»La Chimera« von Alice Rohrwacher: Kopflos verliebt in die Vergangenheit - DER SPIEGEL
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Großes Kino von Alice Rohrwacher Kopflos verliebt in die Vergangenheit

In »La Chimera« erzählt die italienische Regisseurin Alice Rohrwacher von einem Grabräuber, der an einer unstillbaren Sehnsucht leidet. »The Crown«-Star Josh O’Connor läuft dabei zu Belmondo-Format auf.
Josh O’Connor als Grabräuber Arthur in »La Chimera«
Josh O’Connor als Grabräuber Arthur in »La Chimera«

Josh O’Connor als Grabräuber Arthur in »La Chimera«

Foto: Piffl Medien

Eigentlich sieht der schlafende Fahrgast blendend aus. Weißer Anzug, kurze Haare, rasiertes Kinn. Doch der fliegende Händler, der ihn bei seinem Nickerchen stört, rümpft sofort die Nase. »So stinkt man doch nur im Knast!« Damit beweist der Händler absolut den richtigen Riecher. Arthur (Josh O’Connor) ist tatsächlich soeben aus dem Gefängnis entlassen worden und nun auf dem Weg nach Hause. Oder was dafür gerade herhalten muss.

Arthur hat nämlich keinen Ort, den er wirklich Zuhause nennen könnte. Durch Zufall ist der Engländer in der umbrischen Provinz gelandet, wo er als Teil einer Bande von Grabräubern, sogenannter tombaroli, antike Grabstätten plündert und die Kunstwerke auf dem Schwarzmarkt verscherbelt.

Die Grabräuber bei ihrem kriminellen Werk

Die Grabräuber bei ihrem kriminellen Werk

Foto: Piffl Medien

Mehr noch als ein Ort fehlt Arthur allerdings eine Zeit, die er sein Zuhause nennen könnte. Zur Zeit der Etrusker, die von 800 bis 350 vor Christus das nördliche Mittelitalien besiedelten, hat er eine besondere Verbindung – so besonders, dass er sogar erspüren kann, wo sie ihre Gräber anlegten.

Für seine Freunde von den tombaroli ist er deshalb unverzichtbarer Teil ihres kriminellen Geschäfts. Und auch wenn Arthur die gemeinsamen Raubzüge vorübergehend ins Gefängnis gebracht haben, schließt er sich ihnen wieder an. Denn das nächste Grab, so hofft er, wird ihn mit noch einer weiteren Vergangenheit verbinden. Einer Vergangenheit, in der seine geliebte Beniamina noch lebte.

Sprechchöre in Cannes

Die magische Verbindung zur Vergangenheit teilt Arthur mit seiner Schöpferin Alice Rohrwacher. Mit nur drei Spielfilmen und einem Dokumentarfilm hat sich die Italienerin als eine der originellsten Regisseurinnen unserer Zeit etabliert – und als eine der beliebtesten. In Cannes, wo ihre Filme seit dem Debüt »Für den Himmel bestimmt« von 2011 durchgängig laufen, brechen Fans regelmäßig in »Alice! Alice!«-Sprechchöre aus, so sehr wird sie für ihre zarten und gleichzeitig robusten Filmkunstwerke verehrt.

Auf den ersten Blick ist an denen nichts gefällig. Rohrwacher erzählt von prekären Lebensgemeinschaften, von einer Imkerfamilie, die um ihr wirtschaftliches Überleben kämpfen muss (»Land der Wunder«), oder von einer Gruppe von Erntehelfern, die wie Sklaven gehalten werden (»Glücklich wie Lazzaro«). Oder eben, wie jetzt in ihrem neuesten Film »La Chimera«, von einer räudigen Truppe von tombaroli, die sich wenig darum kümmern, mit welchen historisch bedeutsamen Schätzen sie es eigentlich zu tun haben.

Rohrwachers Geschichten fußen alle auf wahren Begebenheiten, teils auch auf ihrer eigenen Biografie. So hat sie erzählt, dass in ihrer Jugend in der Toskana ganz selbstverständlich davon berichtet wurde, wenn sich Bekannte wieder auf zu Grabplünderungen machten. Das heißt jedoch nicht, dass sich Rohrwacher dadurch dem gegenwärtigen Italien besonders verbunden fühlen würde, im Gegenteil. Vor allem ihr Dokumentarfilm »Futura«, 2021 gemeinsam mit Pietro Marcello und Francesco Munzi gedreht, entwarf das düstere Bild eines Landes, dessen Jugend keine Zukunft mehr für sich sieht.

Umso mehr legt sich Rohrwacher ins Zeug, in ihren Spielfilmen eine zauberhafte Zwischenwelt zu entwerfen, in der Vergangenheit und Gegenwart, Schmutz und Schönheit, Italo-Disco und Opernmusik, ja, sogar verschiedene Filmmaterialien und Bildformate nebeneinander bestehen können. Der Zugang zu dieser Zwischenwelt ist leicht, denn Rohrwacher erzählt mit unbedingter Empathie für ihre verschmutzten und stinkenden Heldinnen und Helden. Und hat man sich als Zuschauerin erst einmal in dieser Zwischenwelt, in Alices eigenem Wunderland zurechtgefunden, möchte man sie kaum mehr verlassen.

So ist es offenbar auch »La Chimera«-Hauptdarsteller Josh O’Connor ergangen. Der Brite, vor allem als Prinz-Charles-Darsteller aus der Serie »The Crown« bekannt, war so begeistert von Rohrwachers Filmen, dass er ihr einen Fanbrief schickte und nach einer Rolle fragte. Nach kurzem Überlegen schrieb Rohrwacher die Figur des ursprünglich älter angelegten Arthurs so um, dass sie auf den 33-Jährigen passte – und schenkte sich selbst damit den ersten heillos romantischen Helden ihres Kinos.

Dem Abstieg entgegen

Als Arthur stolpert und strauchelt O’Connor hinreißend durchs Leben. Schnell wird der weiße Anzug fleckig, bald sprießt der Bart und werden die Haare zauselig. Nicht nur äußerlich erinnert er so immer mehr an Jean-Paul Belmondo in »Elf Uhr nachts«. Wie einst Belmondos Pierrot le fou ist auch O’Connors Arthur so kopflos verliebt, dass er von seinem eigenen Niedergang kaum Notiz nimmt.

Schmeißt sich vergebens an Arthur ran: Italia (Carol Duarte)

Schmeißt sich vergebens an Arthur ran: Italia (Carol Duarte)

Foto: Piffl Medien

Seinem Ziel, Beniamina wiederzufinden, kommt Arthur trotz aller Anstrengungen nie auch nur einen Schritt näher. So erklärt sich denn auch der doppeldeutige Titel des Films. Eine Schimäre ist ein Trugbild, dem man nachhängt, obwohl man es eigentlich besser wissen müsste. Eine Schimäre ist aber genauso auch ein mythisches Mischwesen, das sich aus ungleichen Teilen zusammensetzt – wie Arthur, der Engländer in Italien, der zwischen Himmel und Erde, gestern und heute lebt.

Besser als er könnte kaum eine Figur das wunderbare Kino von Alice Rohrwacher verkörpern. Auf dass sie beide nie aus ihren Zwischenwelten herausfinden.