seiner geringeren Höhe einen prominenteren Platz in der Skyline einnehmen.

Bereits fertig ist das erste Londoner Bauwerk des französischen Architekten Jean Nouvel: Das Einkaufszentrum "One New Change" ist kein Wolkenkratzer, aber auch Ausdruck des neuen Baubooms. Es grenzt unmittelbar an St. Paul's an und stellte daher eine besondere Herausforderung dar. Im Bemühen, unter den Sichtachsen zu bleiben, konstruierte Nouvel einen "Stealth Bomber", wie er sagt. Tatsächlich erinnert die Mall in Form und Fassade an ein gestrandetes Tarnflugzeug.

Die plötzliche Bau-Explosion in der City hat wirtschaftliche Gründe: Die Finanzkrise ist vorbei, und die auf Eis gelegten Immobilienprojekte werden wieder aus den Schubladen geholt. Die Zukunft des Londoner Finanzzentrums erscheint deutlich rosiger als noch vor zwei Jahren. Die Nachfrage nach Büroraum zieht an, allein in diesem Jahr sind die Mieten bereits um 25 Prozent gestiegen.

Von einem Manhattan an der Themse könne jedoch keine Rede sein, sagt der Chefplaner der City, Peter Rees. Es handele sich nur um eine Handvoll Gebäude, und keines überschreite die 300 Meter. Auch liegen ihm über die laufenden Bauvorhaben hinaus keine weiteren Anträge auf Wolkenkratzer vor.

Londoner und Touristen haben also erstmal einige Jahre Zeit, die neue Skyline zu verdauen - und die ungewohnten Ausblicke von einer der Sky Bars zu genießen.