Ostermeier-Premiere in Berlin Mach mal halblang, Schätzchen
"Brick, du weißt schon, ich hab doch heute meinen Eisprung", klärt die fortpflanzungswillige Maggie ihren wortkargen Alkoholiker-Gatten auf. Leider nützt es ihr wenig, dass sie dabei mit transparentem BH und wiederholter akrobatischer Offenlegung des Schlüpfers unterm kleinen Pinkfarbenen auf teuren Sitzgruppen herumturnt. Der Gatte interessiert sich nämlich überhaupt nicht für Eisprünge (und schon gar nicht für die seiner Frau), sondern grantelt über dem schätzungsweise siebzehnten Whiskey des Tages zurück, sie solle sich endlich einen Liebhaber nehmen. Dann fällt der Gattenmund für lange Zeit wieder zu: Der große Schweiger im Feinrippunterhemd - ein abgehalfterer Ex-Sportler lässt lieber sein Pokerface, seine metaphorisch aufgeladene Krücke und seinen Gipsfuß auf uns wirken, den er sich nachts in einem trunkenen Hürdenlauf vor leerem Stadion zugezogen hat.
Und so geht es zweieinhalb Stunden lang unlustig weiter mit dem Ehedilemma in Thomas Ostermeiers Inszenierung von "Die Katze auf dem heißen Blechdach": Man beglückt den Partner und das Publikum mit Sätzen à la "Ich habe eine Menge nachgedacht", untermalt dieses bahnbrechende Bekenntnis mit atmosphärisch passender Musik und müht sich auch sonst nach Kräften, so zu tun, als sei man geradewegs aus einem amerikanischen Zelluloid-Fabrikat gefallen. Nur leider nicht mal ansatzweise aus Richard Brooks' 1958 entstandenem Filmklassiker nach dem Tennessee-Williams-Stück, wo Liz Taylor und Paul Newman unter ihren schockgefrosteten Krisendialogen allerlei Emotionen brodeln lassen und jeder Gesichtsausdruck mindestens sieben Geschichten erzählt. Bei Ostermeier fällt man eher aus einem wohlfeilen TV-Movie, wo jeder Geste genau eine klar entschlüsselbare psychologische Motivation zugeordnet ist und man als Zuschauer dem Personal am liebsten aufmunternd auf die Schulter klopfen würde: Mach mal halblang, Schätzchen, andere haben wirkliche Probleme!
Im Obergeschoss des schicken Glashauses, das Bühnenbildner Jan Pappelbaum der Meisterarchitekt für die bewährten Ostermeierschen Besserverdiener-Familienfassaden - hinter die Schlüpferperformance-Sitzgruppe gebaut hat, hockt ein echter Raubvogel. Und in der Tat: Würde man nicht von diesem Tier gewissermaßen mit pädagogisch erhobener Kralle abendfüllend darauf gestoßen, käme man nicht unbedingt auf die Idee, dass sich hier emotional bis ins Blut schneidende Familientragödien abspielen. Denn Ostermeier macht aus der Geburtagsparty von Bricks "Big Daddy", zu der das Dramenpersonal sich hier zusammenfindet, einen durchschlagenden Langweiler was man angesichts des üppigen Konfliktpotenzials, das Tennessee Williams auffährt, erst mal hinkriegen muss!
Passabler Sprungbeinfitnessgrad
Brick trägt, erstens, einen Schuldkomplex am Selbstmord seines besten Freundes mit sich herum, welcher, zweitens, schwule Neigungen hegte, und schläft deshalb, drittens, nicht mehr mit seiner Frau. Die will, viertens, endlich ein Kind, während Bricks Bruder Gooper, fünftens, bereits mitsamt seiner gebärfreudigen Gattin nach dem Familienerbe giert. Denn Big Daddy wird, sechstens, bald an Krebs sterben, was man ihm, siebtens, nach der allgegenwärtigen Familienlügenlogik verschweigen will.
Bei Ostermeier bleiben diese unterschwellig pulsierenden Verletzungen pure Behauptung: Mark Waschke als Brick wirft zwar gern mit seiner Krücke, demonstriert dabei ein ansehnliches Oberarmmuskelspiel und anschließend einbeinig übers Szenario hüpfend auch einen passablen Sprungbeinfitnessgrad. Aber in punkto Dramatik zeitigen derartige Ausbrüche vor allem unfreiwillige Komik eine zuverlässige Begleiterin des Abends.
Jule Böwe und Bettina Hoppe mussten selten so nuancenarm agieren wie als Nöl-Tussi Maggie und als dauergewellte Erbschleicherin Mae. Die Versorgungsehe-Gattinnen sind sowieso nur unrühmliches Beiwerk, denn Ostermeier interessiert sich mehr für die Jungskumpelei zwischen Vater und Sohn Brick. So bekommt Josef Bierbichler als Big Daddy zwar wenigstens ein paar Gelegenheiten zu bodenständig-bayrischem Witz und zu einem ironischen Steinmeier-Plädoyer im Falle Murat Kurnaz ("Er hat nichts gewusst und trotzdem gehandelt"). Aber letztlich können weder Bierbichler noch seine renommierte Spielpartnerin Kirsten Dene die legendäre Protagonistin aus besseren, ruhmreichen Peymann-Tagen als komikbegabte Big Mama Grundlegendes ausrichten gegen die schleichende Ermüdung.
Sprich: Dieser Abend eignet sich wahrlich nicht zur Erklärung, warum die amerikanischen Lebenslügenforscher neben Tennessee Williams vor allem Arthur Miller derzeit so en vogue sind auf deutschen Bühnen: Millers 1949 uraufgeführtes Abstiegsdrama "Tod eines Handlungsreisenden" dominiert verkürzt auf die deutsche Hartz-IV-Realität die Spielpläne quer durchs Land. Und von Williams hat man entweder die "Glasmenagerie" oder eben jene 1955 uraufgeführte Katze auf dem heißen Blechdach" im Repertoire. Nun kann man ja durchaus plausible Gründe finden, den grassierenden Selbstbetrug, die gesellschaftliche Depression am Einzelfall und das aktuelle Prekariat mittels amerikanischer dramatischer Seelenforschung zu durchleuchten. Aber man sollte dem Publikum dabei schon irgendwie zeigen, welche.