Spielzeithefte: Goldene Seiten des Theaters - DER SPIEGEL
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Spielzeithefte: Oscar und Obama

Foto: Thalia Theater

Spielzeithefte Goldene Seiten des Theaters

Mit den Spielzeitheften bewerben sich die Theater zu Beginn der Saison bei ihren Zuschauern: Mal witzig, als ob ein Achtklässler sein Geschichtsbuch verschönert hätte, mal seriös mit Schwarzweißfotos und Tagebuchnotizen - manchmal sogar ganz gediegen mit Goldkante.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hunderte von Staats- und Stadttheatern gibt es in Deutschland, und alle wollen zeigen, dass sie was Besonderes zu bieten haben - aber wie? Das Spielzeitheft, das zu Beginn jeder Saison die Pläne der Theatermacher verkündet, ist so etwas wie die Bewerbungsmappe der Bühne bei ihrem Publikum - und sie wird mit immer mehr Sorgfalt und Aufwand gestaltet. Vor allem, wenn ein neuer Intendant antritt, ist ein neues Design gefragt.

Farbe oder nicht Farbe, so lautet die erste Frage - die Antwort heißt oft: lieber schwarzweiß. Für weiße Cover mit schwarzer Schrift haben sich etwa das Schauspiel Frankfurt  (neuer Intendant: Oliver Reese), das Hamburger Thalia Theater  (neuer Chef: Joachim Lux) und das Burgtheater  in Wien (neuer Leiter: Matthias Hartmann) entschieden. Schwarz auf weiß, das steht für: klare Aussagen, Seriosität. Dabei ist das Leben, das das Theater ja immer noch abbildet, doch angeblich so bunt.

In Frankfurt ist im Inneren des Heftes alles: groß, klar, offensiv. Die Ordnung folgt einem einfachen, bewährten Prinzip - eine Seite für jede Premiere, eine Seite für jedes Schauspielerporträt -, das aber eine große Schwäche hat: Man assoziiert den abgebildeten Schauspieler immer mit dem nebenstehenden Stück, dabei sind die Premieren nach Datum geordnet, die Schauspieler nach dem Alphabet - die Kombination ist also reiner Zufall. Und Felix von Manteuffel hat dann eben, Pech gehabt, riesig neben seiner Stirn stehen: "Die Pest".

Klarer ist da die Aufteilung im kleinen, querformatigen Heft des Schauspiels Hannover  (unter dem neuen Chef Ole Walburg): Zuerst die Fotos der Schauspieler, dann die Ankündigungen. Die Sonderveranstaltungen stechen heraus auf sattorangen Seiten, ansonsten herrscht sachliches,harmonisch gestaltetes Schwarzweiß vor. Dass der graue Hintergrund auf dem Cover allerdings wirkt wie eine schlechte Kopie, ist sicher nicht die Assoziation, die beabsichtigt war. Das Logo, "schauspiel hannover" in Kleinbuchstaben, dazwischen ein großes X, wurde nur minimal verändert.

Das Hamburger Thalia Theater hat zwar auch die klare, seriphenlose Schrift für die "THALIA"-Buchstaben übernommen, kombiniert sie aber nun mit einer Schrift, die an historische, mit Kalligrafie-Feder geschriebene Urkunden erinnert und etwas seltsam Aggressives hat. Auch das Logo wurde überarbeitet: Die unter einem kleinen Stern stehenden beiden "T" des Thalia Theaters, die einen Vorhang bildeten, sind nun zu einem Männchen mit langen Armen und Beinen verschmolzen, der Stern bildet den Kopf. Das soll, so wurde verkündet, zeigen, dass hier der Mensch im Mittelpunkt stehe (und vorher also der Vorhang?). Der große Reportage-Fotograf Armin Smailovic hat sehr schöne Schwarzweißbilder vom Ensemble gemacht und sie teilweise mit Tagebuchnotizen garniert, nach dem Motto: Obama wird vereidigt, und ich trinke grünen Tee. Wie gesagt, er ist ein großer Fotograf.

Schwarzweiß sind auch die Zeichnungen, die die Schauspieler in der neuen Burgtheaterbroschüre zeigen - allerdings sind sie verziert, als ob ein Achtklässler sein Geschichtsbuch verschönert hätte. So sitzen etwa dem Großmimen Sven-Eric Bechtolf ein Engelchen und ein Teufelchen auf den Augenbrauen. Auch sonst ist hier viel Witz und Spaß im schwarzweißen Heft versteckt - und vielleicht ist ja sogar die Bemalung der Seitenränder so etwas wie Selbstironie. Sie macht die Burg jedenfalls zum Theater mit der Goldkante.

Bewusst billig ist dagegen das Papier, auf dem das Zürcher Schauspielhaus  (neue Chefin: Barbara Frey) seine Ankündigungen druckt: Wie ein Telefonbuch kommt das Spielzeitheft daher, inklusive gelber Seiten mit Kleinanzeigen. Es dauert etwas, bis man sich zu den Premieren durchgeblättert hat, dominiert wird das Heft von Alltagsreportagen-Fotos, die ein wenig an die Fotosammlungen erinnern, die sich Bühnen- und Kostümbildner zur Inspiration an ihre Wände pinnen. Und warum sich das Haus ausgerechnet ein großes schwarzes Loch als Logo gewählt hat, bleibt vorerst ein Rätsel.

Dass Gelb auch edel wirken kann, zeigt das Heft des Staatsschauspiels Dresden  (Neustart unter Intendant Wilfried Schulz): Das weiße Cover ziert eine senkrechte gelb-weiß-gelbe Banderole - das wirkt fast, als wolle dem neuen Chef schon jetzt jemand einen Orden verleihen. Dass das Programm aber staatstragend wird, muss niemand befürchten, der sich in die fundierten, klar gestalteten Ankündigungstexte hineinliest.

Klar, freundlich und edel ist auch der neue Auftritt des Deutschen Theaters Berlin (neuer Intendant: Ulrich Khuon). Weiß auf Königsblau ist hier die Farbkombination. Ein kleines blaues "dt" in einem weißen Kreis als Logo signalisiert: kein Schnickschnack. Schwarzweiß wird es hier im Inneren. Der Zeichner Marcel van Eeden hat eindrucksvolle, ziemlich düstere Stimmungsbilder zu den Themen der angekündigten Stücke skizziert. Heller und fröhlicher wird es im zweiten Teil: Die Schauspielerporträts sind hier mit kurzen Fragebögen kombiniert. Da antwortet zum Beispiel der neu nach Berlin gekommene Schauspieler Christoph Franken auf die Frage, was er gerne mal live erleben möchte, ziemlich selbstbewusst: "Die Oscar-Verleihung in Los Angeles".

Also dann, das Spiel ist eröffnet.