TV-Shows Klassentreffen der Kuscheltiere
In der Welt der Wissenschaft heißt das Verfahren: "Beieinander abschreiben und sich die Sachen gegenseitig zur Rezension zuschicken". Die Weisen vom Grimme-Institut haben für das Phänomen den Begriff "Selbstreferentialität des Mediums" erfunden. Soll heißen, im Fernsehen wird vorzugsweise über das Fernsehen gesprochen, Fernsehleute interviewen Fernsehleute über das Fernsehen.
Kein Viva-Moderator, der noch nicht bei Stefan Raab gewesen wäre, kein Wetterfrosch der ARD, der keine eigene Talkshow haben möchte. Jauch sitzt bei Gottschalk auf dem Sofa, und wenn Alfred Biolek in Rente geht, muss er natürlich von Harald Schmidt verabschiedet werden. So was ist dann eine Sternstunde. Für den Alltagsbetrieb aber reicht es, wenn Barbara Schöneberger Wigald Boning einlädt, Wigald Boning Olli Dittrich besucht, Olli Dittrich bei Hugo Egon Balder auftritt und Hugo Egon Balder mit Hella von Sinnen plaudert. Und alle zusammen schlagen irgendwann bei Anke Engelke auf oder paradieren gemeinsam bei der Goldenen Kamera.
"Ich finde es nett, nett zu sein"
Dass also Moderatoren Moderatoren befragen, ist nichts Neues. Dass sie neuerdings im Rudel auftreten, schon eher. Gestern Abend kam es bei "Beckmann" zu einem Klassentreffen der Kuscheltiere oder, wie es die "Bild"-Zeitung ankündigte, "Beckmann begrüßt das Dream-Team deutscher Schwiegermütter". Natürlich ist es für jede Schwiegermutter eine Horror-Vorstellung, Costa Cordalis oder der Bulle von Tölz würden sich auf ihrer Tochter wälzen, doch bei Beckmann, Kerner, Pflaume, Geißen und Pilawa bekommen sie bei dem Gedanken glänzende Augen und feuchte Hände.
Schwiegermutterkompatibel zu sein, ist also das Tauglichkeitskriterium, das Moderatoren erfüllen müssen, wenn sie es zu was bringen wollen. Dann kommt es nicht darauf an, ob sie bei den Privaten oder den Öffentlich-Rechtlichen arbeiten, sie müssen halt nur "nett" sein. "Ich sehe das positiv", sagte Kai Pflaume, "nett hat positive Ausstrahlung" - "Ich finde es nett, nett zu sein", meinte auch Jörg Pilawa, immerhin sei man zusammen 200 Jahre alt, lebe in soliden Verhältnissen und habe alles in allem 11 Kinder. So ist es, bestätigte Oliver Geißen, auch die Frauen der Moderatoren würden sich prima verstehen und gelegentlich miteinander verreisen.
"Unterhaltung wird mit dem Bauch geguckt"
Doch dem Gastgeber Reinhold Beckmann war es nicht genug, nur nett zu sein, er fragte: "Sind wir nicht alle kleine Rock'n'Roller?" und brachte Jörg Pilawa dazu, die mittlerweile jedem Einödbauer bekannte Geschichte zu erzählen, wie er als Schüler mit einem Stuhlbein auf einen Lehrer los ging. "Das waren die Hormone!" Danach verwandelte sich der gereifte Rock'n'Roller wieder in einen Deoroller, der bei einem Humor-Rating die besten Noten erhielt, während Kai Pflaume in der Kategorie "sexy" an erster Stelle genannt wurde. Dennoch war es Jörg Pilawa, der das Versprechen gab: "Ich werde in der Zukunft weniger machen, um mehr Zeit für Sex zu haben." So was hört jede Schwiegermutter gerne, die sich weniger Talkshows und mehr Enkelkinder wünscht.
