"Hamilton" auf Disney+ Supercooler Gründervater
Broadway-Show "Hamilton": Mitreißende Mischung aus Hip-Hop, R&B und Pop
Foto: Disney+Broadway und cool? Diese Kombination schien lange ziemlich undenkbar. Musicals waren eher was für Touristen aus der Provinz, für Hausfrauen und in die Jahre gekommene Schwule, schmalziger Bombast aus der Feder von Andrew Lloyd Webber oder Disney-Kitsch à la "König der Löwen". Doch dann feierte vor fünf Jahren ein Stück mit dem schlichten Titel "Hamilton" in New York Premiere und legte seither eine Erfolgsgeschichte hin, die ihresgleichen sucht und am Broadway einiges auf den Kopf gestellt hat.
Dem Phänomen "Hamilton" kann nicht mal die Schließung aller Theater aufgrund der Corona-Pandemie etwas anhaben. Vor 2021 wird am Broadway keine Note live gesungen werden, doch statt acht verkaufter Aufführungen pro Woche gibt es beim Streamingdienst Disney+ nun eine Filmversion des Musicals zu sehen. Sie wurde vor vier Jahren im Richard Rodgers Theatre in New York vor Publikum aufgenommen. 75 Millionen Dollar hat Disney sich die Rechte daran kosten lassen, ursprünglich war sogar ein Kinostart vorgesehen. Doch nun kann man sich auf dem heimischen Sofa ein Bild davon machen, was es auf sich hat mit dieser Geschichte über Alexander Hamilton, der im 18. Jahrhundert zu den Gründervätern der USA gehörte.
Rund 160 Minuten lang erzählt das Musical aus der Feder von Lin-Manuel Miranda das Leben des 1757 geborenen Alexander Hamilton, chronologisch und an der wahren Geschichte entlang: Ohne Eltern in der Karibik aufgewachsen, schafft es der Titelheld auf eigene Faust nach New York. Dort studiert er, fällt durch seine rhetorischen Fähigkeiten auf und schart Gleichgesinnte um sich. Gemeinsam träumt man von der Revolution und der Unabhängigkeit von den Engländern, bald steht Hamilton im Dienst von George Washington, erst im Krieg als Adjutant, dann als erster Finanzminister der USA. Später legt er sich, längst verheiratet und Familienvater, mit dem neuen Präsidenten John Adams an und schließlich auch mit einem alten Freund, der ihn 1804 in einem Duell tötet.
Nicht unerwähnt bleiben sollte, dass Hamilton dank einer Affäre mit einer verheirateten Frau auch noch in den wohl ersten Sexskandal der amerikanischen Politgeschichte verwickelt war. Doch ganz unabhängig davon geht es in "Hamilton" keinen Moment lang verstaubt zu. In der ersten Nummer besingt der Protagonist (verkörpert von Miranda selbst) mit den Worten "young, scrappy, and hungry" sich selbst und gleichzeitig sein noch gar nicht richtig gegründetes Land, kurz darauf sitzen seine neuen Kumpels in der Kneipe und beatboxen, später lässt seine betrogene Ehefrau ihren Frust in der Powerballade "Burn" heraus, die auch Beyoncé gut zu Gesicht stehen würde. Wo "Les Misérables" oder "Evita" ihre historischen Stoffe mit möglichst Klassik-nahem Orchester-Pomp erzählen, setzt "Hamilton" auf eine ziemlich mitreißende Mischung aus Hip-Hop, R&B und Pop.
Broadway-Hit "Hamilton"
"Auf dem Weg in den Urlaub griff ich 2008 im Buchladen eher zufällig nach einer Hamilton-Biografie", erzählt Miranda, der als Gesprächspartner stets gut gelaunt und ein wenig hyperaktiv wirkt, am Telefon. "Weil die Kritiken gut waren, ich in der Schule mal etwas über ihn gelernt hatte und das Buch dick genug aussah für mindestens eine Woche. Ein paar Tage später hatte ich das Ding ausgelesen – und die Idee für ein neues Musical." Hamiltons Aufstieg vom Waisenjungen in der Karibik zu einem mächtigen, wortgewandten Mann erinnerte ihn an die Biografien von Rappern wie Notorious B.I.G. oder Eminem.
