Dokumentation "Die Epoche des Menschen" So zerstörerisch, so faszinierend
Berge werden abgetragen, ganze Landschaften umgewälzt, Wüsten unter Wasser gesetzt. Der Mensch verändert und beherrscht die Erde in einem Ausmaß, dass die "Anthropocene Working Group", ein interdisziplinäres Konglomerat aus etwa 35 WissenschaftlerInnen, das seit 2009 besteht, den Beginn eines neuen Erdzeitalters propagiert - das Anthropozän, das Zeitalter, in dem der Menschen zum alles bestimmenden Faktor globaler Umweltveränderungen wird.
Jennifer Baichwal, Nicholas de Pencier und Edward Burtynsky dokumentieren seit mehreren Jahren die Ausbeutung und Zerstörung der Erde. Nach "Manufactured Landscapes" 2006 und "Watermark" 2013 schließt die Dokumentation "Die Epoche des Menschen" die Trilogie ab.
Edward Burtynsky, Regisseur
"In vielerlei Hinsicht haben wir versucht, keinen polemischen Film zu machen. Der Film soll vielmehr eine Meditation darüber sein, wie wir, als Spezies Mensch, den Planeten verändern und wie Technik uns verschluckt in dieser Transformation. Wie möchten nicht nur diejenigen ansprechen, die nicht mehr überzeugt werden müssen. Wir möchten gern die Reichweite erhöhen und die Leute mit auf eine Reise an die gezeigten Orte nehmen. Übrigens sind wir daran interessiert, eher rebellisch statt anklagend wahrgenommen zu werden. Das Thema ist komplex, und die Menschen müssen sich an der Natur bedienen, um das Leben zu führen, das wir führen in all seiner Urbanität und Mobilität. Oder um die Flugzeuge zu bauen, in die wir steigen. All das beinhaltet den Gebrauch von Technik und Ressourcen und die Notwendigkeit diese aus der Natur zu beschaffen. Das sind komplexe Zusammenhänge. Und machen wir uns nichts vor: Wir können damit nicht einfach so aufhören. Wir können aber versuchen, nachhaltiger zu sein und mehr darüber nachzudenken, was wir tun."
Der Film schont sein Publikum nicht - ob mit Szenen von der größten Müllhalde der Welt oder der Verbrennung mehrerer Tonnen Elfenbein von illegal getöteten Elefanten und Rhinozerossen.
Ein Problem haben viele dieser Orte laut Edward Burtynsky gemeinsam:
Edward Burtynsky, Regisseur
"Es ist ganz einfach: Wenn die Menschenrechte nicht geachtet werden und es keine Gerechtigkeit für die Menschen gibt, wo werden Unternehmen dann ihren Müll abladen? Sie werden es an den Orten tun, an denen sie den geringsten Widerstand erwarten. Und das sind meist ärmere Gegenden, in denen Leute nicht die Möglichkeit haben, sich zu wehren und zu organisieren. Und ab da beginnen Umweltschutz und Menschenrechte, sich gegenseitig zu beeinflussen und zu vermischen."
Die Kommentare von Umweltschützer und Schauspieler Hannes Jaenicke, der in der deutschen Version zu hören ist, sind sparsam eingesetzt. Der Film setzt eher auf ein Zusammenspiel aus einem sphärischen Soundtrack und beeindruckenden Bildern und Drohnenaufnahmen. Aus der Ferne entwickeln die Muster und Farben, die durch Ausbeutung und Zerstörung entstanden sind, eine Schönheit von großer Ambivalenz. In langen Kameraflügen verwandelt sich der Horror des Details in eine entrückte und abstrakte Ästhetik, die fasziniert. Dadurch verschwimmt die Grenze zwischen Kunst und Aktivismus. Das ist gewollt, und dennoch gibt es eine klare, wenn auch im Film nicht ausgesprochene Nachricht:
Edward Burtynsky, Regisseur
"Die Zeit ist nicht auf unserer Seite. Wir hoffen, dass dieser Film verdeutlicht, dass die Zeit des Diskutierens vorbei ist und wir jetzt handeln müssen. Wir sagen das zwar nicht explizit, aber es gibt meiner Meinung nach ein Angstgefühl, welches dieser Film auch widerspiegeln möchte. Ein Gefühl, das Menschen spüren lässt, dass etwas passieren muss. Wir müssen jetzt handeln. Sehr bald, oder noch besser - jetzt."
Mit einem Wechsel der Epochenbezeichnung vom bereits etwa 12.000 Jahre anhaltenden Holozän hin zum Anthropozän, möchten Wissenschaftler und auch das Regie-Trio dieses Films ein Bewusstsein dafür schaffen, dass der Mensch für den globalen Wandel und die damit einhergehenden Probleme verantwortlich ist. Dieser Film liefert dafür Anhaltspunkte, die mit dem bloßen Auge erkennbar sind. Der Eintritt in das Anthropozän soll uns zeigen, dass der Mensch selbst Kern des Problems ist, und einen Beitrag dazu leisten, dass dieses Zeitalter nicht zum letzten dieser Spezies wird.