"American Splendor": Ein Bild von einem Loser - DER SPIEGEL
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"American Splendor" Ein Bild von einem Loser

Faul, ungepflegt, genervt: Harvey Pekar gilt als Chefneurotiker der Comic-Welt. Mit der autobiografischen Comic-Serie "American Splendor" setzte er sich selbst ein Denkmal. Jetzt wurde Pekars Leben mit viel Humor und noch mehr Melancholie für die Leinwand adaptiert. "American Splendor" - auch als Film ein kleines Meisterwerk.
Von Birgit Glombitza
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Alles in diesem Gesicht scheint vor der Welt zurück zu weichen. Die spärlichen nach hinten flatternden Haare, die tief liegenden Augen, das fliehende Kinn. Am glücklichsten ist Harvey Pekar, wenn er sich verbuddeln kann. In seine nikotingelben vier Wände, in seinen Bau aus Comic- und Plattensammlung.

Strichmännchen mit Sphinx

Pekar ist keiner von diesen ewigen "High Fidelity"-Jungs, die sich mit einem möglichst komplizierten Musikgeschmack vom Banausentum des Durchschnittskonsumenten absetzen und ihre panische Angst vorm anderen Geschlecht mit anstrengenden Marotten tarnen. Pekar ist nicht cool, leidet nicht an einem Peter-Pan-Komplex und sah vermutlich schon alt und welk aus, als er auf die Welt kam.

Er wurde geboren, um sich durchs Leben zu schleppen und dabei ausgiebig zu leiden. An den Zumutungen des Alltags, an einem ignoranten Schicksal und an der eigenen Lethargie, die ihn jedes morgendliche Aufstehen, die durchschnittliche Körperpflege, halbwegs zivilisierte Haushaltsführung und den täglichen Broterwerb als unmenschlichen Zehnkampf empfinden lässt.

So jedenfalls geht die Legende, die Pekar selbst begründete, als er seine glanzlosen Tage 1976 zum autobiografischen Comic und bald darauf zum Kult werden ließ. Elf Jahre später erhielt "American Splendor" sogar die höheren Weihen eines "American Book Award". Dabei verewigte der Grantler sein Strichmännchen-Alter-Ego vor allem in Szenen, in denen die Debatten mit seiner sphinxhaft spröden Ehefrau Joyce über Pekars Hausputz-Aversionen noch zu den spektakulären Highlights zählen.

Ob er als Archivar Krankenakten im Cleveland-Hospital übereinander stapelt oder mit seinen Kollegen neue Bonbon-Geschmacksrichtungen und den Verfall der Jazzkultur diskutiert: Pekar bleibt sich treu als sophistisch philosophierender Nabel der eigenen Comicwelt. Wir sehen ihn im Supermarkt die Kassenschlangen wechseln, bis er ausgerechnet dort festsitzt, wo eine Rentnerin langwierige Fragen zu Rabattregelung zu klären hat. Wir folgen ihm durch die Straßen und Bars einer Stadt, die so vernachlässigt aussieht wie seine Bettwäsche.

Absolut visionsloser Existenzialismus

Das Private wird zur Popart, und nicht zuletzt legendären Zeichnern wie Robert Crumb ("Fritz the Cat"), den Pekar auf einem Flohmarkt kennen lernte, ist es zu verdanken, dass dabei eine schillernde Mischung aus subtilem Glamour und vordergründiger Schmuddeligkeit gelingt. Dass noch andere berühmte Zeichner Pekars Geschichten illustrierten und den Protagonisten mal mehr, mal weniger ansehnlich wiedergaben, greift die filmische Adaption von "American Splendor" und sein liebevoller Nachbau von Pekarville auf originelle Weise auf.

Das Regieduo Shari Springer Berman und Robert Pulcini lässt seinen Helden entsprechend vielfältig in Erscheinung treten. Einmal als Film-Harvey (Paul Giamatti), als "Comic-Harvey" in unterschiedlichen Ausführungen und in den pseudo-dokumentarischen Sequenzen in der Gestalt des "wahren" Harvey Pekar selbst. Und da man selbst nie weiß, welchem man als nächstes begegnet, kann man die Beklommenheit gut nachempfinden, mit der sich die Comicbuchhändlerin Joyce (Hope Davis) mutig zu einem ersten Date mit jenem Harvey aufmacht, den sie bislang nur als schlecht gelauntes Zeichenmännchen kannte.

Eine Sorge, die ihr der leibhaftige Harvey kaum nimmt, wenn er sein ungepflegtes Erscheinen mit "Das sind Bewegungslinien, ich bin sehr aktiv", erklärt. Zu mehr Euphemismus reicht es nicht. Auch die verkorksten Liebesnächte werden in ungeschönter, manchmal auch feierlicher Tristesse in die Comics eingehen. Und als die wunderbar stoische Hope Davis einmal seufzt: "Ich dachte, ich hätte einen Mann mit Humor geheiratet.", kontert es aus dem Off nur schlicht und ernüchternd "Reingefallen!".

Liebevoll verschlurftes Erzählen

Joyce und Harvey, das Traumpaar eines schwergängigen und absolut visionslosen Existenzialismus. "Alles, was mich nicht umbringt, könnte Ausgangspunkt für eine meiner Geschichten werden", hat Pekar sein Strichmännchen einmal erklären lassen. Und als er nach einer schweren Krebserkrankung wieder auf die Beine kommt, beschließen seine Frau und er, ihr "Krebsjahr" im Comic zu verarbeiten.

Shari Springer Berman und Robert Pulcini, die zuvor ausschließlich Dokumentarfilme gedreht haben, dichten mit ihrem Spielfilmdebüt Pekars Biopics ein weiteres Lebensbild hinzu. Ihr Film zeichnet den schlurfigen Erzählrhythmus des Comic-Helden liebevoll nach und verzichtet dabei auf Gagparaden und andere Anbiederung an eine eingeschworene Fangemeinde.

Ob Strips zu bewegten Bilder werden oder eine Einstellung zur Comic-Szene gefriert: Die Verzahnung aus lebender und gezeichneter Legende gelingt so elegant und leichthändig, dass die Übergänge von Ersponnenem und Erlebtem im Belanglosen verschwimmen. In Cannes und Deauville gab es für dieses eindrucksvolle Daumenkino im letzten Jahr gleich zweimal den Fipresci-Preis, in Sundance den Großen Jurypreis und immerhin eine Oscar-Nominierung für die beste Drehbuchadaption.


American Splendor
USA 2002. Regie: Shari Springer Berman, Robert Pulcini Drehbuch: Shari Springer Berman, Robert Pulcini nach einer Buchvorlage von Harvey Pekar und Joyce Brabner. Darsteller: Paul Giamatti, Harvey Pekar, Hope Davis, Joyce Brabner, Judah Friedlander, James Urbaniak, Earl Billings. Produktion: Good Machine. Verleih: Tiberius. Länge: 101 Minuten. Kinostart: 28. Oktober 2004

Morgen bei SPIEGEL ONLINE: Interview mit dem "echten" Harvey Pekar über Comics, Amerika und wie man mit dem Leben fertig wird.



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