"Und weil die Kombination von Musical und Hip-Hop seit jeher mein Ding war, spürte ich instinktiv, dass Hamilton der perfekte Protagonist für mich war", sagt er. Allerdings entfalten Mirandas Raps hin und wieder den Charme eines übereifrigen Geschichtsreferendars, der auf Teufel komm raus bei den Kids ankommen will. Ungleich origineller, aussagekräftiger und schwungvoller als das meiste, was sonst am Broadway zum Kassenschlager wird, ist "Hamilton" aber unbedingt.
Dass Miranda, Sohn puerto-ricanischer Eltern, den Part des weißen Hamilton in den ersten Jahren (und damit auch in der Filmversion) gleich selbst übernahm, ist Programm. Die Mehrzahl der Rollen in "Hamilton" sind mit Schwarzen und Latinos besetzt, unabhängig von der Hautfarbe ihrer realen Vorbilder. "Ich wollte mit der Besetzung den Bogen schlagen zu unserer heutigen Alltagsrealität in den USA, die auf Musicalbühnen sonst viel zu selten zu sehen ist", erklärt der 40-Jährige, dessen erster Broadway-Erfolg "In the Heights" (2005) im kommenden Sommer als Spielfilm-Musical ins Kino kommen wird. "Außerdem ist Hamiltons Geschichte auch die eines Einwanderers, so wie die Vereinigten Staaten ihre Existenz ohnehin bis heute jenen Menschen verdanken, die von anderswo in dieses Land kommen." "Immigrants – we get the job done", lautet entsprechend eine Songzeile im Musical.
Ein Produkt der Obama-Ära
Er sei stolz, "dass wir ein für alle Mal die Konversation darüber beenden konnten, ob ein Musical mit ausschließlich nicht-weißen Schauspielerinnen und Schauspielern in den Hauptrollen erfolgreich sein kann", sagt er. "Die Regisseurin Ava DuVernay hat mir vor einiger Zeit berichtet, dass wir für sie sogar die Referenz waren, als sie bei Disney darum kämpfte, das Jugendbuch 'A Wrinkle in Time’ mit einer schwarzen Protagonistin und weiteren People of Color umzusetzen. Wir 'hamiltonieren' die Geschichte, hat sie argumentiert. Ein schöneres Vermächtnis kann es für meine Arbeit doch gar nicht geben."
"Hamilton" ist in seiner letztlich optimistischen, auf Verständnis und Veränderung setzenden Grundhaltung unverkennbar ein Produkt der Obama-Ära, hat aber kaum von seiner Frische und Relevanz eingebüßt. Auch verliert das Stück in der abgefilmten Version erstaunlich wenig: Regisseur Thomas Kail, bereits für die Broadway-Inszenierung verantwortlich, nutzt die Kameras und den Schnitt dynamisch genug, um dem Publikum Einblicke zu geben, die selbst auf den besten Plätzen live nicht möglich wären, und behält trotzdem das Theater-Flair weitgehend bei, Szenenapplaus und Lacher inklusive.
Mit elf Tony Awards wurde "Hamilton" bereits ausgezeichnet, es erhielt den Pulitzerpreis, für den Soundtrack zur Show gab’s einen Grammy, und das "Hamilton Mixtape", eine Sammlung von Remixen und Coverversionen der Musical-Songs, schaffte es auf Platz eins der US-Charts. Ein besonderer Rekord wurde Ende 2018 gebrochen, als "Hamilton" zum ersten Broadway-Stück der Geschichte wurde, das mehr als vier Millionen Dollar innerhalb einer Woche einspielte. Zu den prominenten Fans gehören Cher und Paul McCartney genauso wie Busta Rhymes oder Questlove, aber auch Hillary Clinton oder Dick Cheney (was der ultimative Beweis für die überparteiliche Massentauglichkeit des Musicals sein dürfte). Auch eine deutsche Version in Hamburg ist in Planung.
Miranda selbst bedeuten andere Erfolge allerdings mehr. "Die größte Überraschung ist für mich, wie sehr die Sprache meines Musicals Einzug gehalten hat in politische Diskurse und gesellschaftliche Diskussionen", sagt der New Yorker mit hörbarem Staunen in der Stimme. "Ob das jetzt Plakate bei Black Lives Matters-Demonstrationen sind mit dem Zitat 'History has it‘s eyes on you' oder Politiker, die aufgeregt tweeten: 'You Don’t Have the Votes, You Don’t Have the Votes'. Damit, dass meine Songtexte einmal so allgegenwärtig würden, habe ich nie gerechnet."