Interview mit Franka Potente: "Kinder sind Avantgardisten" - DER SPIEGEL
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Interview mit Franka Potente "Kinder sind Avantgardisten"

Schluss mit dem Gerede: Franka Potente, Deutschlands prominentester Hollywood-Export, hat einen Stummfilm gedreht. Gezeigt wurde ihr Regie-Debüt bei der Berlinale. Mit SPIEGEL ONLINE sprach sie über Träume, mächtige Kollegen und das Regiemysterium Terrence Malick.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL ONLINE:

Frau Potente, wird im deutschen Film zu viel geredet?

Potente: Weiß ich nicht, aber ich finde Stummfilme interessant, weil sie einen großen Freiraum für Phantasie schaffen, für Absurditäten und Exzentrik. Mein Film soll wie eine Kinder- und Traumwelt funktionieren. Ich bilde mir ein, dass ich beim Träumen eher Musik höre als konkrete Sprache.

SPIEGEL ONLINE: "Der die Tollkirsche ausgräbt" spielt 1918 am Ende des Ersten Weltkriegs und verbindet überdrehte Stummfilm-Comedy und Liebesdrama mit Zauberei und expressionistischen Bildern. Ziemlich eigenwillig für ein Debüt.

Potente: Ich habe versucht, meine Kindheitserinnerungen zu nutzen. Alles kommt einem geheimnisvoll und verwunschen vor. Kinder sind die ersten Avantgardisten; was die denken, ist uns völlig abhanden gekommen. Ich weiß noch, dass ich mal bei einer Freundin war, ihr Vater war ein italienischer Opernsänger, ihre Mutter eine Schauspielerin mit feuerrotem Haar. Sie hatten einen großen Teppich, und einmal hat der Vater zu uns gesagt, dass der Teppich fliegen kann, wenn wir uns nur draufsetzen. Stundenlang haben wir auf dem Ding verbracht und gewartet. Was für ein wunderbarer Zeitvertreib.

SPIEGEL ONLINE: Stumm, schwarzweiß, zu lang für einen Kurzfilm und zu kurz für einen Langfilm - hat man bei X-Filme nicht die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen, als sie das Projekt vorschlugen?

Potente: X-Filme sind sehr abenteuerlustig und haben immer ein offenes Ohr für schräge Töne. Ich habe Produzent Stefan Arndt das Drehbuch gegeben und ihn gebeten, es zu lesen, sich aber zu nichts verpflichtet zu fühlen. Er fand's gut und übernahm sogar eine kleine Rolle, die des Priesters in der Schluss-Szene.

SPIEGEL ONLINE: Welche Filme dienten als Vorbild?

Potente: Alles, was für den Look des Films wichtig war: "Caligari", "Nosferatu", viele Lon-Chaney-Filme und Komödien von Buster Keaton. Bei den Liebesszenen habe ich mich an Louise-Brooks-Filmen orientiert.

SPIEGEL ONLINE: Bei so viel Stilwillen: keine Angst vor einem Flop?

Potente: Darüber haben wir uns noch keine Gedanken gemacht. Vielleicht veranstalten wir Vorführungen zum halben Preis. Vielleicht kombinieren wir den Film aber auch mit einem Making Of. Es gibt eine interessante Doku im "Sendung mit der Maus"-Stil, die ist witzig und knallbunt, weil Requisiten und Kostüme bei Schwarzweiß-Filmen bestimmte Farben haben müssen, damit sie richtig rüberkommen.

SPIEGEL ONLINE: Bei der Premiere auf der Berlinale waren viele Kollegen anwesend: Bernd Eichinger, Oskar Roehler, "Good Bye, Lenin"-Regisseur Wolfgang Becker. Gab's im Anschluss Lob oder eher Kritik?

Potente: Wolfgang Becker hat es sehr gefallen, vor allem die Filmmusik, was mich besonders freut, weil er darin ein echter Experte ist. Die anderen habe ich noch nicht fragen können, aber allein diese Solidarität finde ich super. Als ich während der PR-Arbeit auf der Berlinale zu "Elementarteilchen" erwähnt habe, dass meine Premiere ansteht, hat Bernd sofort gesagt, er kommt. Und ein Produzent wie Eichinger hat enorm viel um die Ohren.

SPIEGEL ONLINE: Sie werden aber nicht ganz hinter der Kamera verstummen.

Potente: Nein, ich drehe in Australien das Drama "Romulus, My Father" mit Eric Bana, dem Hauptdarsteller aus Steven Spielbergs "München". Voraussichtlich 2007 stehe ich neben Benicio Del Toro in Steven Soderberghs Che-Film "Guerilla" vor der Kamera. Aber die Dreharbeiten werden dauernd verschoben.

SPIEGEL ONLINE: An der Urfassung des Drehbuchs hat auch Regisseur Terrence Malick mitgearbeitet, dessen neuer Film "The New World" ebenfalls auf der Berlinale lief. Haben Sie ihn kennengelernt?

Potente: Ja, vor ein paar Tagen sind wir gemeinsam in der Neuen Gemäldegalerie gewesen. Terrence geht einfach lieber ins Museum statt zu seinen Filmvorführungen, was ich toll finde, obwohl ich mich frage, wie er das macht.

SPIEGEL ONLINE: Was ist dran am Mythos Malick, dem rätselhaften, publikumsscheuen Filmgenie?

Potente: Er ist wunderbar und so höflich, überhaupt nicht merkwürdig. Der hinreißendste Mensch, den ich kenne. Er kann sehr interessant erzählen, ist gesellig und reiselustig, sehr neugierig und liebt Berlin. Nicht nur die Museen, er interessiert sich auch sehr für die Stadt und sieht sich die Vororte an. Er will alles verstehen. Und er weiß unheimlich viel.

Das Interview führte Olaf Schneekloth

Franka Potente, 32, ist ab 23. Februar in Oskar Roehlers "Elementarteilchen" zu sehen. Bei der Berlinale präsentierte sie "Der die Tollkirsche ausgräbt", einen rund 45-minütigen Stummfilm in Schwarzweiß.