"Maggies Plan" mit Ethan Hawke und Greta Gerwig - Filmkritik - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Screwball-Komödie "Maggies Plan" Das Leben, auf den Kopf gestellt

Karriere machen, Kinder kriegen: US-Indie-Darling Greta Gerwig spielt eine New Yorker Dozentin, die einen Plan fürs Leben hat. Dann aber stolpert ihr Ethan Hawke dazwischen, und das Durcheinander beginnt.
Von Frank Arnold
Screwball-Komödie "Maggies Plan": Das Leben, auf den Kopf gestellt
Screwball-Komödie "Maggies Plan": Das Leben, auf den Kopf gestellt

Screwball-Komödie "Maggies Plan": Das Leben, auf den Kopf gestellt

Foto: MFA
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

"Ich bin bereit für die Mutterschaft!", verkündet Maggie. Maggie ist New Yorkerin, Anfang dreißig, ihre akademische Karriere entwickelt sich zufriedenstellend und mit Tony hat sie einen Ex-Freund, der zum besten Freund wurde, mit dem sie über alles reden kann. Was ihr noch fehlt zu ihrem Glück, ist also ein Kind. Immerhin verfügt sie über soviel Selbsterkenntnis, dass sie aufgrund ihrer bisherigen Erfahrungen davon ausgeht, nicht für langfristige Beziehungen geeignet zu sein - mehr als sechs Monate hat noch keine gedauert.

Also heißt ihr Plan in diesem Fall: künstliche Befruchtung. Mit ihrem alten Klassenkameraden Guy, einem Mathematikgenie, der momentan als Selfmade-Unternehmer seine ganzen Energien auf eingelegte Gurken konzentriert, ist auch der Richtige schnell gefunden, zumal er bereit ist, in eine Vaterschaft ohne gegenseitige Ansprüche einzuwilligen.

Fotostrecke

"Maggies Plan": Kind, Karriere, Chaos

Foto: MFA

"Ja, mach nur einen Plan…." Der sarkastische Tonfall des Liedes aus der "Dreigroschenoper" kommt einem hier gleich in den Sinn. Nicht nur, weil wir uns in einer Komödie befinden und man an all die rationalen Männer in den klassischen Screwballkomödien denken muss, die einer lebenslustigen, durchaus etwas chaotischen jungen Frau begegnen, die ihr Leben komplett auf den Kopf stellt (wie etwa Howard Hawks' "Leoparden küsst man nicht").

Sondern auch, weil Maggie von Greta Gerwig verkörpert wird. Das gibt dem filmerfahrenen Zuschauer Anlass zur Skepsis. Ausgerechnet ihr, die sich in wenigen Jahren als Ikone des US-Indie-Kinos etabliert hat, indem sie immer wieder Figuren verkörperte, die von Chaos produzierender Spontaneität nur so strotzen, sollen wir jetzt den Wunsch nach Mutterschaft und damit verbundener Verantwortung und Stabilität abnehmen?

Es kommt, wie es kommen muss: ausgerechnet in dem Moment, als Maggie in ihrem Badezimmer die künstliche Befruchtung selber durchführen will, klingelt es an der Tür. Woraufhin sich ihr Plan Stück für Stück aufzulösen beginnt. Denn derjenige, der da zu fortgeschrittener Abendstunde klingelt, weil er seine Hausschlüssel vergessen hat, ist John (Ethan Hawke), wie sie Dozent an der Universität.

Kennengelernt haben sich die beiden erst vor Kurzem, wegen eines verwechselten Schecks, den sie an seiner Stelle bekam. Und dabei stellten sie gleich eine Seelenverwandtschaft fest, sodass er ihr das Manuskript seines seit Jahren unvollendeten Romans zur Begutachtung übergab (und ihre Hinweise als höchst hilfreich empfand) - eine intellektuelle Verbundenheit, aus der an diesem Abend mehr wird.

Dass John verheiratet ist und zwei Kinder hat, verschwieg er nicht, auch nicht die Problemen mit seiner Ehefrau Georgette (Julianne Moore), mit deren akademischer Karriere es, im Gegensatz zu seiner, immer weiter aufwärts geht. Vielleicht auch deshalb, weil ihm der Ehrgeiz, mit dem sie ihre verfolgt, vollkommen abgeht. Damit entspricht er nicht dem Bild vom Mann, der auf eine klassische Karriere aus ist. Eher sieht er sich als Künstler.

Verliebtheit und Leidenschaft in den Zwängen des Alltags

Ist "Maggies Plan" auf den ersten Blick eine weitere New Yorker Beziehungskomödie, in der es auch ums Kinderkriegen und Kinderhaben geht - die Welt, die Gerwigs Lebensgefährte Noah Baumbach in seinem vorletzten Film "Gefühlt Mitte Zwanzig" erkundete - so wird das, was bei Baumbach eine Überlegung war, bei Rebecca Miller Realität: Verliebtheit und Leidenschaft sind den Zwängen des Alltags, dem Leben in einer Patchworkfamilie gewichen, wenn der Film die Geschichte einige Jahre später wieder aufnimmt - ungewöhnlich für eine Komödie.

Zu den beiden Kindern aus der Ehe mit Georgette hat sich jetzt die Tochter von Maggie und John gesellt: Wer holt die Kinder von der Schule ab, wer ist eher bereit, seine eigene Arbeit zugunsten der Familie zurückzustellen? Wird Maggie dabei der deutlicher werdenden Egozentrik Johns standhalten oder letztlich in die traditionelle Frauenrolle zurückfallen? Und wird der neue Plan, der schließlich in ihr heranreift, wirklich eine Lösung bringen?

"Maggies Plan" dreht die Geschlechterrollen der klassischen Screwball Comedy nicht einfach um, auch wenn es auf den ersten Blick so scheint mit dem Mann, der den Plan der Frau zunichte macht. Je mehr die Geschichte fortschreitet, desto komplexer werden die beiden Hauptfiguren für den Zuschauer, bei dem sie damit ein Wechselbad der Gefühle und Sympathien auslösen. Das wird unterstützt durch die Natürlichkeit, die Greta Gerwig ebenso wie Ethan Hawke, improerfahren durch die Zusammenarbeit mit Richard Linklater (zuletzt in "Boyhood"), mitbringt.

Demgegenüber wirkt Julianne Moore als Johns Ehefrau Georgette mit ihrem dänischen Akzent und ihrer maniriert-kalten Art manchmal wie aus einem anderen Film. Zugegeben, ihre Rolle ist ein wenig undankbar, da weniger komplex angelegt; dass sie manchmal in eine Karikatur abgleitet, hätte aber nicht sein müssen. Den Akzent hat sie in der deutschen Synchronfassung übrigens beibehalten, während Greta Gerwigs Stimme hier das Emphatische, auch leicht Schrille fehlt. Das macht sie durchschnittlicher und nimmt ihr etwas von ihrer Eigenart.

Im Video: Der Trailer zu "Maggies Plan"

"Maggies Plan"

USA 2015

Regie: Rebecca Miller

Drehbuch: Rebecca Miller

Darsteller: Greta Gerwig, Ethan Hawke, Julianne Moore, Bill Hader, Travis Fimmel, Maya Rudolph, Wallace Shawn, Sue Jean Kim

Produktion: Locomotive, Freedom Films

Verleih: MFA

Länge: 99 Minuten

FSK: ohne Einschränkung

Start: 4. August 2016

"Maggies Plan" - Offizielle Website