Beginn der Berlinale Lächeln, schweigen, jubeln
Festivalgäste Margaret Qualley und Sigourney Weaver am Donnerstagabend vor dem Berlinale-Palast
Foto: RONALD WITTEK/EPA-EFE/REXViele Berlinale-Besucher neigen dazu, die Berlinale für das wichtigste Ereignis der Welt zu halten, vielleicht sogar für das wichtigste von Berlin. Zehn Tage nur Kino, 340 Filme im Programm des Festivals, dazu Partys und Empfänge. Am Ende haben dann alle Besucher so dunkle Augenringe wie Jeremy Irons, der britische Schauspieler, der in diesem Jahr Präsident der Jury ist. Soweit die Theorie.
Aber 2020 ist kein normaler Berlinale-Jahrgang, was man schon daran erkennen kann, dass die Eröffnungsgala der Filmfestspiele am Donnerstagabend durch eine Schweigeminute unterbrochen wird. Die rund 1600 Gäste im Berlinale-Palast am Potsdamer Platz erheben sich, um der Opfer der Mordanschläge von Hanau zu gedenken. Ein paar hundert Meter vom Festivalzentrum entfernt, am Brandenburger Tor, ist kurz zuvor eine Mahnwache zu Ende gegangen.
Zum Feiern ist in diesem Moment kaum jemandem zumute. Den größten Applaus erhält an diesem Abend denn auch kein Filmstar, kein Regisseur, nicht der neue Moderator, der Schauspieler Samuel Finzi, und auch nicht die beiden neuen Berlinale-Chefs Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian. Richtig bejubelt wird eine Politikerin: Kulturstaatsministerin Monika Grütters.
In ihrer Rede erinnert die CDU-Frau an Marlene Dietrich, den sehr blonden deutschen Weltstar, der sich den Nazis verweigerte. Grütters zieht Parallelen zur Gegenwart. Ohne dass sie Thüringen oder die AfD beim Namen nennen muss, weiß jeder im Saal, wer gemeint ist: »Niemals darf es eine Zusammenarbeit mit diesen rassistischen und nationalistischen Kräften geben.« Nach diesem Satz erheben sich die Gäste erneut von ihren Sitzen. Sehr, sehr lange klatschen sie gegen die Verstörung an, die Hanau hinterlassen hat.
Man könnte anschließend nach Hause gehen und weiter an der Welt verzweifeln. Oder man macht es wie die meisten Berlinale-Besucher: Man sucht die Ablenkung, indem man lieber wieder ein bisschen an der Berlinale selbst verzweifelt. Am diesjährigen Eröffnungsfilm zum Beispiel, »My Salinger Year«.
Das sind die besten Filme der Berlinale
Ein Mann, der minutenlang einfach nur sitzt, während draußen an sein Fenster der Regen prasselt. Ein anderer Mann, der akribisch Gemüse und Fisch wäscht, dann daraus ein Gericht zubereitet: Kang, dem stets traurig-melancholisch schauenden Protagonisten des taiwanesischen Regisseurs Tsai Ming-Liang sieht man oft zu, als betrachte man eine Naturdoku: Er wird auf seine Physis und seine Kreatürlichkeit zurückgeworfen. Handgeformtes Kino nennt Tsai seine eindrückliche Art zu filmen. So ist es auch in "Rizi” ("Days”, Wettbewerb), der den unter schlimmen Nacken und Schulterverspannungen leidenden Kang in Bangkok mit dem jungen, kochenden Reinlichkeitsfanatiker zusammenführt. Die Wege dieser beiden einsamen Männer kreuzen sich in einem Hotelzimmer zu einer zwar bezahlten, aber dennoch sehr zärtlichen Massage-Session. Der Schmerz des einen löst sich in der hingebungsvollen Dienstleistung des anderen auf - ein wundervoller, existenziell tröstender Kino-Moment, der komplett ohne Dialoge auskommt und doch alles über das Bedürfnis nach menschlicher Nähe erzählt. Andreas Borcholte
»Für mich zählt in erster Linie die künstlerische Qualität eine Films«, hatte Carlo Chatrian, der neue künstlerische Leiter, vor Beginn der Berlinale im Interview mit dem SPIEGEL verkündet. »Von ihr hängt ab, ob wir ihn zeigen oder nicht«. Ausnahmen von dieser Regel sind aber offenbar erlaubt.
Dabei hat »My Salinger Year« zwei großartige Hauptdarstellerinnen zu bieten: Margaret Qualley, 25, auf dem Weg zum Star seit ihrem Kurzauftritt als Beifahrerin von Brad Pitt in Quentin Tarantinos »Once Upon A Time in Hollywood«, sowie Sigourney Weaver, 70, einst berühmt geworden durch »Alien«. In »My Salinger Year« spielt Weaver eine New Yorker Literaturagentin, die den Schriftsteller J. D. Salinger vertritt, den Autor des Klassikers »Der Fänger im Roggen«. Qualley verkörpert die Assistentin der Agentin; ihr Job besteht vor allem darin, die Post von Salinger-Fans zu beantworten, die in der Agentur landet. Natürlich will die junge Frau in Wahrheit selbst Schriftstellerin werden.
Margaret Qualleys Starqualität wirkt sogar in jenen Szenen von »My Salinger Year«, die sie beim Schreddern von Salingers Fan-Briefen zeigen. Doch für den Eröffnungsfilm des größten Publikumsfestivals der Welt, eines Festivals, das sich gern »politisch« nennen lässt, ist das alles ein bisschen zu harmlos, zu egal. Chatrians Start als künstlerischer Leiter ist misslungen.
Nach der Vorstellung ziehen die Premierengäste ein paar hundert Meter weiter, zur Feier in die Wandelhalle des Kulturforums. Auf drei Etagen wird gefeiert. Die deutsche Film- und Fernsehprominenz ist da, Sebastian Koch, Martina Gedeck, der Regisseur Christian Petzold. Nur Dieter Kosslick fehlt, der ehemalige Berlinale-Direktor. Urlaub, heißt es, er mache eine Fastenkur. Auf der abgeriegelten VIP-Etage unterhalten sich Sigourney Weaver und Jeremy Irons.
Noch größere Stars gibt es in den Räumen direkt nebenan zu entdecken: Meisterwerke von Botticelli, Albrecht Dürer oder Lucas Cranach dem Älteren. Die Gemäldegalerie ist in dieser Nacht bis halb drei in der Früh für alle Partygäste geöffnet. Aber die Säle bleiben fast leer, kaum jemand kommt. Botticellis »Venus« bleibt in dieser Nacht allein.
Berlinale-Besucher neigen eben dazu, die Berlinale für das wichtigste Ereignis von Berlin zu halten.
Interview mit den neuen Leitern