Theater-Saisonstart: Großer Schlachten-Schläger
Theater-Saisonstart Königsdrama über die Kennedys
Ihn als One-Hit-Wonder zu bezeichnen, trifft die Sache nicht ganz. Schließlich hat der eigenwillige belgische Theater-Regisseur Luk Perceval, 52, eine beeindruckende Liste von Inszenierungen in Deutschland vorzuweisen. Seine hochgelobte Interpretation von Hans Falladas Kleinbürgerdrama "Kleiner Mann - was nun?", die im April an den Münchner Kammerspielen herauskam, ist das aktuellste Beispiel.
Dennoch wird Perceval für die meisten Theaterfans immer der großartige "Schlachten!"-Schläger bleiben. Die legendäre Produktion kam im Sommer 1999 bei den Salzburger Festspielen heraus und war danach am Hamburger Schauspielhaus zu sehen: eine hochkonzentrierte, auch sprachlich ganz eigene Zusammenschau aller acht Königsdramen von Shakespeare. Zwölf Stunden dauerten diese Rosenkriege, und alle Schauspieler mussten im Fortlauf des Abends in immer neue Rollen schlüpfen.
Percevals neuestes Projekt hat - Zufall oder nicht - durchaus Ähnlichkeit mit der großen Shakespeare-Schau, und es kommt genau zehn Jahre danach ebenfalls in Hamburg heraus - diesmal allerdings nicht am Schauspielhaus, sondern am Thalia Theater. Perceval ist dort seit dieser Saison Oberspielleiter unter dem neuen Intendanten Joachim Lux.
Ein "Königsdrama" nennt Perceval seine Inszenierung mit dem Titel "The truth about the Kennedys", und seine neun Schauspieler, darunter Stars wie Bibiana Beglau und Hans Kremer, müssen in über 50 Rollen schlüpfen. Das Stück hat Perceval mit seinem Team aus Augenzeugenberichten zusammengeschnitten; es erzählt von Machtgier, Aufstieg und Absturz, vom Leben und oft dramatischen Sterben der Mitglieder des Kennedy-Clans. Ein Mammutwerk, auch wenn es diesmal eher vier als zwölf Stunden dauern wird, genau wird man das erst bei der Premiere am 4. September wissen.
Perceval setzt aber durchaus nicht alles auf die Kennedy-Karte, um sich beim Hamburger Publikum vorzustellen. Vielmehr gleicht der Auftakt im Thalia Theater einer Perceval-Werkschau: Am 9. September erlebt "Nach der Probe" seine Hamburg-Premiere, eine Ingmar-Bergman-Adaption, die Perceval für Hannover inszeniert hat; am 13. September folgt sein Münchner "Othello" (u.a. mit Thomas Thieme und Julia Jentsch), der erst herb verrissen, dann aber durch eine Einladung zum Berliner Theatertreffen rehabilitiert wurde und vielen Zuschauern inzwischen als Meisterwerk gilt.
Beim "Prolog" zur Spielzeit allerdings hält sich Perceval im Hintergrund - nur die Idee stammt von ihm: Alle interessierten Hamburger waren aufgerufen, ihre Version des berühmten Hamlet-Monologs "To be or not to be" ("Sein oder nicht sein") am 3. September (einmalig!) auf der großen Bühne zu präsentieren. "Stadt auf der Bühne" nennt Perceval das. Knapp achtzig Personen bzw. Gruppen kamen. Einzige Bedingung: Jeder hat nur zweieinhalb Minuten, die gnadenlos "abgegongt" werden. Das Ergebnis sei verblüffend, berichtet Sabina Dhein, die neue künstlerische Betriebsdirektorin des Thalia-Theaters. "Es sind alle Altersklassen vertreten, Männer wie Frauen, und die verschiedensten Sprachen von Afrikaans bis zur Clownsprache." Luk Perceval habe nur die Spielregeln vorgegeben. "Einer wollte ein Huhn auf der Bühne schlachten", sagt Dhein, "das geht natürlich schon deswegen nicht, weil die Bühne sauber sein muss für den nächsten, der auftritt."
Ansonsten sind der Phantasie keine Grenzen gesetzt - außer der zeitlichen. "Die Kreativität ist beeindruckend", sagt Dhein, "manche sprechen den Monolog Wort für Wort, andere tanzen ihn oder benutzen ihn als Sprungbrett in eigene Texte." Ein Königsdrama dürfte allerdings kaum darunter sein - solche Werke brauchen einfach ihre Zeit.
"The truth about the Kennedys". Premiere am 4.9.; "To be or not to be" ("Sein oder nicht sein") einmalig am 3.9. am Thalia Theater, Hamburg. Tel. 040/32 81 44 44.