"Luci d'Artista": Leuchtzeichen im Nebel - DER SPIEGEL
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"Luci d'Artista" Leuchtzeichen im Nebel

Statt schnöder Weihnachtsbeleuchtung lieber Lichtkunst vom Feinsten: Das norditalienische Turin präsentiert bereits im neunten Jahr "Luci d'Artista", bei dem namhafte Künstler die Stadt in einem ganz anderen Licht erstrahlen lassen.
Von Heiko Klaas und Heiko Klaas
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Sie wird von Jahr zu Jahr früher installiert. Sie kommt immer bunter, aufdringlicher und kommerzieller daher. Und selbst in Zeiten knapper Kassen geben deutsche Städte, Warenhauskonzerne, Einkaufszentren und Privatleute Unsummen für sie aus. Die Rede ist von der Weihnachtsbeleuchtung, die zurzeit fast jede Innenstadt in ein flammendes Inferno hektisch aufblinkender Sterne, bunt geschmückter Fensterrahmen und grell illuminierter Lichtschlangen verwandelt. Ein Blick in den Katalog eines Leuchtmittellieferanten offenbart das ästhetische Elend penetrant flimmernder Lichteffekte: Da gibt es TÜV-geprüfte Schlittenleuchtelemente, die 8-Funktionen-Schneeflocke mit Lauflicht, das äsende Reh mit 3D-Effekt und andere "Joy-Lights" in Hülle und Fülle.

Nicht so in Turin. Die norditalienische Industrie- und Kunstmetropole überlässt bereits seit neun Jahren die alljährliche Illumination ihrer Straßen und Plätze lieber namhaften internationalen und italienischen Künstlern. Unter dem Label "Luci d’Artista" hat die Stadt Turin auch 2006 wieder 22 Künstler eingeladen, für einen etwas anderen Lichterglanz zu sorgen.

Statt kitschiger Rentierschlitten oder blinkender Rauschgoldengel gibt es etwa eine Arbeit des in Berlin lebenden dänischen Installationskünstlers Jeppe Hein, 32. Seine "Illuminated Benches" befinden sich mitten auf der Piazza Vittorio Veneto, einem der großen zentralen Plätze der Stadt. Seine Kunst ist niemals bloß zum Schauen da, sie funktioniert immer nur in spielerischer Interaktion mit dem Publikum. So auch in Turin: Wenn man auf einer der fünf in Hufeisenform aufgestellten Bänke Platz nimmt, so löst man ein unter der Bank montiertes, farbiges Neonlicht aus. Die modernistisch strengen Bänke werden so zu geheimnisvoll leuchtenden Lichtskulpturen. Besonders apart wirkt das Ganze im Zusammenspiel mit dem allabendlich vom nahen Po aufsteigenden Nebel.

Giulio Paolini, 66, Mitbegründer der Arte Povera in Turin, hat die arkadengesäumte, prachtvolle Einkaufsstraße Via Po in ein kilometerlanges, poetisches Lichtermeer aus Planeten, Sternen, Halbmonden und Umlaufbahnen verwandelt. Über allem balanciert ein eleganter Seiltänzer auf einem Lichterrad. Für Paolini eine metaphorische Figur, die die Verunsicherung des Menschen in einer Welt zwischen naturwissenschaftlichen Gewissheiten und übersinnlichen Phänomen verkörpern soll.

Neonröhren wie Heiligenscheine

Ebenfalls aus Turin stammt auch Luca Pannoli, 37. Der Architekt und Designer hat sich die im Stadtraum vorhandenen Verkehrs- und Hinweiszeichen vorgenommen und diese einem konsequenten Re-Design unterzogen. Aus öden Parkverbotsschildern werden bunte Spiralen in Rot und Blau. Einbahnstraßenschilder mutieren zu frechen Smileys. Und das in Italien allgegenwärtige "Tabacchi"-Schild, ein Leuchtkasten mit weißem "T" auf blauem Grund, steht plötzlich für Toleranz statt für Rauchwaren.

Eine der sicherlich poetischsten Arbeiten stammt von der 1944 geborenen, deutschen Installationskünstlerin Rebecca Horn. Horn verwandelt die auf einem Hügel über der Stadt gelegene Kirche Santa Maria del Monte dei Cappuccini in eine Art Fliegende Untertasse. Die streng gegliederte Architektur wird mit blauen Neonlampen in surreales Licht getaucht, und kleine kreisförmige Neonröhren schweben wie Heiligenscheine um die Kirche herum. Auch hier sorgen die in Turin vertrauten Nebelschwaden für zusätzliche Aufladung.

