Schocktheater Kopulation als Subversion
Eugénie ist jung, hatte bisher nur Kuschelsex mit ihrem Freund und sucht einen Job beim Film: Die klassische "Casting-Situation", wie sie schon als Ausgangspunkt für zahllose Pornofilmproduktionen diente. Eugenie muss also lernen, worauf es beim Sex, bei der körperlichen und geistigen Lust ankommt, dass man sehr weit gehen muss, bis an die Grenzen des Erträglichen womöglich - und sogar darüber hinaus. Denn der Mensch kann absolute Lust nur im Schmerz erfahren, so die Devise.
Schöpfer dieser Urkonstellation der sexuellen Grenzerfahrung ist der Marquis de Sade, dessen Traktat "Philosophie im Boudoir" von 1795 sich die spanischen Schockspezialisten der Theatertruppe "La Fura dels Baus" zwecks Modernisierung vorgenommen haben. Ein imposanter Wust an Philosophie und Ideologie, der hier zusammenkommt, doch in der Werkstatt-Atmosphäre der Hamburger "Kampnagel-Fabrik" waren die Katalanen an der richtigen Adresse.
Fließband-Sex aus dem Internet
Spartanische Ausstattung und knappe Kostüme statt opulenter Kulissen, viel Video- und Film-Projektion plus mitunter aufdringlich wabernden Ambient-Sounds bestimmten die Szenerie. Denn schließlich ging es ums Sehen selbst, um das Tatsächliche als bloßer Entwurf, um die Täuschung der Sinne, um Realität und ihre Dekonstruktion. Präsentiert wurde dann aber vor allem eines: hinlänglich bekannte Sex-Artistik.
Die herrische Madame Lula, der diabolische Dolmancé (das Alter-Ego von de Sade), sein Diener Giovanni sowie die junge Eugénie hangeln sich durch die Szenen einer Verführung: ein Vierer ohne Steuermann, denn die Fäden zieht die ältere Domina Lula. (Mit diesem dramaturgischen Kniff versuchte man bei der Pressekonferenz treuherzig, eventuelle Einwände bezüglich der latenten Frauenfeindlichkeit im de Sade-Text zu entkräften.)
Doch für solche Überlegungen bleibt im knapp zweistündigen Zirkus der Lust nur wenig Zeit, denn Eugénie muss schließlich zack zack ihre Erfahrungen sammeln: Kopulieren, Masturbieren, Fellationieren, dazu Schmerz ertragen und zufügen, auch mal zärtlich sein, allein, zu zweit, zu mehreren, was Frauen mutmaßlich eben zu lernen haben im Geschlechterkampf um die scheinbare sexuelle Befreiung.
Dabei operieren die Furas zeitweise nicht ohne Ironie mit künstlichen Penissen, Peepshow-Bühnen und Internet-Fließband-Sex via Webcam. Da werden Sexmaschinen per Teleshopping an- und eine bunt bizarre Palette einiger monströser Abartigkeiten aufgeboten, um der Welt den Spiegel vorzuhalten: Seht, zu welchen Perversionen der Mensch fähig ist, wenn es um seine Lust geht! Das Pathos trivialer Einsicht, auf die Essenz eingedampft - schlüssig, aber schließlich auch schlicht. Sehr schön, setzen, aber das hatten wir schon in der Grundschule der sexuellen Revolution. Außerdem geht es in dieser brutalen Erziehung um mehr.
An den Grenzen des Erträglichen
Der böse Stachel im de Sade, den La Fura dels Baus natürlich kennen, schärfen und zuspitzen wollen, liegt hier: Die Subversion des Verbrechens, des Todes, des radikalen Nonkonformismus braucht Sex als unmittelbarstes Ausdrucksmittel. Konsequent also, wenn für Eugénie die ultimative Probe im Rahmen ihrer éducation sexuelle im orgiastischen Muttermord besteht.
