"Crazy" Der letzte unschuldige Sommer
"Coming of Age" heißt dieses Genre im US-Kino eine Tradition, die von Mike Nichols "Die Reifeprüfung" über Richard Linklaters "Dazed And Confused" bis zu Paul Weitz' "American Pie" reicht. Der Klamauk "Harte Jungs" war der deutsche Beitrag zum Teenie-Komödien-Trend.
Hans-Christian Schmid aber hat als Regisseur bereits mit dem humorvollen Familiendrama "Nach fünf im Urwald" und dem Hacker-Krimi "23" bewiesen, wie man unterhaltsam und einfühlsam Geschichten über Jugendliche erzählen kann. Seine Adaption von Leberts Bestseller ist adäquat und zeichnet sich zudem durch Schmids Handschrift aus: Auch wenn manche Szenen etwas bruchstückhaft aneinander gereiht wirken, inszeniert er aus Benjamins (Robert Stadlober) Perspektive ruhig, präzise und pointiert die jungfräuliche Triebsamkeit einer Initiation im Sommer.
Benjamin ist ein Halbseitenspastiker und schon viermal sitzen geblieben. Seine Mutter nervt mit den üblichen Ermahnungen, als sie ihn zur Station seiner letzten Chance fährt. Das schlossartige Internat sieht aus, als könnte hier Theo Lingen der Rektor sein. Nach einer kalten Dusche wird er in einer Clique mit den üblichen Charakteren aufgenommen: Es gibt einen Dicken, einen Schweiger, ein paar Mitläufer und den hübschen Sprücheklopfer Janosch (Tom Schilling).
Gemeinsam trinken sie Dosenbier am Baggersee, schauen vor der Turnhalle den Mädchen bei der Gymnastik zu und besuchen ein Striplokal. Einmal gehen sie in den Wald, stellen sich mit heruntergelassener Hose vor einem Nacktfoto auf und versuchen, auf einen Keks zu wichsen. Wer verfehlt, muss fressen. Das Ritual, unterlegt mit Scratchklängen, ist ein Höhepunkt pfiffig-pikanter Komik.
Die Erlebnisse mögen unspektakulär erscheinen, aber für einen Teenager ist das eben irre. Weil Schmid auf Kalauer und Pathos verzichtet, bewahrt er ihre aufregend unbekümmerte Sicht auf die Dinge. Es ist eben demütigend, wenn man sich als Neuankömmling vor der Klasse radebrechend auf Französisch vorstellen soll. Natürlich meinen es die Lehrer ja gut. Aber wirklich interessant ist nur, das die Sexualkundelehrerin kurze Röcke trägt und raucht. Und so fühlt man sich bei den Sehnsüchten und Versuchungen der wunderbaren Darsteller in seinen Erinnerungen ertappt: Etwa wenn Benjamin verschämt mit einem Pornoheft an der Supermarktkasse steht und dann im Bett beim Onanieren kurz innehält, um eine Seite umzublättern. Oder wenn er bemerkt, dass Mädchen wie eine Gleichung mit einer Unbekannten sind.
Die Freunde Janosch und Benjamin rivalisieren um die "makellose" Malen (Oona Devi Liebich). Mit melancholisch-brennendem Blick registriert Benjamin eifersüchtig, wenn Janosch das Objekt des Begehrens auch nur berührt. Stadlober spielt den "Krüppel", wie Benjamin sich selbst nennt, gänzlich ungekünstelt. Man kann Benjamins Behinderung auch als Metapher für den bitteren Umstand sehen, dass selbst der chancenloseste Außenseiter in das schönste Mädchen der Schule verliebt ist. Immer wenn Benjamin mit Malen ein schüchternes Gespräch beginnt, platzt ein forscher Typ dazwischen und geht sie auf das balzartige Balgen ein. Aber solche Wesen, begreift man leider erst später, entscheiden sich letztlich ohnehin für ältere Jungs mit Moped oder Führerschein.
Auch wenn die Teenie-Popstars Echt mit ihrer Coverversion von Rio Reisers "Julimond" für die Abspannmusik verpflichtet wurden, werden die Kids kaum in dieses subtile Äquivalent zu "American Pie" strömen. Alle anderen können noch mal in sentimentalem Schmerz schwelgen und hoffen, dass es ihnen nicht wie Benjamins Eltern ergehen wird, die ihre Ehezerwürfnisse am Frühstückstisch im Streit um einen Joghurt austragen.
Crazy, Deutschland 2000; Regie: Hans-Christian Schmid; Buch: Hans-Christian Schmid, Michael Gutmann, Darsteller: Robert Stadlober, Tom Schilling, Oona Devi Liebich, Julia Hummer, Dagmar Manzel; Verleih: Constantin; Länge: 95 Minuten