Die meisten der Arbeiten sind den Turinern bereits aus den Vorjahren bekannt, jedoch werden sie in einer Art Rotationssystem immer wieder an anderen Orten präsentiert. Jedes Jahr kommen jedoch auch neue Arbeiten hinzu. So platziert der lokale Künstler und Bühnenbildner Richi Ferrero, 55, seinen blau beleuchteten Baukran "Lucedotto" diesmal auf einer zentral gelegenen Verkehrsinsel. Eine dreieckige, leuchtende Pyramide hängt kopfüber von dem stählernen Ungetüm herab und verkündet das Wetter des nächsten Tages. Blau bedeutet freundlich, und Rot steht für schlechtes Wetter. Ein Baukran als überdimensioniertes Barometer: Hier steht offenbar eher der praktische Nutzen im Vordergrund.

Stiller Wald in der Einkaufsstraße

Überzeugender ist da sicherlich die Arbeit "Amare le differenze" des 73jährigen Arte Povera-Künstlers Michelangelo Pistoletto. Die altehrwürdigen Markthallen an der Porta Palazzo beherbergen jeden Morgen nicht nur Europas größten Lebensmittelmarkt, sondern auch ein buntes Völkergemisch aus Europäern, Asiaten und Afrikanern. In 40 verschiedenen Sprachen und Schriften ruft Pistoletto dazu auf, den kleinen Unterschieden zwischen den Kulturen mit Liebe und Toleranz zu begegnen. Völkerverständigung mit poetischer Leichtigkeit.

Der für seinen fröhlich-optimistischen Malstil bekannte Turiner Künstler Nicola de Maria, 52, bestückt auf der zentralen Piazza Carlo Emanuele II eine vielarmige Straßenlaterne mit bunten Farbfiltern und umspinnt das Ganze mit einem Geflecht aus intensiv-farbigen Lichtschläuchen. Der ebenfalls in Turin lebende, 58jährige Luigi Mainolfi hat die belebte Fußgängerzone Via Garibaldi in eine begehbare Erzählung aus bunten Schriftbändern verwandelt. Wer dem Erzählstrang von Anfang bis Ende folgt, wird - welch ein Kontrast - inmitten des weihnachtlichen Einkaufstrubels in eine märchenhafte Handlung hineingezogen, die in der Stille eines Waldes angesiedelt ist.

Der amerikanische Konzeptkunstpionier Joseph Kosuth, 61, wiederum, hat an den alten Kaimauern des Flusses Po zwei Neoninstallationen angebracht. Zitate aus Italo Calvinos Roman "Die unsichtbaren Städte" und aus Friedrich Nietzsches "Also sprach Zarathustra" regen zum Nachdenken über das Verhältnis zwischen dem Individuum und den großen Städten an. Calvino und Nietzsche sind nicht zufällig gewählt: Beide haben längere Zeit in Turin verbracht - von Kosuth werden sie im postumen Dialog miteinander vereint. Postmoderne trifft Nihilismus.

Fliegender Teppich aus Lichtern

An der intimen Piazza Palazzo di Città hat der Pariser Daniel Buren, 68, seinen "Tapetto volante", eine Art fliegenden Teppich aus roten, blauen und weißen Minilaternen, ausgebreitet. Momente wie aus 1001 Nacht: Im winterlichen Turiner Nebel vermischen sich die Eindrücke. Und wenn sich dann die Nacht auf die sich allmählich leerende Stadt herabsenkt, kann es passieren, dass man jene "seltsame und tiefe, unendlich geheimnisvolle und einsame Poesie" der vereinsamten italienischen Plätze spürt, die Nietzsche in seinen Turiner Briefen beschrieben hat, und die Giorgio de Chirico in seinen theatralischen Stadtpanoramen malerisch verdichtete.

Doch insgesamt Hunderttausende Glühbirnen, Leuchtdioden und Neonzeichen rufen natürlich auch Kritiker auf den Plan. Die lichtscheuen Gesellen von "Cielobuio", der italienischen Vereinigung zur Erhaltung des dunklen Nachthimmels, jedenfalls können dem artistischen Lichtspektakel gar nichts abgewinnen und haben dazu aufgerufen, die Lichtschalter auszuknipsen und das Ganze zu boykottieren.


"Luci d'Artista"  , bis zum 27. Januar 2007 in der Innenstadt Turins.

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