"Kai, lass uns ein bisschen über unseren Beruf reden", sagte Beckmann, und es war der Moment, der einen hoffen ließ: Nun würde man erfahren, wie viel Moderatoren verdienen, ob sie gewerkschaftlich organisiert sind und wie sie für ihr Alter vorsorgen. Doch das war es nicht, was uns die Kuscheltiere der Nation mitteilen wollten. Pflaume sagte: "Ich sehe mich als Gastgeber", Kerner sagte: "Ich fühle mich als Journalist", Pilawa sagte: "Unterhaltung wird mit dem Bauch geguckt" und Geißen sagte: "Das Allerwichtigste ist das Zuhören".
"Jetzt hab ich ein Problem, Jungs"
Das waren in der Tat überraschende Bekenntnisse aus der twilight zone des Gewerbes, in dem es, da waren sich alle einig, vor allem auf "Authentizität" ankommt. "Du musst du sein", sagte Pilawa, meinte aber "Ich muss ich sein", was freilich viel bedrohlicher klingen würde. Denn so richtig bei sich war keiner der Teilnehmer des Klassentreffens. Pilawa hatte ein Medizinstudium abgebrochen, Pflaume "wollte Müllmann werden", während Kerner sich für einen Gastauftritt bei Elke Heidenreich disqualifizierte: "Ich lese wenig Bücher. Ich lese über die Gäste meiner Sendung", aber er mache es "total gern".
So ging es über Stock und Stein von Hü nach Hott, man sprach über "Vaterschaftstests" in den Sendungen, über die Frage, ob man mit Nicht-Prominenten "anders umgehen" sollte als mit Promis und ob es "Grenzen im Umgang mit Gästen" geben würde. Und plötzlich wurde Beckmann ernst. "Jetzt hab ich ein Problem, Jungs." Das Problem war ein Kollege, der sich ins Aus getalkt hatte: Andreas Türck. Gegen ihn wird derzeit wegen Verdachts auf Vergewaltigung ermittelt. Da senkten sich die Köpfe und die Stimmen wurden leiser. "Eine menschliche Tragödie", sagte Geißen, sei die Geschichte "in jedem Fall", entweder für die betroffene Frau oder für Türck, der ein "Spießrutenlaufen" erleide.
"Die Vorverurteilung ist eine Tragödie", fand auch Pilawa. Und schon war man beim nächsten Thema, der "Karriere von Kai", der 1991 als Gast bei "Herzblatt" entdeckt wurde, dann aber weitere zwei Jahre bei einer Bank arbeiten und Karaoke-Shows moderieren musste, bevor er beim Fernsehen Fuß fassen konnte. "Du bist nicht nur ein Moderator, du bist eine Marke!" lobte Beckmann, bevor er in die Runde rief: "Das ist mir alles zu soft, zu nett!" Aber da war es schon zu spät, um das Blatt noch zu wenden und die Kerner-Frage zu diskutieren: "Warum gibt es so eine Sendung nicht mit Schwiegertöchtern?"
"Reinhold, mach Schluss, ich muss mal!"
Pilawa hatte es eilig. "Reinhold, mach Schluss, ich muss mal!" Kerner schaffte es gerade noch zu sagen, er könne "es nicht ausschließen", eines Tages "in die Politik zu gehen", und sei es nur für ein symbolisches Honorar von einem Dollar.
"Jungs, es war ein großes Vergnügen!", rief Beckmann und erklärte das Klassentreffen nach 75 Minuten für beendet. Da war Mitternacht vorbei, alle Schwiegermütter längst im Tiefschlaf und nur noch ein paar Zombies unterwegs, die nicht begriffen hatten, warum sich die "Jungs" bei der ARD treffen mussten. Gab es für diese Sendung einen zwingenden Grund oder wenigstens einen aktuellen Anlass? Oder war es nur so, dass Kai Pflaumes Schwiegermutter keine Lust hatte, für ihren wunderbaren Schwiegersohn und seine lieben Freunde Schnittchen zu schmieren und das Wohnzimmer frei zu geben? Das wäre erstaunlich, wo er doch "ein hervorragendes Verhältnis" zu seiner Schwiegermutter hat. Sagt er. Und grinst sich einen.