Tageskarte Theater Grobklotz mit Wumm
Im Literaturbetriebstheater mit seinen Herbst- und Frühjahrs-Premierenspektakeln kommt Rainald Goetz schon eine ganze Zeit lang nicht mehr vor. Trotzdem (wir wollen jetzt aber mal nicht an Peter Handke, Thomas Glavinic und Julia Franck herumnörgeln!) gibt es einen Haufen Menschen, die "Klage" für das aufregendste Buch der Saison halten. Das vielleicht Tollste an diesem seltsamen, klugen, poetischen und nur manchmal bösen Buch ist, dass man es gar nicht kaufen kann. "Klage" ist ein Blog, den der Schriftsteller Rainald Goetz seit bald einem Jahr auf der Website des Magazins "Vanity Fair" schreibt. Es geht darin um nichts Spezielles, sondern dauernd um alles. Also um Kunst, Klatsch, Politik, Worte; um Genauigkeit, Gerechtigkeit und ganz selten auch um Sehnsucht.
"Guter Nebeneffekt vielleicht: Sehnsucht", heißt es in einer Passage über die Einsamkeit, "eine Art innere Selbstzerstörung", die einen "innerlich so komisch zerschrumpelt und / verdörrt geradezu", in Rainald Goetz' Theatertext "Katarakt". Den hat der Schauspieler Jürgen Holtz im Dezember 1992 zum ersten Mal vorgetragen, damals in einer Theaterhalle in Frankfurt. Auch "Katarakt" ist ein Text, in dem es um nichts Besonderes, sondern ständig um alles geht. Man kann in den elf Kapiteln elf Lebensstationen sehen (vom Kind zum Greis) oder einfach nur elf Denk-Anläufe (von der Geraden zum Kreis). Seit 15 Jahren ist der sanft grobklotzige Schauspieler Holtz mit diesem Monolog unterwegs. Er wurde dafür einst als "Schauspieler des Jahres" ausgezeichnet, Goetz bekam den Mülheimer Dramatikerpreis.
Am Donnerstag tritt Holtz mit "Katarakt" mal wieder im Berliner Ensemble des Claus Peymann auf (http://www.berliner-ensemble.de ). Holtz ist im Stück ein Kerl namens "der Alte". Der Schauspieler, inzwischen 75, hat mal erzählt, dass er den Goetz-Text beim ersten Lesen eher unverständlich und abstrus fand und sich erst allmählich Zugang erkämpft hat in den Malstrom der Gedanken. So ähnlich macht er es auch in der Inszenierung, die nicht viel mehr ist als eine Wanderbewegung von Tisch zu Tisch. Holtz tastet sich voran, und gerade seine Vorsicht gibt den Worten einen schönen, bösen Wumm: "Wenn man sich sonst nicht bewegt/ hört man sogar das Öffnen und Schließen/ der Augenlider."
Der Text hat im Lauf der Zeit nichts von seiner Schönheit und Klarheit verloren, Jürgen Holtz schafft es mit maximaler Geistesgegenwart, ihn wie zum ersten Mal zu sprechen. Man spürt das Staunen und den Ekel eines alten Mannes, seine Trauer darüber, dass man so wenig weiß, über das Leben, die Gesellschaft, "kann man natürlich alles beschissen finden auch/ sogar mit gutem Recht/ aber nicht nur". Einmal zerbricht ein Glas, einmal wird in den Spiegel geschaut, ansonsten wird eineinhalb Stunden geredet. "Hm/ na ja", sagt der Alte am Ende und stapft davon.
Die nächsten "Katarakt"-Aufführungen am Berliner Ensemble: Donnerstag, 17.1., Donnerstag, 14.2. http://www.berliner-ensemble.de