Zum Tod von Philip Seymour Hoffman: Trockener Witz und erschütternder Weinkrampf
Philip Seymour Hoffman im Interview "Jeder Mensch ist dysfunktional"
Philip Seymour Hoffman war wahrlich kein großer Freund von PR; zum Interview kam er mit kariertem Hemd, irgendwie dunkler Hose und grünem Baseball Cap der New York Rangers. Er trug einen weißlichen Vollbart, gähnte viel, er wirkte bisweilen gelangweilt - was ja womöglich daran gelegen haben mag, dass er erneut einen Filmpreis abholen sollte, dabei hatte er, der großartige Schauspieler, doch bereits so viele erhalten.
Bei den Filmfestspielen in Venedig 2012 wurde Hoffman also mal wieder ausgezeichnet. Er bekam die Coppa Volpi, den Preis für die beste darstellerische Leistung, zusammen mit Joaquin Phoenix. Beide wurden für ihre Rollen in "The Master" geehrt; für Hoffman, der darin einen Sektenchef spielte, war es die vierte Zusammenarbeit mit dem Regisseur Paul Thomas Anderson.
Es sollte seine letzte große Filmrolle bleiben (auch wenn danach eine Nebenrolle in den "Tributen von Panem" folgte, sowie die John-Le-Carré-Verfilmung "A Most Wanted Man", die für September 2014 angekündigt ist). Am vergangenen Sonntag wurde Hoffman in seiner Wohnung tot aufgefunden; offenbar starb er an einer Drogen-Überdosis.
Das in dieser Form bisher unveröffentlichte Interview lässt hier und da erahnen, was für ein Mensch Hoffman war.
SPIEGEL ONLINE: Immer wenn man über Sie liest, loben Kritiker Sie in den höchsten Tönen. Behagt Ihnen das?
Hoffman: Ich weiß gar nicht, warum das so ist. Ich sehe bei mir immer eine Reihe von Fehlern. Anderseits benötige ich am Set nie viele Aufnahmen für eine Szene. In "The Master" gibt es etwa eine Gesangsnummer, aber die hatte ich schnell und ohne Probleme drauf. Mir fällt eben vieles leicht.
SPIEGEL ONLINE: Und wenn Sie nicht spielen und am Theater inszenieren, was machen Sie eigentlich dann?
Hoffman: Ich gucke viel Sport, Baseball etwa. Ich mache Dinge für Kinder. Es gibt da wirklich tolle Bücher, aus denen ich meinen Kindern gerne vorlese. Und viele Actionfilme sind ja auch für Kinder geeignet - für kleine und große.
SPIEGEL ONLINE: Treiben Sie auch selbst Sport?
Hoffman: Nicht wirklich. An der Junior High School war ich Ringer. Da war ich 13 oder 14 Jahre alt. Aber wegen einer ziemlich starken Rückenverletzung hörte ich auf.
SPIEGEL ONLINE: Als Schauspieler wurden Sie vor allem mit Nebenrollen bekannt. Empfinden Sie das als Makel?
Hoffman: Nein. Eine gute Rolle ist eine gute Rolle, egal ob sie groß oder klein ist. Ich habe nicht den Wunsch, Filme zu tragen und zu verkaufen. Eine Hauptrolle zu übernehmen ist mir einfach nicht wichtig. Ich möchte das machen, was mich interessiert.
SPIEGEL ONLINE: Und wie könnte ich Ihnen eine Zusage entlocken?
Hoffman: Mir muss der ganze Film, aber auch meine Rolle wichtig sein. Manchmal wähle ich Rollen aus, die für mich eine Herausforderung sind, weil es eben Figuren sind, die ich noch nie gespielt habe. Ich bedauere eine Zusage auch nicht, wenn der Film oder meine Leistung nicht so geworden ist, wie ich mir das vorgestellt habe.
SPIEGEL ONLINE: Man hat schon das Gefühl, dass Ihnen gebrochene Charaktere sehr wichtig sind.
Hoffman: Ich glaube, dass jeder Mensch dysfunktional ist, ein bisschen verrückt, merkwürdig und schräg. Speziell Hollywood erschafft immer wieder fiktionale Figuren, auf die wir unsere Phantasien projizieren können. Doch an solchen Figuren bin ich nicht interessiert, sondern daran, wie wir Menschen wirklich sind.
SPIEGEL ONLINE: Wenn Sie so einen Durchschnittsbürger verkörpern, hilft Ihnen das dann dabei, selbst ein einfaches, normales Leben zu leben?
Hoffman: Für mich ist das Leben nicht normal. Filme sind es auch nicht. Wenn man ins Kino geht, stellt man sich ja auch immer die Frage, warum soll ich mich für diese Figuren interessieren? Ich verbringe meine Zeit damit, mir das Leben und alle seine Besonderheiten anzuschauen. Dabei stelle ich immer wieder fest, dass das Leben wundervoll ist, auch wenn es zuweilen verrückt ist. Manchmal frage ich mich: Warum habe ich nicht einfach die Zeitung gekauft, sondern vorher noch drei andere Sachen gemacht? Warum habe ich mich über diesen Menschen so aufgeregt, der mich gerade angerufen hat? Es gab gar keinen Grund. So etwas finde ich spannend.
SPIEGEL ONLINE: Wie können Sie sich den wirklichen Menschen überhaupt noch nähern, wenn Sie selbst so sehr im Licht der Öffentlichkeit stehen?
Hoffman: Man verliert schon ein bisschen seine Anonymität. Stellen Sie sich einfach vor, dass Sie in Ihrem Viertel ganz plötzlich jemand anders sind, weil jeder Sie anstarrt. Merkwürdig. Als mir das zum ersten Mal passiert ist, hatte ich den Eindruck, dass der Starrer mit mir eine Schlägerei anfangen will. Ich war so verdutzt und verstand gar nicht, was da passiert. Dann sagte er, er habe mich in einem Film gesehen. Damit umzugehen, musste ich erst lernen.
SPIEGEL ONLINE: Und was tun Sie, wenn Sie mal ganz für sich sein können?
Hoffman: Ich mag einfache Sachen. Ich lese gerne, treffe mich mit Freunden und trinke gerne Kaffee. Wenn man soviel beschäftigt ist, sind es die schlichten Dinge, die wirklich angenehm und wichtig sind. Wenn ich mit ein paar Freunden zusammensitze, ist das für mich wie ein kleiner Urlaub. Man muss sich über nichts Gedanken machen.