Die symbolische Tötung der Mutter, die ihrerseits schlimmste sexuelle Erniedrigungen zu absolvieren hat, führt den Betrachter nun tatsächlich an die Grenzen des Erträglichen, auch wenn das Ganze nicht mehr auf der Bühne, sondern als künstlich verwackelte Real-Life-Doku in überlebensgroßer Projektion stattfindet. Und schon befinden wir uns wieder am Anfang: Madame Lula verkauft den soeben "abgedrehten" Film als besonders scharfes Werk an einen Kunden. Business as usual, the show must go on - immer und immer und immer weiter.
Für ihre brachialen und beeindruckenden Bilder sind La Fura dels Baus berühmt und vielfach ausgezeichnet worden, sie begannen 1979 als virtuos provokante Straßentheatertruppe, probierten sich aus in diversen Gattungen von Oper bis Film, inszenierten in Salzburg und bei der Ruhr-Triennale ("Die Zauberflöte"), arbeiteten an kollektiven künstlerischen Performances und schufen so eine universelle, eigene Theatersprache. Sogar an Ernst Jüngers schwülstig-schwieriger Faschismus-Parabel "Auf den Marmorklippen" haben sie sich 2002 in Mannheim versucht. So sind sie zu international geschätzten Fachkräften für Eklat und Skandal geworden.
Momente peinlicher Ödnis
Das de-Sade-Projekt "XXX" jedoch wird der mächtigen Vorlage nur schwer gerecht. Die gefährliche Sprengkraft der Gedanken findet nur selten ihre kongeniale Umsetzung im Bild. Am Ende sind es doch nur die altbekannten Projektionen des Körpers und seiner Zurichtung im erotischen Stellungskrieg, die hier zu sehen sind. Der bohrenden Langeweile von Bühnensex, verbraucht in zahllosen Kiez-Sex-Shows, entgeht auch "XXX" nicht. Ein Schwanz ist ein Schwanz, eine Vagina ist eine Vagina, dies die simple Logik, in der der Bilderfuror der Furas gefangen bleibt.
Deshalb enden auch die Versuche, mit dem Publikum in Interaktion zu treten, in peinlicher Ödnis. Ein gnädiger Zuschauer zieht sich nackt aus, ein anderer lässt sich ein Kondom über den Penis streifen. Geschenkt. Wer durch die härtende Schule des deutschen Unterhaltungsfernsehens gegangen ist, wer die 0190er-Nummernwerbung kennt und über alle Lustzonen bereits die passende Talkshow ertrug, den kann man auch ohne Risiken und Nebenwirkungen am Schniedel ziehen. Willkommen in der Realität.
Bestaunen muss man hingegen die darstellerische Energie der vier Kraftpakete auf der Bühne: Die athletisch gebauten Herren de Sade (Jorge Flores) und Giovanni (Damià Plensa) bieten den Damen Lula (Teresa Vallejo, eine ehemalige Flamencotänzerin) und der zum Schluss triumphierend selbstbewussten Eugénie (Sonia Segura) bestens Paroli. Sie sind die wahren Helden der Inszenierung und überwinden mit ihrer puren persönlichen Präsenz die kognitive Schwere des Konzeptes. Fast scheint ein ironisches Lächeln durch die Mienen der Darsteller zu geistern, die doch mit bösem Ernst in der Leiber Tiefen nach Amoral und Freiheit forschen sollen.
Am Ende gelingt ihnen dann doch ein Moment wirklicher Erotik: Als sie nackt und abgekämpft einen umgekehrten Strip in Richtung schwarzweißer Anzuggarderobe hinlegen, da sehen sie nach dem sinnlichen Ankleidevollzug sagenhaft scharf und sexy aus. In dieser Szene liegt die wahre Provokation von "XXX": die Verhüllung gibt vom Wesen der Lust mehr Preis als die schärfste Bloßstellung es je könnte.